Impfzoff Britain First - Astrazeneca-Chef Pascal Soriot bietet der EU die Stirn

Impfstoffhersteller Astrazeneca zankt mit der EU nun sogar darum, ob ein Krisentreffen stattfindet. Konzernchef Pascal Soriot wehrt sich gegen Jens Spahns Exportbremse und Vorwürfe des Vertragsbruchs: Großbritannien werde zu Recht mit Vorrang beliefert.
Unbeirrt: Astrazeneca-Chef Pascal Soriot

Unbeirrt: Astrazeneca-Chef Pascal Soriot

Foto: WIN MCNAMEE / AFP

Der Streit um Lieferengpässe beim Impfstoff gegen das Coronavirus nimmt noch krassere Züge an. Der Pharmakonzern Astrazeneca widersprach am Mittwochmittag der Darstellung von EU-Vertretern, er habe seine Teilnahme an einem Krisentreffen kurzfristig und ohne Angabe von Gründen abgesagt. Später am Tag werde es ein Treffen geben, erklärte ein Konzernsprecher. Am Vormittag hatte die EU den Konzern aufgefordert, den gemeinsamen Liefervertrag zu veröffentlichen. Außerdem nannte sie Äußerungen von Konzernchef Pascal Soriot (61) in einem Interview falsch.

Soriot wies die Verantwortung für den akuten Mangel der Europäischen Union mit ihrem späten Vertragsabschluss zu. Er sagte in einem Interview  mit einem europäischen Zeitungsverbund um "La Repubblica", "El Pais", "Le Figaro" und "Die Welt"  am Mittwoch: "Wir sind in Europa jetzt zwei Monate hinter unserem ursprünglichen Plan." Man habe auch Anfangsprobleme in Großbritannien gehabt. "Aber der Vertrag mit den Briten wurde drei Monate vor dem mit Brüssel geschlossen. Wir hatten dort drei Monate mehr Zeit, um Pannen zu beheben."

Den Vorwurf des Vertragsbruchs wies Soriot zurück. Brüssel wollte nach seinen Worten mehr oder weniger zum selben Zeitpunkt beliefert werden wie die Briten - obwohl diese drei Monate früher unterzeichnet hätten. "Darum haben wir zugesagt, unser Bestmögliches zu tun." Doch "unser Vertrag enthält keine vertragliche Verpflichtung", zeigte sich der Manager juristisch spitzfindig.

Dass Großbritannien - nun aus britischer Produktion, zu Beginn vom Kontinent - mit Vorrang beliefert werde, geschehe zu Recht: Die Briten hätten schlicht die älteren Ansprüche. Schon bevor Astrazeneca in das Impfstoffprojekt einstieg, hätten die Entwickler der Universität Oxford gemeinsam mit der britischen Regierung den Herstellungsprozess vorbereitet. Damit einhergegangen sei auch eine Verpflichtung, aus der britischen Produktion zuerst den britischen Bedarf zu decken. Eine solche Klausel, europäische Produktion für Europa zu reservieren, sei mit der EU nicht vereinbart worden. Europa könne später auch Impfstoff aus Großbritannien beziehen, sobald dort Kapazitäten frei würden.

"Ich denke, wir behandeln Europa wirklich fair", beharrte Soriot. Die Führung des Konzerns bestehe überwiegend aus Europäern - mit ihm selbst als Franzosen und dem schwedischen Aufsichtsratschef Leif Johansson (69). Astrazeneca sei im Kern ein globaler Konzern, aber ebenso europäisch wie britisch. "Ich bin Europäer, ich trage Europa im Herzen." Er wünsche sich, dass der Impfstoff schnellstmöglich auf dem Kontinent zur Verfügung stehe, auch seine 92-jährige Mutter in Frankreich warte darauf. Das Warten auf den Impfstoff lasse die Emotionen hochkochen. Nüchtern könne man Europa aber sogar als privilegiert betrachten: Die EU erhalte mit 5 Prozent der Weltbevölkerung 17 Prozent der globalen Produktion im Februar.

Von der Leyen und Spahn drohen mit Exportkontrolle

Astrazeneca verkaufe das Vakzin "nicht anderswo für Profit", versicherte Soriot außerdem. Der Konzern habe sich gegenüber der Oxford-Universität vertraglich dazu verpflichtet, den Impfstoff zum Selbstkostenpreis abzugeben - auch für die weltweite Versorgung, etwa über die Covax-Initiative. "Europa hat gesagt, der Impfstoff ist ein Gemeingut und alle weltweit sollten gleichzeitig Zugang erhalten", erinnerte der Manager. "Und das ist es, was wir tun." Der Konzern arbeite an dem Großprojekt als Non-Profit-Unternehmen, "für das Wohl der Menschheit".

Hintergrund ist die Diskussion über Exportkontrollen. Die EU-Kommission unter Ursula von der Leyen (62, CDU) machte sich wegen des Astrazeneca-Falls am Dienstag für ein Transparenzregister stark, in dem Impfstofflieferungen aus der EU ins Ausland erfasst werden müssten. "Europa meint es ernst", sagte von der Leyen im Weltwirtschaftsforum an die Adresse der Hersteller. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (40, CDU) hatte sogar gefordert, solche Exporte müssten extra genehmigt werden - offenbar auch, um sie im Ernstfall zu verhindern. Wenn es Probleme in der Produktion gebe, sollten sie alle gleichermaßen treffen. "Es geht nicht um 'EU First', sondern um 'Europe's fair share'", sagte Spahn am Dienstag im ZDF.

