Pharmaindustrie Der Schlussspurt im Multimilliarden-Wettlauf um die erste Alzheimer-Medizin

Langjährige Forschungen nach einem wirksamen Alzheimer-Medikament stehen vor dem Durchbruch. Pharmakonzerne wie Biogen, Roche oder Eli Lilly positionieren sich auf dem für sie lukrativen Markt – es geht um bis zu 70 Milliarden US-Dollar.
Ablagerungen im Gehirn: Illustration einer Alzheimer-Erkrankung

Ablagerungen im Gehirn: Illustration einer Alzheimer-Erkrankung

Foto: Kateryna Kon / Getty Images / Science Photo Library RF

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Es noch gar nicht lange her, da sollte Michel Vounatsos (61) seinen Job verlieren. Der CEO des US-Pharmakonzerns Biogen, der in diesem Jahr rund 10 Milliarden Dollar umsetzen will, hatte ein Alzheimer-Medikament entwickeln lassen und 2021 dafür sogar eine Zulassung der US-Behörden bekommen. Doch der vermeintliche Blockbuster, der Biogen Milliarden einspielen sollte, geriet zum Flop – und zum "Königsmörder", wie es in Schweizer Medien hieß. In Europa erhielt Vounatsos für das Mittel "Aduhelm" keine Zulassung, die Wirkung blieb umstritten, in den USA verwickelte er sich in einen hässlichen Streit um die 56.000 Dollar, die er als Preis für eine Behandlung aufrief – und sollte schließlich seinen Posten räumen.

Vounatsos gehe, sobald ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin gefunden sei, erklärte das Unternehmen Anfang Mai per Pressemitteilung . Die Suche nach einem Ersatz laufe; der Chef ließ sich zitieren, es sei eine Ehre gewesen und er wolle nun für einen entspannten Übergang sorgen. Ein halbes Jahr später ist Vounatsos immer noch im Amt – und die trübe Lage hat sich deutlich gewandelt.

Mit einem zweiten Alzheimer-Medikament könnte es noch in diesem Jahr einen Durchbruch geben. So haben Biogen und das japanische Partnerunternehmen Eisai den Antikörper "Lecanemab" entwickelt, der gerade in der wichtigen Phase-III-Studie ein positives Ergebnis erzielen konnte – Probanden, die den Wirkstoff verabreicht bekamen, zeigten nach 18 Monaten deutlich bessere geistige Fähigkeiten als die Teilnehmer einer Vergleichsgruppe, die lediglich ein Placebo eingenommen hatten. Als die Nachricht Ende September bekannt wurde, schnellten die Aktienkurse der beiden Firmen um teils mehr als 60 Prozent in die Höhe. Und auch andere Pharmafirmen, die in dem Segment aktiv sind, verzeichneten erhebliche Wertsteigerungen.

Die Jagd nach einem wirksamen Alzheimer-Medikament ist so etwas wie die Suche nach dem Heiligen Gral der globalen Pharmazie. Die Krankheit gilt als unheilbar – obwohl mehr als 50 Millionen Menschen laut dem World Alzheimer Report 2022  vom Absterben ihrer Nervenzellen im Gehirn betroffen sind. Bereits seit Jahrzehnten forschen Wissenschaftler deshalb nach einem Medikament, das Alzheimer stoppen oder zumindest den Verlauf verlangsamen und die Symptome abmildern könnte. Bisher allerdings mit kaum nennenswerten Erfolgen: Die meisten Studien scheiterten, viele Pharmakonzerne verabschiedeten sich im Lauf der Jahre aus dem teuren Wettrennen.

Dabei ist der Markt riesig. Bloomberg-Analysten schätzen das Potenzial allein für die USA und Europa auf ein Volumen von insgesamt bis zu 70 Milliarden US-Dollar . Der Jefferies-Analyst Michael Yee erklärte nach Veröffentlichung der "Lecanemab"-Studie, dass die Daten auf ein "potenziell neues Multi-Milliarden-Dollar-Geschäft" hindeuten.

