Berufungsantrag abgelehnt Supreme Court lässt Bayer im Glyphosat-Streit abblitzen

Bayer hatte auf einen Befreiungsschlag im Dauerkonflikt um juristische Altlasten gehofft – und auf eine Signalwirkung für viele weitere Glyphosat-Klagen in den USA. Jetzt hat das höchste US-Gericht entschieden – Bayer-Chef Baumann reagiert mit Unverständnis.
Bayer-Chef Werner Baumann: Der Konzern hat bereits weitere 4,5 Milliarden Dollar zurückgestellt, um mögliche Forderungen aus weiteren Klagen zu begleichen

Bayer-Chef Werner Baumann: Der Konzern hat bereits weitere 4,5 Milliarden Dollar zurückgestellt, um mögliche Forderungen aus weiteren Klagen zu begleichen

Foto: Geert Vanden Wijngaert / Bloomberg

Der Bayer-Konzern ist in einem wegweisenden Rechtsstreit um angebliche Krebsrisiken des Unkrautvernichters Glyphosat mit einem Berufungsantrag beim obersten US-Gericht gescheitert. Der US Supreme Court gab am Dienstag in Washington bekannt, sich mit dem für viele andere US-Verfahren richtunggebenden Fall nicht zu befassen.

Für Bayer stirbt damit zunächst die Hoffnung auf einen Befreiungsschlag im Dauerkonflikt um juristische Altlasten, die der Agrarchemie- und Pharmakonzern sich mit dem über 60 Milliarden Dollar teuren Kauf des US-Saatgutriesen Monsanto 2018 eingebrockt hatte. Bayer hofft nun auf eine zweite Chance in einem weiteren verlorenen Fall, für den ebenfalls ein Antrag auf Überprüfung des Urteils beim Supreme Court eingereicht worden war. Eine Entscheidung dazu wird in Kürze erwartet.

Die Aktie von Bayer  knickte am Dienstagnachmittag zunächst auf gut 60 Euro ein – der tiefste Stand seit Mitte Mai. Zuletzt fiel sie dann noch um etwa drei Prozent auf 61,62 Euro.

Vorstandschef Werner Baumann (59) hatte für ein Urteil des Supreme Courts zugunsten Bayers gute Gründe gesehen, da die US-Umweltbehörde EPA selbst Warnhinweise vor möglichen Krebsgefahren bei dem Herbizid verboten hat. Sie hatte befunden, dass glyphosatbasierte Unkrautvernichter sicher genutzt werden können und nicht krebserregend sind. Allerdings hat ein US-Bundesberufungsgericht der EPA jüngst eine neue Risikoprüfung von Glyphosat aufgetragen.

Konkret ging es bei dem Antrag beim Supreme Court um die Überprüfung eines Urteils zugunsten des Klägers Edwin Hardeman, der glyphosathaltige Monsanto-Produkte für seine Krebserkrankung verantwortlich machte. Ihm waren 2019 nach einem Gerichtsprozess letztendlich gut 25 Millionen Dollar Schadensersatz zugesprochen worden. Bayer weist vehement zurück, dass Glyphosat Krebs verursacht. Der Konzern argumentiert mit der Zustimmung von Aufsichtsbehörden und Studien, die belegen sollen, dass Unkrautvernichter wie Monsantos umstrittenes Roundup bei vorschriftsgemäßer Anwendung sicher seien.

In einer manager magazin vorliegenden Stellungnahme kommentiert Bayer die Entscheidung mit Enttäuschung und Unverständnis: "Wir können die Ablehnung des Falls Hardeman durch den Supreme Court nicht nachvollziehen. Die Entscheidung untergräbt die Verlässlichkeit von Regulierungsentscheidungen für Unternehmen, weil sie zulässt, dass jeder einzelne Bundesstaat der USA unterschiedliche Gebrauchshinweise verlangen kann. Das widerspricht klar dem Anspruch an Einheitlichkeit, den der US-Kongress in Gesetzesgrundlagen [...] hat."

Bislang hat Bayer in der Glyphosat-Klagewelle in den USA drei Prozesse mit millionenschweren Schadenersatzzahlungen verloren. Im Fall Hardeman waren die Leverkusener im vergangenen August bis vor den Supreme Court gezogen. In einem weiteren dieser Fälle, dem des Ehepaars Pilliod, hatte Bayer im März seinen Berufungsantrag beim Supreme Court eingereicht. An der Prozessfront hat sich das Blatt zuletzt zugunsten Bayers gewendet: Erst vor wenigen Tagen gewann das Unternehmen den vierten Glyphosat-Fall in Folge.

Ganz überraschend kommt die Entscheidung nicht

Bayer hatte große Hoffnung darauf gesetzt, dass der Supreme Court die Entscheidung kippt. Das hätte Signalwirkung für zahlreiche weitere Glyphosat-Klagen in den USA gehabt, von denen für den Dax-Konzern milliardenschwere Rechtsrisiken abhängen. Doch überraschend kommt die Entscheidung des obersten US-Gerichts, den Fall Hardeman nicht anzunehmen, nicht. Die Regierung von Präsident Joe Biden hatte dem Supreme Court bereits von der Annahme des Falls abgeraten. Das war eine beachtliche Kehrtwende - unter Vorgänger Donald Trump hatte sich Washington zunächst noch hinter Bayer gestellt.

Bayer stellte bereits zusätzlich 4,5 Milliarden Dollar zurück

Das Leverkusener Unternehmen hatte bereits die Weichen für eine Schlappe beim Supreme Court gestellt. Für diesen Fall hatte Bayer im vergangenen Sommer zu den bisherigen zwei Milliarden Dollar zusätzliche Rückstellungen von 4,5 Milliarden Dollar gebildet. Mit diesem Geld will der Konzern ein Programm aufsetzen, um in den kommenden 15 Jahren mit den Forderungen potenzieller neuer Kläger in den USA umzugehen. Die vielen Klagen, mit denen Bayer in den USA konfrontiert ist, stützen sich besonders auf eine Einschätzung der Internationalen Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation. Sie stufte Monsantos Unkrautvernichter 2015 als "wahrscheinlich krebserregend" für Menschen ein.

rei/DPA