Pharmakonzern Merck fürchtet plötzlichen Gasmangel nicht

Der Pharmakonzern Merck hat vorgesorgt und könnte in einer Gasnotlage die Produktion auf Erdöl umstellen, sagt Chefin Belén Garijo. Die chemische Industrie indes rechnet mit Engpässen ab Herbst, sollte kein Gas mehr aus Russland fließen.
Merck-Chefin Belén Garijo betont, der Pharmakonzern habe sich rechtzeitig mit Rohstoffen und Erdöl eingedeckt, um bei einer möglichen Gasnotlage weiter produzieren zu können

Merck-Chefin Belén Garijo betont, der Pharmakonzern habe sich rechtzeitig mit Rohstoffen und Erdöl eingedeckt, um bei einer möglichen Gasnotlage weiter produzieren zu können

Foto: Bernd Hartung / Merck / dpa

Die Gaslieferungen aus Russland tendieren wegen Wartungsarbeiten an der Pipeline Nord Stream 1 aktuell gegen null. Wie stark Gas nach Abschluss dieser Arbeiten fließt, ist unklar. Noch haben Bundesregierung und Bundesnetzagentur keine Gasnotlage festgestellt, doch verbal haben die Verteilungskämpfe für diesen Fall längst begonnen. So forderte die deutsche Industrie vor wenigen Tagen, sich im Falle eines akuten Gasmangels nicht hinten anstellen zu müssen. Es gibt auch Unternehmen, die sich gut auf diesen Notfall vorbereitet sehen.

Der Darmstädter Pharma- und Technologiekonzern Merck etwa sieht sich für einen möglichen plötzlichen Gasmangel gerüstet. "Wir sind sehr gut darauf vorbereitet", sagte Vorstandschefin Belén Garijo (61) im Gespräch mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (Dienstag) auf eine entsprechende Frage. "Wir sind darauf vorbereitet, dann unsere Produktionsprozesse unter anderem auf Erdöl zu verlagern."

Zugleich verringere man die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern. "Ich bin ziemlich zuversichtlich, was die Situation angeht, in der wir uns befinden." Aber natürlich müsse die Regierung den Unternehmen, die kritische Medikamente und kritische Produkte herstellen, eine Priorität einräumen, forderte auch die Managerin wie vor wenigen Tagen der Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, Stefan Wolf (60).

"Wir haben auch den Kauf von Öl vorweggenommen, um auf den schlimmsten Fall vorbereitet zu sein"

Sie sei "ziemlich zuversichtlich, dass wir weiterhin Medikamente liefern können", führte Garijo aus. Merck habe sich mit Rohstoffen eingedeckt. "Wir haben auch den Kauf von Öl vorweggenommen, um auf den schlimmsten Fall vorbereitet zu sein. Aber gleichzeitig hängt es sehr von der Dauer der Engpässe ab, und wie wir es schaffen, parallel dazu auf alternative Quellen umzustellen."

Zur Frage, was der längste Zeitraum sei, den Merck durchhalten könne, äußerte sich Garijo nicht konkret in dem Gespräch. Sie verwies darauf, dass der Konzern im Branchenvergleich nicht besonders energieintensiv sei.

Merck mit mehr als 60.000 Beschäftigten weltweit und 19,7 Milliarden Euro Umsatz 2021 stellt Arzneien etwa gegen Krebs, Unfruchtbarkeit und Multiple Sklerose her. Zudem macht der Dax-Konzern Geschäfte mit Produkten und Dienstleistungen für die Arzneimittelherstellung und bietet unter anderem Lösungen für die Halbleiterindustrie.

Chemische Industrie rechnet mit Engpässen im Herbst oder Winter

Die Chemieindustrie als großer Gasverbraucher dürfte ein totaler Gas-Lieferstopp vermutlich härter treffen. Ein Gasmangel würde Deutschland aus Sicht der Chemiebranche aber schrittweise und regional treffen. "Wir werden einen Gasmangel nicht gleichzeitig in Deutschland sehen und auch nicht flächendeckend", sagte Jörg Rothermel, Energieexperte beim Verband der Chemischen Industrie (VCI). Der Osten und Süden würden im Ernstfall wahrscheinlich zuerst betroffen sein. "Im Süden haben wir nur zwei Speicher. Außerdem ist das Netz nicht für stärkere Gasflüsse aus dem Norden und Westen ausgelegt."

Sollte die Pipeline Nord Stream 1 ab dem Wochenende dauerhaft nicht mehr in Betrieb genommen werden, rechne man mit Engpässen im Herbst oder Winter, sagte Rothermel. In jedem Fall bleibe Unsicherheit. "Das beste Gas nutzt nichts, wenn es zu teuer wird und nicht mehr wirtschaftlich ist.» Man müsse sich dauerhaft auf erhöhte Gaspreise einrichten. "Anfang letzten Jahres betrug der Gaspreis um die 20 Euro die Megawattstunde. Jetzt liegt er bei 150 bis 180."

rei/dpa-afx
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