Mögliche Impfnebenwirkungen Deutschland stoppt Impfungen mit Astrazeneca vorsorglich

Aus Sorge um mögliche Nebenwirkungen stoppt jetzt auch Deutschland die Impfkampagne mit dem Vakzin von Astrazeneca. Der Konzern weist einen Zusammenhang zwischen gefährlichen Blutgerinnseln und der Impfung zurück. Die WHO springt Astrazeneca zur Seite.
Die Zweifel wachsen: Astrazeneca steht wegen seines Covid-Impfstoffes unter Druck

Die Zweifel wachsen: Astrazeneca steht wegen seines Covid-Impfstoffes unter Druck

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Christopher Furlong/ Getty Images

Auch Deutschland setzt Corona-Impfungen mit dem Präparat des Herstellers Astrazeneca vorsorglich aus. Das teilte das Bundesgesundheitsministerium am Montag mit und verwies auf eine aktuelle Empfehlung des Paul-Ehrlich-Instituts zu notwendigen weiteren Untersuchungen. Deutschlandweit wurde daraufhin die Vergabe neuer Impftermine gestoppt, bereits vereinbarte Termine für die Astrazeneca-Impfung werden abgesagt - auch wenn es sich um eine Folgeimpfung handelt.

Die Entscheidung geht nach Angaben von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (40, CDU) auf sieben Krankheitsfälle zurück. "Es ist sehr selten aufgetreten", sagte Spahn am Montag in Berlin. Zuvor hatte sein Ministerium mitgeteilt, dass die Impfungen mit dem Vakzin vorerst aus Vorsicht gestoppt seien, weil es Meldungen von Thrombosen der Hirnvenen im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung gegeben habe. "Bis jetzt gibt es sieben berichtete Fälle, die im Zusammenhang mit einer solche Hirnvenenthrombose stehen bei mittlerweile über 1,6 Millionen Impfungen in Deutschland", sagte Spahn. "Es geht um ein sehr geringeres Risiko - aber falls es tatsächlich im Zusammenhang mit der Impfung stehen sollte, um ein überdurchschnittliches Risiko." Astrazeneca werde "in vielen Ländern der Welt millionenfach verimpft", sagte Spahn. "Es ist eine fachliche Entscheidung und keine politische", versicherte er.

Spahn "zündet einen Flächenbrand", kritisierte hingegen Eugen Brysch (58), Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz. Durch den Wechsel zwischen verschiedenen Aussagen zur Sicherheit des Impfstoffs werde Vertrauen verspielt. Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach (58) kritisierte den Impfstopp: "Das schafft nur große Verunsicherung und Misstrauen in einer Situation, in der es auf jede Impfung ankommt", sagte Lauterbach der "Rheinischen Post". Im Sender RTL warnte er, wenn Astrazeneca nicht schnell wieder eingesetzt werde, würde die gesamte Impfstrategie mit Beteiligung von Hausärzten gefährdet.

Nun ist die Europäische Arzneimittelbehörde EMA am Zug, denn dort wird an einer erneuerten Bewertung des Impfstoffs gearbeitet. Spahn setzt darauf, dass die EMA "idealerweise noch im Laufe dieser Woche zu ihrer Entscheidung" kommt. Falls der Impfstoff weiter zugelassen wird, sollten auch die Impfungen wieder anlaufen. Offiziell teilte die EMA mit, am Dienstag werde der Sicherheitsausschuss über die neuen Informationen beraten. Für Donnerstag wurde eine Sondersitzung einberufen, um Schlüsse zu ziehen. Trotz der laufenden Ermittlungen bekräftigte die Behörde ihre Sicht, "dass der Nutzen der Astrazeneca-Impfung das Risiko von Nebenwirkungen übersteigt". Die Zahl der Thrombosefälle unter den Geimpften scheine nicht höher als in der Gesamtbevölkerung. Unter den an Covid-19 Erkrankten hingegen bilden sich sehr häufig Thrombosen.

