Neues Vakzin nur für Altersgruppe unter 65 Abkehr von der Impfstrategie

Vor allem Ältere müssen wohl deutlich länger auf die Corona-Impfung warten: Die deutsche Impfkommission empfiehlt den neuen Impfstoff von Astrazeneca nur für unter 65-Jährige. Im Streit um Lieferprobleme schickt die EU Inspekteure in ein Werk, der Vertrag soll bald offengelegt werden.
Einfaches Mittel: Der Astrazeneca-Impfstoff kommt ohne Tiefkühllogistik aus und kann auch in Apotheken, wie dieser in London, verabreicht werden

Einfaches Mittel: Der Astrazeneca-Impfstoff kommt ohne Tiefkühllogistik aus und kann auch in Apotheken, wie dieser in London, verabreicht werden

Foto: Dominic Lipinski / dpa

Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt den Covid-19-Impfstoff von Astrazeneca nur für unter 65-Jährige. "Zur Beurteilung der Impfeffektivität ab 65 Jahren liegen aktuell keine ausreichenden Daten vor", erklärte die Stiko am Robert-Koch-Institut in einem Entwurf, der am Donnerstag vom Bundesgesundheitsministerium veröffentlicht wurde. Der Impfstoff werde deshalb derzeit nur für Personen im Alter von 18 bis 64 Jahren empfohlen. Abgesehen von dieser Einschränkung werde das Vakzin als gleichermaßen geeignet angesehen wie die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna. Beschlossen ist diese Empfehlung noch nicht.

Damit konkretisiert sich ein Gedankenspiel, das am Dienstag von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (40, CDU) und Emer Cooke (59), der Chefin der europäischen Arzneimittelagentur EMA, lanciert wurde: Die bisher geltende klare Priorität der besonders gefährdeten älteren Menschen in der Corona-Impfung wird aufgeweicht - auch, um angesichts der insgesamt knappen Impfstoffe andere essenzielle Impfkandidaten wie jüngere Beschäftigte im Gesundheitswesen schneller versorgen zu können.

Zugleich empfahl die Stiko, den Entscheidungsspielraum von Ärzten bei der Impfung zu erhöhen. In dem Entwurf der angepassten Impfempfehlung heißt es, dass sie im Einzelfall von der bisherigen Priorisierung abweichen können. Dies würde bedeuten, dass sie beispielsweise jüngere Personen mit Vorerkrankungen impfen können. Den Empfehlungen der Stiko folgen die deutschen Länder regelmäßig.

Am Montag ist ein Impfgipfel zur deutschen Strategie geplant - nach der für Freitag erwarteten Zulassung des Astrazeneca-Mittels in der EU, der am Samstag eine europaweite Vereinbarung zum Vorgehen folgen soll. Laut EMA-Insidern dürfte die Behörde ebenfalls auf den Mangel an Daten verweisen, sich aber weder für noch gegen die Impfung über 65-Jähriger aussprechen. Damit wäre es den Mitgliedstaaten freigestellt.

Einstellige Wirksamkeit für Ältere korrekt, aber ohne Aussagekraft

Mit den beiden bereits zugelassenen Vakzinen werden ältere Menschen, die bei einer Corona-Infektion besonders gefährdet sind, in Deutschland schon geimpft. Für sie wurde keine Altersobergrenze genannt. Der Biontech/Pfizer-Impfstoff hatte in der Europäischen Union eine bedingte Marktzulassung ab 16 Jahren erhalten, der von Moderna ab 18 Jahren. Astrazeneca hat für sein Präparat noch keine Zulassung in der EU. Die Genehmigung wird am Freitag erwartet. Von Astrazeneca war zu der Stiko-Empfehlung zunächst keine Stellungnahme erhältlich, aber Konzernchef Pascal Soriot (61) hatte in einem am Mittwoch europaweit verbreiteten Interview erklärt, eine Beschränkung auf Jüngere wäre "in Ordnung", wenngleich seine eigene 92-jährige Mutter in Frankreich auf das Astrazeneca-Mittel warte.

Der britische Premierminister Boris Johnson (56) hingegen äußerte sich am Donnerstag beim Besuch eines schottischen Impfstoffwerks "nicht einverstanden" mit dem Vorstoß aus Deutschland. "Unsere eigenen Behörden haben sehr klargemacht, dass der Oxford/Astrazeneca-Impfstoff sehr gut und sehr wirksam ist, quer durch alle Altersgruppen." Großbritannien zählt zu den 14 Staaten weltweit, die das Mittel bereits ohne Einschränkung für Ältere zugelassen haben und seit Anfang Januar impfen.

