Kursfeuerwerk Biogen-Studie macht Alzheimer-Patienten Hoffnung

Hoffnung für an Alzheimer erkrankte Menschen: Ein Mittel von Biogen und seines Partners Eisai kann in einer Studie punkten. Die Nachricht entfacht ein Kursfeuerwerk bei zahlreichen Pharma-Aktien.
Gedächtnistest: Ein 55 Jahre alter Mann unterzieht sich einem Test und einem Programm zur Sensibilisierung für die Gesundheit des Gehirns in der "Brain Health Clinic" im Jayanagar General Hospital (Bangalore) anlässlich des "Welt-Alzheimer-Tages" am 21. September.Der Welt-Alzheimer-Tag stand in diesem Jahr unter dem Motto "Know Dementia, Know Alzheimer's".

Gedächtnistest: Ein 55 Jahre alter Mann unterzieht sich einem Test und einem Programm zur Sensibilisierung für die Gesundheit des Gehirns in der "Brain Health Clinic" im Jayanagar General Hospital (Bangalore) anlässlich des "Welt-Alzheimer-Tages" am 21. September.Der Welt-Alzheimer-Tag stand in diesem Jahr unter dem Motto "Know Dementia, Know Alzheimer's".

Foto: JAGADEESH NV / EPA

Der US-Biotechkonzern Biogen und sein japanischer Partner Eisai wecken mit Studiendaten Hoffnungen zu einem neuen Alzheimermedikament. Das Mittel Lecanemab konnte in einer großen Studie mit Patienten im Frühstadium der Krankheit den kognitiven und funktionellen Verfall deutlich verlangsamen – ein seltener Erfolg in der Alzheimerforschung, in der es zahlreiche gescheiterte Medikamentenprojekte gibt. In der entscheidenden klinischen Studie der Phase 3 verlangsamte Lecanemab das Fortschreiten der Krankheit um 27 Prozent im Vergleich zu einem Placebo. Damit wurde das Hauptziel der Studie erreicht. Die beiden Unternehmen hoffen nun auf eine Zulassung des Mittels in den USA Anfang nächsten Jahres. Auch eine Zulassung in Japan und Europa soll beantragt werden.

Aktien von Biogen  zogen vorbörslich in den USA aber auch in Europa um 44 Prozent an, die Papiere von Eisai  schossen um mehr als 60 Prozent in die Höhe. Auch andere Pharmawerte kletterten deutlich.

"Wenn man eine Krankheit um fast 30 Prozent verlangsamen kann, ist das fantastisch. Das ist es, wonach wir gesucht haben", urteilte der Neurologe Jeff Cummings von der Universität von Nevada Las Vegas. Ronald Petersen von der Mayo Klinik in Minnesota sagte, der Effekt sei zwar nicht groß, aber positiv.

"Wenn man eine Krankheit um fast 30 Prozent verlangsamen kann, ist das fantastisch"

Neurologe Jeff Cummings von der Universität von Nevada Las Vegas

Eisai erklärte, dass die Ergebnisse der Studie mit fast 1800 Patienten die seit Langem bestehende Theorie bestätigen, dass die Entfernung von Ablagerungen des Proteins Beta-Amyloid aus dem Gehirn von Menschen mit früher Alzheimer-Krankheit das Fortschreiten der Krankheit verzögern kann. Die Daten zu Lecanemab deuten auf ein "potenziell neues Multi-Milliarden-Dollar-Geschäft" hin, erklärte Jefferies-Analyst Michael Yee.

Positive Kommentare auch von anderen Experten: Matthew Harrison von Morgan Stanley sprach von einem "klaren Sieg" für Biogen. Seine Kollegen der Analystenhäuser Mizuho, Baird und BMO Capital Markets nahmen umgehend Hochstufungen der Biogen-Aktie vor. Analyst Terence Flynn von Morgan Stanley sieht nun auch eine steigende Erfolgswahrscheinlichkeit für Eli Lillys Alzheimer-Medikament Donanemab. Keyur Parekh von Goldman Sachs zieht aus den Studiendaten positive Rückschlüsse für die Alzheimer-Entwicklung bei Roche, Morphosys und Lonza.

"Potenziell neues Multi-Milliarden-Dollar-Geschäft"

Lecanemab ist wie das Alzheimermittel Aduhelm der beiden Partner ein intravenös zu verabreichender Antikörper, der Amyloid-Ablagerungen entfernen soll. Anders als Aduhelm zielt Lecanemab auf Formen von Amyloid ab, die noch nicht verklumpt sind. Aduhelm war das erste neue Alzheimer-Medikament, das in den vergangenen 20 Jahren nach einer langen Reihe von Misserfolgen in der Branche auf den Markt kam. Seine Zulassung in den USA ist allerdings umstritten. Dort hatte die Arzneimittelbehörde FDA grünes Licht gegeben, obwohl sich zuvor ein Beratergremium dagegen ausgesprochen hatte.

Aktien von Morphosys, Eli Lilly und Roche ziehen ebenfalls rasant an

Im Sog der Nachricht und Kursaufschläge bei Biogen und Eisai zogen auch andere Pharmawerte sprunghaft an. So kletterten die Kurse von Morphosys und Roche sowie Eli Lilly zweistellig. Der Grund: Neben dem Duo Biogen/Eisai ringen auch Morphosys und Roche gemeinsam mit dem Wirkstoff Gantenerumab sowie Eli Lilly mit Donanemab um ein wirksames Medikament gegen Alzheimer.

Die Papiere des deutschen Antikörperspezialisten Morphosys  schnellten am Mittwoch zeitweise um mehr als 21 Prozent in die Höhe. Die Anteilsscheine des Schweizer Partners Roche  verteuerten sich um 5,7 Prozent. Eli Lilly  erreichten im vorbörslichen US-Handel mit mehr als 8 Prozent Plus ein Rekordhoch. Die Biogen-Papiere schossen im vorbörslichen US-Handel um bis zu 51 Prozent nach oben. Die Anteilsscheine des schwedischen Eisai-Entwicklungspartners BioArctic AB  wurden gar um 134 Prozent nach oben katapultiert.

Alzheimer-Forschung hat diverse Misserfolge hinter sich

Das Geschäft mit Aduhelm läuft seither nur schleppend. Nach Angaben der FDA zeigten die klinischen Studien mit dem Mittel eine erhebliche Verringerung der Ablagerungen. Bei einigen Patienten trat aber eine potenziell gefährliche Hirnschwellung auf. Andere Experten zeigten sich skeptisch, ob Aduhelm den kognitiven Verfall wirklich bremsen kann. In der Studie mit Lecanemab lag die Rate von Hirnschwellungen bei 12,5 Prozent in der Gruppe der Patienten, die das Mittel bekamen gegenüber 1,7 Prozent in der Placebo-Gruppe. In vielen Fällen traten jedoch keine Symptome auf, wobei eine symptomatische Hirnschwellung bei 2,8 Prozent der Patienten in der Lecanemab-Gruppe beobachtet wurde. Der Neurologe Petersen von der Mayo Klinik sagte, die Nebenwirkungsrate sei viel geringer als bei Aduhelm und "sicherlich erträglich".

Zahlreiche Pharmakonzerne mussten in der Alzheimer-Forschung bereits Misserfolge verkraften, erst kürzlich scheiterte der Antikörper Crenezumab von Roche in einer klinischen Studie. Weltweit leiden nahezu 50 Millionen Menschen an einer Demenz und jährlich werden zehn Millionen neue Erkrankungen diagnostiziert. Alzheimer ist die häufigste Form der Erkrankung.

rei/Reuters/DPA
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