Andere in der EU wandten sich gegen solche Handelshemmnisse. Auch die britische Regierung, die am Dienstag 100.000 Corona-Tote zählen musste, reagierte alarmiert. "Impfstoffnationalismus" führe nicht weiter, appellierte Premierminister Boris Johnson (56). "Dies ist ein Moment, um zusammenzuarbeiten und gemeinsam das Problem zu lösen. Dies ist kein Moment, um Impfstoffe als politisches Werkzeug einzusetzen", sagte auch Soriot. Schon am Montag hatte er - zwischen zwei Krisengesprächen mit der EU-Spitze - auf dem Weltwirtschaftsforum die "Ich-zuerst"-Haltung der Staaten angeprangert.

Innerhalb der EU steht Deutschland schon länger wegen Alleingängen in der Kritik, sich mit Zusatzverträgen neben den für die ganze Union abgeschlossenen Abkommen weitere Impfstoffmengen zu sichern. Spahn argumentierte damit, hier produzierte und mit Staatshilfe entwickelte Mittel müssten auch der hiesigen Bevölkerung mit Vorrang zugutekommen.

Produktionsprobleme "einfach Pech"

Großbritannien bekommt das Astrazeneca-Vakzin aus einheimischer Produktion, die zwischenzeitlich ebenfalls gefährdet war. Das Gelände der Abfüllanlage im walisischen Wrexham wurde in der vergangenen Woche in einem Unwetter überflutet, konnte vom Katastrophenschutz aber verteidigt werden. Die ersten Lieferungen Ende 2020 erhielten die Briten teilweise aus belgischer Produktion, als die eigenen Anlagen noch nicht ausreichend hochgefahren - nach Konzernangaben wurde diese Entscheidung auch getroffen, um den in Europa noch nicht zugelassenen Impfstoff nicht verschwenden zu müssen. Ein EU-Exportverbot könnte aber auch die britische Versorgung mit dem Vakzin von Biontech und Pfizer treffen, die komplett über ein Werk in Belgien läuft.

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Die Debatte ausgelöst hatte Astrazeneca am Freitag mit der Kürzung seines Lieferversprechens an die EU. Statt 80 Millionen Impfdosen sollen nach EU-Angaben bis Ende März nur 31 Millionen ankommen. Den angegebenen Grund - Probleme in der belgischen Lieferkette, die Soriot "einfach Pech" nannte, aber im Rahmen eines komplexen Prozesses durchaus erwartbar - will die EU nicht gelten lassen. Sie fordert Vertragstreue. Manche in der EU wie die italienische Regierung drohen auch mit Klage, was aussichtslos sein dürfte, wenn Soriots Worte zutreffen. Wie bei den anderen Impfstoffherstellern ist der Inhalt der Verträge nicht öffentlich. Das Europaparlament dringt auf Einsicht, bekam sie bislang aber nur teilweise vom deutschen Hersteller Curevac, an dem der Bund maßgeblich beteiligt ist, zugesichert.

Der EU-Parodieaccount "Berlaymonster" veröffentlichte auf Twitter Auszüge aus dem Curevac-Vertrag, in denen der Hersteller wegen der "erheblichen Unsicherheiten" in der Produktion ausdrücklich von Garantien oder Haftung für die versprochenen Liefermengen ausgenommen wird.

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Die EU-Kommission hatte Vertreter von Astrazeneca an diesem Mittwochabend erneut zur Krisensitzung mit Experten der EU-Staaten geladen. Am Montagabend gab es gleich zwei Treffen, nach denen Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides (64) die Antworten des britisch-schwedischen Konzerns weiterhin unbefriedigend nannte. Am Freitag wird die Entscheidung der europäischen Arzneimittelagentur EMA zur Zulassung des Astrazeneca-Mittels erwartet.

Impfstoff nur für Jüngere? "Ehrlich gesagt in Ordnung"

Pascal Soriot äußerte sich auch zu der Überlegung, den Impfstoff nur für die Altersgruppe unter 65 zuzulassen, wie es EMA-Chefin Emer Cooke und Gesundheitsminister Spahn in Erwägung ziehen. "Ehrlich gesagt, ist das in Ordnung", sagte der Astrazeneca-Chef. Es gebe insgesamt nicht genug Impfstoff, neben den besonders gefährdeten Alten hätten auch andere Gruppen wie Gesundheitsbeschäftigte Anspruch auf Schutz. "Wenn sie einen anderen Impfstoff für ältere Leute nutzen wollen und unseren für jüngere, wo ist das Problem? Es gibt keines", so Soriot. Die zwölf Länder, deren Behörden das Vakzin bisher zuließen, hätten zwar aus gutem Grund anders entschieden, jedes Land könne aber seinen eigenen Weg gehen.

Zugleich betonte der Manager, dass die deutschen Presseberichte über mangelnde Wirksamkeit seines Impfstoffs unter Älteren jeder Grundlage entbehrten. Dass in allen erwachsenen Altersgruppen eine Immunantwort entstehe, sei wissenschaftlich gut dokumentiert. Zweifel, ob daraus auch ein Schutz vor Krankheit entsteht, könne man nur noch als "Statistikdebatte" sehen. Die bisherige Datengrundlage sei schmal, weil die Universität Oxford sich aus ethischen Gründen entschieden habe, zunächst nur jüngere Menschen zu testen. Aufschluss erwarte er aus der klinischen Phase-III-Studie in den USA, die im Herbst lange unterbrochen war und deshalb in die bisherigen Analysen nicht einfloss. Die Ergebnisse seien "sehr bald" zu erwarten.

ak/dpa-afx, AFP, Reuters