US-Biotechfirma Vividion Bayer stärkt Pharmasparte mit Milliardenzukauf

Für bis zu zwei Milliarden Euro kauft der schwer gebeutelte Bayer-Konzern die US-Biotechfirma Vividion. Das soll nach dem Glyphosat-Debakel zumindest das Pharmageschäft stärken. Anleger sind skeptisch. Die Bayer-Aktie bricht weiter ein.
Neuer Wissensschatz: Mitarbeiter in der Substanzbibliothek des Bayer-Pharmaforschungszentrums in Wuppertal

Neuer Wissensschatz: Mitarbeiter in der Substanzbibliothek des Bayer-Pharmaforschungszentrums in Wuppertal

Foto: INA FASSBENDER/ REUTERS

Bayer will mit einem Zukauf in den USA seine Pharmaforschung stärken. Der Konzern übernehme hierzu das Biotechunternehmen Vividion Therapeutics, teilte Bayer am Donnerstag mit. Der Kaufpreis betrage 1,5 Milliarden Dollar (rund 1,3 Milliarden Euro). Hinzu könnten noch erfolgsabhängige Meilensteinzahlungen von bis zu 500 Millionen Dollar kommen. "Mit seiner Technologieplattform ist Vividion in der Lage, unterschiedliche Therapien mit niedermolekularen Wirkstoffen für verschiedene Indikationen zu entwickeln." Dabei liege der Schwerpunkt zunächst im Bereich der Onkologie und Immunologie.

"Unser Ziel ist es, Patienten, deren medizinische Bedürfnisse durch die heute verfügbaren Behandlungsoptionen noch nicht abgedeckt werden, innovative Therapien anzubieten", sagte Bayer-Pharmachef Stefan Oelrich (53). Die Transaktion soll noch im laufenden Quartal abgeschlossen werden. Dabei mussten die Leverkusener schnell sein, weil Vividion parallel Pläne für einen Börsengang verfolgte und bereits erste Unterlagen bei den Behörden eingereicht hatte. "Vom ersten Telefonat bis zur Unterschrift vergingen nur sieben Wochen", sagte Oelrich im Gespräch mit der Finanznachrichtenagentur dpa-AFX.

Vividion werde weiter als eigenständiges Unternehmen geführt, hieß es. Bayer verfüge nach Abschluss der Übernahme über sämtliche Rechte an der Forschungsplattform von Vividion. Trotz allen Fortschritts in der Medizinforschung könnten 90 Prozent der bekannten krank machenden Proteine mit aktuellen Therapien nicht angesprochen werden, da schlicht keine Bindungsstellen für Wirkstoffe bekannt seien, erklärte Vividion-Chef Jeff Hatfield. Anders als klassische Screening-Verfahren sei das Unternehmen mit seiner Technologie in der Lage, sehr kleine, verborgene Oberflächenstrukturen zu finden, sowie winzige Moleküle, die sich an diese binden.

Milliardenverlust wegen Glyphosat, aber bessere Aussichten

Zugleich berichtete der Bayer-Konzern von Zuwächsen im ersten Halbjahr und erhöhte seine Prognose für das Geschäftsjahr. Bayer erwarte nun 2021 ein um Sondereinflüsse bereinigtes operatives Ergebnis (Ebitda) von 10,6 bis 10,9 Milliarden Euro nach bislang 10,5 bis 10,8 Milliarden Euro, wie der Konzern am Donnerstag mitteilte. Der Umsatz soll auf 44 Milliarden Euro klettern nach bislang erwarteten 42 bis 43 Milliarden Euro. Das bereinigte Ergebnis je Aktie erwartet Bayer nun bei 6 bis 6,20 Euro nach bislang 5,60 Euro bis 5,80 Euro.

Anleger zeigten sich von der Halbjahresbilanz und den Zukaufplänen wenig begeistert. Die Aktie von Bayer stürzte am Donnerstag um knapp 8 Prozent auf 46 Euro ab und notiert auf dem tiefsten Niveau seit mehr als 6 Monaten. Binnen drei Jahren hat sich der Kurs des einstigen Dax-Schwergewichts mehr als halbiert. Die Übernahme des Glyphosat-Herstellers Monsanto in den USA, von Bayer-Chef Werner Baumann noch immer vehement verteidigt, hat sich als toxisch erwiesen.

Im zweiten Quartal schrumpfte allerdings für den Gesamtkonzern das Ebitda vor Sondereinflüssen um 10,6 Prozent auf 2,6 Milliarden Euro. Höhere Kosten vor allem in der Agrarsparte und Währungseffekte belasteten. Im Pharmageschäft konnte das Unternehmen zulegen. "Wir haben große Erfolge bei der Entwicklung und Einführung von Medikamenten erzielt, von denen einige Blockbuster-Potenzial haben", betonte Vorstandschef Werner Baumann (58). Das bereinigte Ebitda vor Sondereinflüssen stieg um 3 Prozent auf 1,4 Milliarden Euro.

Unter dem Strich stand wegen erneuter Rückstellungen für mögliche Belastungen im US-Rechtsstreit um angebliche Krebsrisiken glyphosathaltiger Unkrautnichter zwischen April und Ende Juni ein Verlust von gut 2,3 Milliarden Euro. Bayer hatte 2018 den Glyphosathersteller Monsanto für den Rekordbetrag von 60 Milliarden Euro übernommen und damit das Gewicht des Konzerns zur Agrarchemie verschoben. Statt des erhofften Wachstums brachte der Deal seither jedoch vor allem Rechtskosten in zweistelliger Milliardenhöhe. Hoffnungen, dieses Kapitel mit einem teuren Vergleich abschließen zu können, wurden immer wieder enttäuscht.

Die Pharmasparte, im globalen Branchenranking von "Fierce Pharma" für 2020 auf Platz 12, kam kaum voran. Wichtige Umsatzbringer wie der Gerinnungshemmer Xarelto oder das Augenmittel Eylea stehen vor einem Ablauf des Patentschutzes. Im Corona-Geschäft spielt Bayer nur eine Nebenrolle, unter anderem als Produktionspartner des bislang glücklosen  Impfstoffherstellers Curevac.

ak/Reuters, dpa-afx