Bisher gebe es keine Hinweise darauf, dass das Mittel ein ernstes Gesundheitsrisiko darstelle, sagte der Chef der EMA-Abteilung für Impfstrategien, Marco Cavaleri, am Montag bei einer Anhörung im EU-Parlament. "Wir sehen kein Problem darin, die Impfkampagne mit diesem Impfstoff fortzusetzen." Cavaleri sprach im Gesundheitsausschuss des Parlaments, kurz bevor Deutschland, Frankreich und Italien die Verabreichung des Mittels aussetzten. Am Abend schloss sich auch Spanien mit einem Impfstopp "für mindestens 15 Tage" an, während Tschechien und Polen ausdrücklich an einer Fortsetzung der Impfungen festhielten.

USA "ziemlich ermutigt"

Francis Collins (70), Direktor der staatlichen US-Gesundheitsinstitute National Intsitutes of Health, äußerte sich "ziemlich ermutigt" von Aussagen europäischer Behörden, dass die Fälle wohl eher zufällig aufgetreten und nicht ursächlich auf die Impfungen zurückzuführen seien. In den USA ist der Impfstoff, dessen Entwicklung mit 1,2 Milliarden Dollar vom staatlichen Programm "Warp Speed" gefördert wurde, noch immer nicht zugelassen. Dies könne in etwa einem Monat geschehen, erklärte Collins. Derzeit würden die Ergebnisse der abschließenden klinischen Studie mit 30.000 US-Probanden von unabhängigen Experten begutachtet, anschließend würden sie der Gesundheitsbehörde FDA vorgelegt.

Mehrere andere europäische Länder hatten bereits in den vergangenen Tagen die Verwendung des Impfstoffs von Astrazeneca vorübergehend gestoppt, um Fälle von Blutgerinnseln zu untersuchen, die nach der Impfung aufgetreten waren.

So setzten die Regierungen der Niederlande, von Irland, Dänemark, Norwegen und Island die Impfungen mit Astrazeneca vorübergehend aus. Italien und Österreich stoppten die Verwendung von bestimmten Chargen. Indonesien verschiebt den Einsatz des Astrazeneca-Impfstoffs - man wolle zunächst eine Überprüfung durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) abwarten. Indonesien hat diesen Monat 1,1 Millionen Dosen des britisch-schwedischen Impfstoffs erhalten und soll in den nächsten zwei Monaten weitere 10 Millionen erhalten.

WHO sieht derzeit keine Beweise für schwere Nebenwirkungen

Auch die Experten der Weltgesundheitsorganisation wollen am Dienstag beraten, wie die neuen Hinweise zu bewerten sind. "Zum heutigen Zeitpunkt gibt es keine Hinweise darauf, dass die Vorfälle durch den Impfstoff verursacht wurden, und es ist wichtig, dass die Impfkampagnen fortgesetzt werden, damit wir Leben retten und schwere Erkrankungen durch das Virus eindämmen können", teilte die WHO Montagmittag mit. Die WHO prüfe die ihr bekannten Fälle weiter.

Rückendeckung erhielt das Unternehmen auch vom britischen Premier Boris Johnson. "Mit Großbritanniens Arzneimittelbehörde haben wir eine der härtesten und erfahrensten Aufsichtsbehörden der Welt. Sie sehen überhaupt keinen Grund, das Impfprogramm abzubrechen", sagte er. In Großbritannien wurden bis Ende Februar 39 Fälle von Thrombosen und Embolien festgestellt - unter 9,7 Millionen mit Astrazeneca Geimpften. In derselben Größenordnung lagen die Zahlen für den Impfstoff von Biontech und Pfizer.

Astrazeneca selbst verteidigte seinen Covid-19-Impfstoff. Der Pharmakonzern sehe kein erhöhtes Risiko von Blutgerinnseln in Zusammenhang mit dem Vakzin. Eine sorgfältige Analyse aller verfügbaren Sicherheitsdaten von mehr als 17 Millionen Menschen, die in der Europäischen Union und in Großbritannien mit dem Mittel geimpft wurden, habe keine Hinweise auf ein erhöhtes Risiko einer Lungenembolie, einer tiefen Venenthrombose oder einen Rückgang der Blutplättchen ergeben, hatte das Unternehmen am Sonntagabend erklärt.