Darauf hofft nun auch Biogen. Sie hätten "wichtige Fortschritte" für künftiges Wachstum erzielt, "wir sind begeistert von den Ergebnissen", frohlockte CEO Vounatsos bei der Vorstellung der Quartalszahlen Ende Oktober. Biogen und Eisai setzen auf eine baldige Marktzulassung ihres Medikaments in den USA, Japan und Europa. Fraglich ist jedoch, welcher Kreis an Patienten dann zunächst von diesem Medikament profitieren darf. Auch die Kostenerstattung der voraussichtlich hohen Preise für die aufwendig zu produzierenden Wirkstoffe ist nicht geregelt – das Gerangel in der Vergangenheit hat gezeigt, dass hier weitere Hürden liegen können.

Und dann ist da noch die Konkurrenz. Nach jahrelangem Stocken könnten auch andere Pharmafirmen den Markt betreten. Denn Biogen und Eisai forschen auf diesem Gebiet nicht allein – zwei weitere Studien verfolgen einen ähnlichen Ansatz, bei dem es um die Entfernung von Amyloid-Ablagerungen im menschlichen Gehirn geht.

Risikoreiche Wirkstoffentwicklung

Mit dem Medikament "Gantenerumab" versucht auch der Schweizer Pharmakonzern Roche, einen Wirkstoff gegen Alzheimer zu entwickeln. Hier dauerte die Studie sogar 27 Monate, im November sollen die Ergebnisse veröffentlicht werden. Das Unternehmen hat bereits viel Zeit und enorme Gelder in diese Forschung investiert. Für Konzernchef Severin Schwan (54) gilt die Entwicklung von Wirkstoffen wie gegen Alzheimer als besonders risikoreich. "Aber wir haben in den vergangenen Jahren viel dazugelernt, und der Bedarf ist gigantisch", so Schwan 2021 über das Engagement  des Pharmariesen.

Dabei verweist er gerne auf das große Portfolio an Entwicklungsprojekten seines Unternehmens – es reiche aus, dass nur ein Wirkstoff davon erfolgreich ist: "Dann brauchen wir uns um den Aktienkurs keine Gedanken mehr zu machen", sagte Schwan, der nach 15 Jahren an der Spitze von Roche seinen Rückzug für das Frühjahr 2023 bekannt gegeben hat. Diesen Abschied würde er gerne mit der Marktreife eines wirksamen Alzheimer-Mittels vergolden.

Und auch der US-Konzern Eli Lilly arbeitet an einem Alzheimer-Wirkstoff. Die klinischen Daten für "Donanemab" sollen jedoch erst bis Mitte 2023 vorliegen. Hier laufen Untersuchungen mit Patienten in der frühen Phase der Erkrankung – die Risiken eines Scheiterns sind noch hoch. Das Medikament soll den Krankheitsverlauf mit Symptomen wie Vergesslichkeit oder Orientierungsproblemen verzögern. Bereits im vergangenen Jahr hat die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA den Wirkstoff als "Breakthrough Therapy" eingestuft. Mit diesem Status ist es möglich, das Zulassungsverfahren deutlich zu beschleunigen.

Die kommenden Monate werden nun zeigen, ob sich einer oder gar mehrere der sich noch im Rennen befindenden Wirkstoffe durchsetzen können. Für das jeweilige Pharmaunternehmen sollten sich die hohen Aufwendungen für Forschung und Entwicklung auf jeden Fall nachhaltig auszahlen. Denn nach neuen Berechnungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO)  könnte die Zahl der an Alzheimer-Erkrankten bis zum Jahr 2050 auf rund 139 Millionen Menschen steigen – sofern es bis dahin keine Medikamente gibt, die Alzheimer nicht nur im Verlauf verzögern, sondern möglichst komplett bekämpfen.

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