Tatsächlich besagt die Berliner Wende nicht, dass das Astrazeneca-Vakzin Älteren nicht helfe, auch wenn sie diesen Eindruck befördern könnte. Die Stiko stützt ihren Rat auf die im Dezember im Fachblatt "Lancet" veröffentlichten Daten. Darin wird die hohe Wirksamkeit und der sichere Aufbau einer Immunreaktion auch unter Älteren zwar bestätigt, zugleich enthielt die Studie jedoch nur wenige ältere Teilnehmer. Der "Times"-Korrespondent Oliver Moody veröffentlichte am Donnerstag auf Twitter einen Auszug aus den Anhängen des Stiko-Papiers, dem zufolge nur 341 Menschen ab 65 für die Studie geimpft wurden und 319 derselben Altersgruppe ein Placebo erhielten. In beiden Gruppen wurde je eine Covid-Infektion festgestellt.

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Daraus errechnet sich eine Impfeffektivität von nur 6,3 Prozent. Diese Zahl ist angesichts der winzigen Stichprobe jedoch bedeutungslos. Das statistische Konfidenzintervall reicht von minus 1405 Prozent (was einer Verbreitung des Virus infolge der Impfung gleichkäme) bis 94,2 Prozent (also annähernd völligem Schutz). Sowohl Astrazeneca und die Universität Oxford als auch das Bundesgesundheitsministerium hatten deutsche Presseberichte von einer Wirksamkeit im einstelligen Bereich zurückgewiesen. Schon seit Monaten ist publik, dass für diese Altersgruppe noch eine breitere Datengrundlage gebraucht wird.

EU lässt belgisches Werk inspizieren und Vertrag veröffentlichen

Mehr Sorgen als die Qualität des Impfstoffs bereitet die Menge. Im Streit um die von Astrazeneca gekürzten Lieferpläne schickt die Europäische Union nun Inspekteure in das belgische Werk Seneffe. Die belgische Medizinaufsicht FAGG wurde nach eigenen Angaben von der EU-Kommission gebeten, die Abläufe im dortigen Werk des Wirkstofflieferanten Novasep zu untersuchen. Geringe Erträge beim Anlauf in der dortigen Produktion sollen der Grund für fehlende Impfstofflieferungen sein. EU-Spitzen hatten sich auch nach mehreren Spitzentreffen mit Astrazeneca unzufrieden mit der Erklärung gezeigt. Die Kommission lehnte eine Stellungnahme ab.

Im Impfstoffstreit soll der Vertrag der EU-Kommission mit dem Hersteller Astrazeneca rasch in redigierter Form veröffentlicht werden. Dem habe das Unternehmen grundsätzlich zugestimmt, bestätigten Kommissionskreise am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur in Brüssel. Es werde nun besprochen, welche Teile aus Gründen der Vertraulichkeit geschwärzt würden. Zuvor hatte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" darüber berichtet.

Die Zeitung berichtete auch, dass Astrazeneca-Chef Pascal Soriot einen Teil der angekündigten Lieferkürzung zurücknehmen wolle. Nach Angaben von EU-Politikern hatte die Firma vorige Woche erklärt, statt 80 Millionen Impfdosen im ersten Quartal nur 31 Millionen an die EU zu liefern. Jetzt zitiert das Blatt einen EU-Vertreter mit den Worten: "Es ist nicht wahrscheinlich, dass wir am Ende doch noch auf 80 Millionen kommen. Aber es sollten doch deutlich mehr werden als 31."

Die EU-Kommission und Vertreter der 27 Mitgliedstaaten hatten am Mittwochabend ein Krisengespräch mit Soriot geführt. Sie sind empört über die angekündigte Kürzung und pochen auf fristgerechte Erfüllung des Liefervertrags über insgesamt bis zu 400 Millionen Impfdosen. Laut Soriot ist der vereinbarte Lieferplan jedoch nicht rechtsverbindlich. Das Unternehmen habe sich lediglich verpflichtet, sein Bestmögliches zu tun, um die Zahlen zu erreichen.

Ebenfalls am Freitag will die Kommission ein Transparenzregister auf den Weg bringen, mit dem Exporte von Impfstoffen aus der EU erfasst werden - möglicherweise als Vorstufe für Exportverbote. Hintergrund ist der Verdacht, es würden Impfstoffe aus europäischer Produktion abgezweigt.

ak/Reuters, dpa-afx
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