Heiner Thorborg

Personalpolitik Ohne Vertraulichkeit auch kein Vertrauen

Heiner Thorborg
Eine Meinungsmache von Heiner Thorborg
Wird die Berufung für eine Spitzenposition zu früh bekannt und scheitert dann, ist nicht nur der Kandidat beschädigt, sondern auch der Arbeitgeber. Wie unfair und unprofessionell ein solches Verhalten ist, zeigt das Beispiel Volkswagen.
Wollte, sollte, kam dann doch nicht: Katrin Suder galt als Idealbesetzung für Volkswagens neues Vorstandsressort

Wollte, sollte, kam dann doch nicht: Katrin Suder galt als Idealbesetzung für Volkswagens neues Vorstandsressort

Foto: Kay Nietfeld/ dpa

Vertraulichkeit kommt von Vertrauen. Das ist definiert als "eine Weise, mit der Freiheit des anderen umzugehen", wie der bekannte Managementautor Reinhard K. Sprenger schon vor geraumer Zeit schrieb. Es ist die Erwartung, dass ein Gegenüber kompetent, integer und wohlwollend auftritt.

Bei vielen Unternehmen gilt Vertrauen als wesentliches Managementprinzip. Schließlich ist bekannt, dass Mitarbeiter, die sich vertrauensvoll wertgeschätzt fühlen, kreativer und engagierter arbeiten und weniger dazu neigen, die Kündigung einzureichen. Vertrauen schafft also Werte und spart Kosten. Wo es als Ordnungsprinzip wirkt, muss nicht jeder Schritt von jedem Teammitglied ständig kontrolliert werden. Intelligentes Controlling ist deswegen keineswegs ausgehebelt, aber es wird konkret da eingesetzt, wo es nötig ist – und nicht als Waffe benutzt in einer Misstrauenskultur.

Es gibt jedoch auch Unternehmen, die Vertrauen nur als Teil des Satzes "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser" kennen. Was so viel ausdrückt wie: "Was ich selber denk und tu, trau ich allen anderen zu" – also ein Management mit fragwürdigem Ethos beschreibt, das von sich auf andere schließt. Die Folge ist dann eine Managementkultur, die Mitarbeiter behandelt wie Teenager, die klauen und sich danebenbenehmen, wenn sie nicht ständig kontrolliert werden.

In einem solchen Klima gibt es kein Vertrauen, sondern stattdessen behördenähnliche Regelwerke – und einen Mangel an Vertraulichkeit. Denn wer nicht davon ausgeht, dass die Kollegen kompetent, integer und wohlwollend sind, hat auch wenig Skrupel, über sie und ihre persönlichen Belange zu reden. Vertrauen bindet und integriert, Misstrauen als Unternehmensprinzip jedoch kann schnell zu einem Klima des "Jeder kämpft für sich allein" beziehungsweise "Einer gegen alle, alle gegen einen" führen. Dann ist es oft nur noch ein kleiner Schritt zu Indiskretion, Leaks oder gar Rufmord.

Womit wir bei Volkswagen wären und bei Katrin Suder.

Suder galt als Idealbesetzung für das neue Vorstandsressort

VW-Chef Herbert Diess wollte ein neues IT-Ressort einrichten, Digitalisierung und Software werden schließlich immer wichtiger in einem Konzern, der sich nach eigenen Aussagen ganz der Elektrifizierung des Autos verschrieben hat. Nach Möglichkeit sollte zudem eine Frau die neue Position erhalten. Verschiedene Kandidatinnen galten bereits als sichere Wahl, schafften es dann aber doch nicht in den Vorstand. Die vorerst Letzte, die es traf, war die ehemalige McKinsey-Beraterin und Staatssekretärin Suder, die eigentlich als Idealbesetzung galt, brachte sie doch beides mit: Erfahrung mit Umbauprozessen und mit der Erneuerung von IT-Strukturen.

Dann jedoch geriet der Plan an die Öffentlichkeit, durch eine Recherche des manager magazins . Und in der Folge bauten sich intern bei Volkswagen Widerstände gegen Suder auf.

Vorstand und Aufsichtsrat sollten sich fragen, was sie Bewerbern antun

Wer erwarten muss, dass die Organe seines neuen Arbeitgebers keine eigene, belastbare Due Diligence eines Kandidaten machen und sich nicht im Vorfeld mit allen Stakeholdern – auch mit dem Betriebsrat – besprechen, bevor sie einen Vertrag in Aussicht stellen, muss mit einer grob unfairen und unprofessionellen Behandlung rechnen. Wer nicht darauf vertrauen kann, dass eine Berufung vertraulich bleibt, bis sie spruchreif ist, wird es tunlichst vermeiden, ausgerechnet in Wolfsburg vorstellig zu werden. Ohne Vertraulichkeit gibt es nämlich auch kein Vertrauen.

Anmerkung der Redaktion: Heiner Thorborg ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder. In einer früheren Fassung hieß es, der Betriebsrat der Volkswagen AG habe die Berufung Suders verhindert. Weil diese These durch den Recherchestand innerhalb des manager magazins nicht gedeckt ist, haben wir die Passage nachträglich gestrichen.

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