Corona-Impfstoff USA säen neue Zweifel an Astrazeneca

Kaum sind die lang ersehnten Daten der US-Studie öffentlich, wird das Vertrauen in den Astrazeneca-Impfstoff erneut erschüttert. Das Kontrollgremium, das die Studie überwacht, distanziert sich vom gemeldeten Ergebnis - ein höchst ungewöhnlicher Vorgang.
Schlechte Adresse: Straßenschild vor dem US-Firmensitz von Astrazeneca in Wilmington (Delaware)

Schlechte Adresse: Straßenschild vor dem US-Firmensitz von Astrazeneca in Wilmington (Delaware)

Foto: RACHEL WISNIEWSKI / REUTERS

Astrazeneca droht im Zusammenhang mit seinem Covid-19-Impfstoff neues Ungemach. Nachdem der Pharmakonzern gerade erst positive Wirksamkeitsdaten aus seiner großen US-Studie mit dem Vakzin veröffentlicht hat, äußerte eine US-Behörde Bedenken an diesen. Das vom US-Seuchenexperten Anthony Fauci (80) geführte Nationale Institut für Allergien und Infektionskrankheiten (NIAID) erklärt , die Zusammenfassung der Wirksamkeitsangaben basiere womöglich auf veralteten Informationen. Darauf habe ein unabhängiges Gremium zur Überwachung der Studie hingewiesen. Das Unternehmen müsse nun mit dem Gremium zusammenarbeiten und die Veröffentlichung der "akkuratesten und aktuellsten Wirksamkeitsdaten so schnell wie möglich" sicherstellen.

Das Data and Safety Monitoring Board (DSMB) aus elf unabhängigen Experten habe am späten Montagabend seine Bedenken mitgeteilt - Stunden, nachdem Astrazeneca die Studienergebnisse herausgegeben und das positive Urteil des Kontrollgremiums betont hatte. Die Mitteilung enthielt keine Aussage darüber, worin genau sich die möglicherweise ausgelassenen Studiendaten von den veröffentlichten unterscheiden. Die "Washington Post" zitierte  aus dem Brief des DSMB, mit vollständigen Daten hätte Astrazeneca eine Wirksamkeit zwischen 69 und 74 Prozent statt 79 Prozent nennen müssen. Das Verhalten des Konzerns wurde mit einem Schüler verglichen, der seine Eltern über die Zeugnisnoten belügt. Auf das Thema Nebenwirkungen ging die Stellungnahme nicht ein.

Eine solche Distanzierung sei "höchst ungewöhnlich", erklärte der bekannte US-Arzt Eric Topol (66) - einer der meistzitierten Wissenschaftler der Medizin - gegenüber der "New York Times" . Normalerweise stimmten sich die Arznei- oder Impfstoffentwickler und Überwachungsbehörden eng ab und achteten auf eine einheitliche Kommunikation. "So etwas habe ich noch nie erlebt." Er finde das Chaos "so, so beunruhigend".

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Fauci äußerte am Dienstagmorgen im ABC-Fernsehen sein Bedauern über den "vermeidbaren Fehler" von Astrazeneca. Der Impfstoff sei wahrscheinlich wirklich sehr gut, müsse jetzt von Fachwelt und Öffentlichkeit aber kritischer beäugt werden, und das dürfte die Impfbereitschaft dämpfen.

Astrazeneca reagierte am Dienstagmittag : Der Konzern werde umgehend mit dem DSMB über die Analyse der aktuellsten Daten beraten und binnen 48 Stunden einen neuen Stand veröffentlichen. Das bisher Geteilte sei ein vorläufiger Zwischenstand zum Stichtag 17. Februar und entspreche einem vorab festgelegten Verfahren. Den am Montag veröffentlichten Studienergebnissen zufolge weist der Impfstoff mit einem Schutz von 79 Prozent vor Covid-19 eine höhere Wirksamkeit auf als bisher ermittelt. Außerdem erklärte der Konzern, dass die Impfung nicht zu einem erhöhten Thromboserisiko führe. Allerdings wäre eine klinische Studie auch mit mehr als 30.000 Teilnehmern kaum das geeignete Instrument, um extrem seltene Nebenwirkungen festzustellen.

USA kommen auch ohne Astrazeneca aus, die Welt nicht

In Deutschland und anderen europäischen Ländern wurde nach millionenfachen Impfungen mit Astrazeneca von einigen Fällen sehr seltener Blutgerinnsel berichtet. Daraufhin wurden die Impfungen vorübergehend gestoppt. Inzwischen wurden sie aber in den meisten Ländern wieder aufgenommen. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA wie auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sprachen sich für ein Festhalten an dem Impfstoff mit einem zusätzlichen Warnhinweis aus.

Die Bedenken des NIAID stellen nun aber infrage, ob der Pharmakonzern wie geplant in den kommenden Wochen einen Antrag auf Notfallzulassung für den Impfstoff in den USA stellen kann. Ohnehin hatten sowohl Astrazeneca als auch Beteiligte der Zulassungsbehörde FDA die Erwartung geäußert, dass auch nach der Veröffentlichung der Studienergebnisse noch einige Zeit für die Auswertung der Daten gebraucht werde. Eine Zulassung des Impfstoffs sei bestenfalls für Mai zu erwarten. Die USA haben die Entwicklung des Impfstoffs mit 1,2 Milliarden Dollar staatlichem Zuschuss über das Programm "Warp Speed" gefördert und 300 Millionen Dosen bestellt.

Für die Versorgung der eigenen Bevölkerung könnten sie aber auf Astrazeneca womöglich verzichten, weil die Impfkampagne mit den verfügbaren Mitteln von Pfizer/Biontech und Moderna sowie dem inzwischen verfügbaren Vektorimpfstoff von Johnson & Johnson (der ähnliche Vorteile bietet wie der von Astrazeneca, zudem aber für die einfache Gabe mit nur einer statt zwei Dosen vorgesehen ist) schnell voranschreitet. Diese drei Impfstoffe seien mehr als ausreichend, um alle Erwachsenen bis Ende Mai impfen zu können, erklärte das Weiße Haus. Aus dem in den USA gelagerten Vorrat von sieben Millionen sofort verfügbaren Astrazeneca-Impfdosen sollten 2,5 Millionen Dosen an Mexiko und 1,5 Millionen an Kanada als "Leihgabe" geliefert werden - das erste Mal, dass die USA im Inland produzierten Corona-Impfstoff abgeben.

Ernstere Probleme könnte die neu entfachte Skepsis dem Rest der Welt bereiten. Das Astrazeneca-Mittel ist mit einer angepeilten Jahresproduktion von drei Milliarden Dosen der meistgenutzte Corona-Impfstoff weltweit. Neben Großbritannien, wo das Vakzin von der Universität Oxford entwickelt wurde, setzt die Impfkampagne in mehreren europäischen und vor allem in Entwicklungsländern vorrangig oder ausschließlich auf Astrazeneca. Die globale Covax-Initiative, um auch arme Länder mit gespendeten Impfstoffen zu versorgen, kommt erst allmählich in Gang. Bis Mai will sie 237 Millionen Dosen des in Indien gefertigten Impfstoffs von Astrazeneca an 142 Länder liefern. Nur 18 Länder können zusätzlich mit 1,2 Millionen Dosen von Biontech und Pfizer versorgt werden.

ak/Reuters
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