Impflieferung mehr als halbiert Unmut über Astrazeneca, Italien droht mit Klage

Nach Pfizer/Biontech kürzt auch Astrazeneca die Lieferung von Corona-Impfstoffen für Europa - gleich um mehr als die Hälfte. Deutschland erwartet nur noch drei Millionen Dosen im Februar, Italien will klagen.
Verärgert: Italiens Premierminister Giuseppe Conte

Verärgert: Italiens Premierminister Giuseppe Conte

Foto: YARA NARDI / REUTERS

Deutschland erhält nach Angaben von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (40, CDU) im Februar mindestens drei Millionen Dosen des Corona-Impfstoffs von Astrazeneca - trotz der Lieferengpässe des Unternehmens. Die erwartete Liefermenge sei "leider weniger, als erwartet war", sagte Spahn der "Bild am Sonntag" . Allerdings sei es durchaus eine "gute Nachricht", dass Deutschland im Februar diese Lieferung bekomme, sagte Spahn.

Aufgrund von Produktionsproblemen liefert Astrazeneca den EU-Ländern im ersten Quartal mit 31 Millionen Impfdosen rund 60 Prozent weniger als geplant, wie Reuters am Freitag aus EU-Kreisen erfahren hatte. EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides (64) drückte die "tiefe Unzufriedenheit" der Union und ihrer Mitgliedstaaten aus, die auf einer Sitzung zur Impfstrategie von der Nachricht kalt erwischt wurden.

Zuvor hatten schon Pfizer und Biontech ihre Lieferungen für Ende Januar und Anfang Februar gegenüber dem bisherigen Plan gekürzt - unter Verweis auf den Ausbau des belgischen Pfizer-Werks Puurs, um später mehr produzieren zu können, aber auch wegen der geänderten Impfmethode.

Weil es nun erlaubt ist, sechs statt fünf Spritzen aus einer vorsorglich gut gefüllten Ampulle zu ziehen, liefern die Hersteller weniger Ampullen. Sie ziehen sich auf den Vertrag mit der EU zurück, der die Anzahl der zu liefernden Impfdosen regle, nicht die Menge des Impfstoffs. Da in vielen Fällen doch nur fünf Spritzen aus einer Ampulle zu ziehen waren, wurde das Impftempo vielerorts drastisch gedrosselt. Biontech will jetzt zum Selbstkostenpreis besondere Spritzen liefern, mit denen das Ziehen von sechs Dosen pro Ampulle leichter gelingen soll.

Italiens Premier will klagen, Jens Spahn betont gelassen

Italiens Premierminister Giuseppe Conte (56) schrieb am Samstag auf Facebook, die Verzögerungen seien "inakzeptabel" und "schwere Vertragsverletzungen". Italien und anderen Ländern entstehe dadurch enormer Schaden. Die Kürzung von Astrazeneca besorge ihn noch mehr als die von Pfizer und Biontech. Die Landesmanager des britischen Pharmakonzerns hätten die verringerte Kapazität gegenüber Gesundheitsminister Roberto Speranza am Samstag bestätigt. "Wir werden alle verfügbaren rechtlichen Mittel nutzen, so wie wir es mit Pfizer/Biontech bereits tun", drohte Conte.

Betont gelassen gab sich hingegen Spahn. Es zeige sich nun einmal mehr, dass die Produktion von Impfstoffen deutlich komplexer sei als manche Überschrift vermuten lasse, sagte der Bundesgesundheitsminister der "Bild am Sonntag". Er erneuerte aber sein Versprechen, bis Ende März allen über 80-Jährigen und bis Sommer allen Bürgern ein Impfangebot machen zu können: "Wenn die erwarteten Zulassungen weiterer Impfstoffe kommen, bleibt es dabei."

Etwa drei Millionen Dosen erwartet Deutschland im Februar auch von Biontech und Pfizer nach dem neuen Lieferplan. Vom US-Hersteller Moderna sollen im Februar rund 900.000 Dosen kommen. Weitere Corona-Impfstoffe stehen noch nicht vor der Zulassung in Europa. Von Johnson & Johnson könnten im Februar abschließende Ergebnisse der klinischen Studie vorliegen. Doch auch der US-Konzern berichtete von Produktionsproblemen in der Heimat.

Astrazeneca-Impfstoff in mehreren Ländern schon im Einsatz

Kritik an dem mangelnden Impftempo in Deutschland im internationalen Vergleich wies der Minister zurück. "Ich halte von diesen täglichen Vergleichstabellen wenig. Sinnvoll vergleichen können wir in zwei oder drei Monaten", sagte Spahn. Deutschland habe mit den Pflegeheimen angefangen, das sei aufwändiger und dauere länger.

Astrazeneca hatte am Vortag angekündigt, weniger Dosen als geplant an die EU liefern zu können. Grund seien Probleme in einer Produktionsstätte. Der Impfstoff von Astrazeneca ist in der EU noch nicht zugelassen. Am 29. Januar könnte die EU-Arzneimittelbehörde EMA aber grünes Licht geben. Wie groß die Ausfälle sein werden, teilte das Unternehmen zunächst nicht mit.

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Der Astrazeneca-Impfstoff muss im Gegensatz zu den Vakzinen von Biontech/Pfizer und Moderna nicht tiefgekühlt gelagert werden, könnte daher auch in Arztpraxen, Apotheken oder mobil beispielsweise in Pflegeheimen geimpft werden. Die Ergebnisse der klinischen Studie warfen Fragen auf und mündeten in ein Kommunikationsdesaster. Einige Staaten wie Großbritannien, Indien, Mexiko oder Brasilien ließen den Impfstoff trotzdem zu und nutzen ihn inzwischen.

Brasilien erhielt am Freitag die erste Lieferung von zwei Millionen Impfdosen aus der Lizenzfertigung des Serum Institute of India. Die eigene Produktion war bislang am Fehlen von Zutaten aus China gescheitert. In der indischen Produktionsstätte war am Donnerstag ein Feuer ausgebrochen, in dem fünf Arbeiter starben. Die Produktion des Corona-Impfstoffs sei nicht betroffen, erklärte das Unternehmen.

ak/AFP, Reuters
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