Die niederländische Arzneimittelaufsicht berichtete am Montag von zehn Fällen mit nennenswerten Nebenwirkungen, darunter mögliche Thrombose- oder Emboliefälle. 43.000 Impftermine wurden in dem Land kurzfristig abgesagt. Gesundheitsminister Hugo de Jonge sprach von einer "Vorsichtsmaßnahme". "Wir können keine Zweifel an dem Impfstoff zulassen", sagte er. "Wir müssen sicherstellen, dass alles in Ordnung ist, deshalb ist es ratsam, vorerst eine Pause einzulegen."

37 Fälle von Venenthrombose und Lungenembolie

Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA hatte in der vergangenen Woche noch erklärt, es gebe keine Hinweise darauf, dass die Fälle von Blutgerinnseln durch die Impfung mit AstraZeneca verursacht wurden. Astrazeneca erklärte, bislang seien 15 Fälle einer tiefen Venenthrombose und 22 Fälle einer Lungenembolie gemeldet worden, was vergleichbar mit anderen zugelassenen Covid-19-Impfstoffen sei. Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin an der München Klinik Schwabing, erklärte: Die berichteten schweren Fälle möglicher Nebenwirkungen dürften eher zufälliger Natur sein denn als Ursache angesehen werden. Es sei nun aber "bedauerlicherweise eine weitere vermeintlich negative Nachricht in der Welt, die dem Image des Impfstoffes und der Impfkampagne insgesamt schadet."

Astrazeneca kürzt Lieferversprechen erneut

Neben der Verunsicherung über mögliche Nebenwirkungen bleibt nicht zuletzt die Lieferfähigkeit von Astrazeneca. Am Freitag hatte der Konzern angekündigt, statt 220 Millionen nur 100 Millionen Dosen bis zur Jahresmitte an die EU-Staaten liefern zu können. Mehrere deutsche Bundesländer ziehen daraus Konsequenzen. Thüringen stoppte die Terminvergabe für Impfungen und verschob den geplanten Start von Impfungen bei Hausärzten. Sachsen-Anhalt stellt die Impfungen von Polizisten zurück. In Berlin werden neue Impftermine gestreckt.

Astrazeneca hatte die Lieferschwierigkeiten für das ersten und zweite Quartal zunächst mit Exportbeschränkungen begründet. Schon vor Wochen hatte das Unternehmen Lieferkürzungen bekannt gegeben. Damals hatte der Konzern angekündigt, im ersten Quartal statt mindestens 80 Millionen Impfdosen nur 40 Millionen in die EU liefern zu können. Jetzt sind es bis Ende März nur noch 30 Millionen.

USA horten Astrazeneca und erzürnen Söder

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder wiederum kritisierte die US-Regierung, weil sie derzeit nicht benötigten Astrazeneca-Impfstoff nicht an Europa liefern wolle. Zudem fordert der CSU-Chef ein Exportverbot für in der EU produzierten Impfstoff. Einem Bericht der "New York Times" zufolge horteten die USA Millionen Dosen des Astrazeneca-Vakzins - obwohl das Mittel noch keine Zulassung hat.

"Es kann nicht sein, dass aus Europa heraus ständig Impfstoff abfließt. Und es kann nicht sein, dass die USA Impfstoff horten und Europa darauf wartet", sagt er. Dies müsse man mit der US-Regierung ansprechen, auch dieses Thema gehöre zu einem guten transatlantischen Verhältnis. Angesichts der Bedenken gegenüber dem Astrazeneca-Impfstoff fordert Söder, dass sich künftig auch Politiker damit impfen lassen, um als Vorbild aufzutreten und Zweifel zu zerstreuen.

rei, ak/Reuters, AFP, DPA, AP