Urteil im Anlageskandal 8,5 Jahre für Ex-Wölbern-Chef - Gericht rechnet Schulte auch sein Lebenswerk an

Schuldig gesprochen: Schulte (2.v.l, mit Anwälten Wolf Römmig (l.), Arne Timmermann und Thomas Hauswaldt)

Schuldig gesprochen: Schulte (2.v.l, mit Anwälten Wolf Römmig (l.), Arne Timmermann und Thomas Hauswaldt)

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Es ist exakt 9.30 Uhr am Montagmorgen, als Heinrich Maria Schulte begleitet von zwei Justizbeamten durch einen Nebeneingang in den Saal Nummer 337 des Landgerichts Hamburg geführt wird. Der 61jährige trägt wie stets im Laufe dieses Prozesses einen dunkelgrauen Anzug, dazu ein blaues Hemd und eine rote Krawatte. Um die Schultern hat er sich einen cremefarbenen Pullover gelegt.

Beinahe zeitgleich erscheinen die drei Anwälte Schultes. Die Zuschauerränge sowie die Presseplätze im Saal sind kurz darauf ebenfalls gut gefüllt.

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Dann öffnet sich die Tür zum Richterzimmer. Die Kammer erscheint, die Anwesenden erheben sich.

Ohne Vorrede verkündet der vorsitzende Richter Peter Rühle das Urteil: Im Namen des Volkes wird der Angeklagte Heinrich Maria Schulte zu einer Freiheitsstrafe von acht Jahren und sechs Monaten verurteilt.

Keine sichtbare Reaktion bei Schulte. Alle setzen sich, der Richter verliest die Urteilsbegründung.

Es ist ein maßvolles Urteil, das räumt nach der Verhandlung im Gang des Gerichtsgebäudes auch Schultes Anwalt Wolf Römmig ein. Immerhin hatte der Staatsanwalt eine Haftdauer von zwölf Jahren beantragt. Schultes Verteidiger hatten zwar einen Freispruch gefordert, aber nicht ernsthaft damit gerechnet. Jetzt kündigt Römmig an, was vor einigen Tagen bereits Schultes Verteidiger Arne Timmermann gegenüber dem manager magazin in Aussicht gestellt hatte: Die Schulte-Seite werde in die Revision vor dem Bundesgerichtshof gehen. Zudem kündigte die Staatsanwaltschaft ebenfalls an, eine Revision prüfen zu wollen, weil das Urteil deutlich unter der Forderung der Behörde liegt.

Solange ist das Urteil noch nicht rechtskräftig. Schulte, auch das ordnet Richter Rühle heute an, muss in Haft bleiben, wegen Fluchtgefahr. Der Medizinprofessor und frühere Chef von Wölbern Invest befindet sich bereits seit etwa 19 Monaten in Untersuchungshaft. Kaum ein anderer Häftling in der Untersuchungshaftanstalt direkt neben dem Gerichtsgebäude dürfte gegenwärtig einen längeren Aufenthalt dort vorweisen.

Fall Schulte größer als Hoeneß oder Middelhoff

Mit dem Urteil endet vorläufig einer der größten Wirtschaftsstrafprozesse hierzulande seit langem. Eine längere Haftstrafe für einen Wirtschaftskriminellen ist kaum bekannt. Insgesamt haben die Untreuevorwürfe gegen Schulte ein Volumen von gut 147 Millionen Euro. Zum Vergleich: Im prominenten Verfahren gegen Uli Hoeneß ging es vor etwa einem Jahr um Steuerhinterziehung in Höhe von etwa 28,5 Millionen Euro. Bei Ex-Topmanager Thomas Middelhoff standen Ende 2014 Untreuevorwürfe im Volumen von nicht einmal einer Million Euro im Raum.

In seiner Urteilsbegründung folgt Richter Rühle weitgehend der Staatsanwaltschaft. Strafmildernd sei allerdings das Lebenswerk Schultes als Medizinprofessor und Unternehmensgründer berücksichtigt worden sowie die bereits vergleichsweise lange und belastende Zeit in der Untersuchungshaft.

Schulte habe von 2011 bis 2013 etwas mehr als 147 Millionen Euro aus 31 geschlossenen Immobilienfonds von Wölbern Invest entnommen und zweckwidrig verwendet, so der Richter. Abzüglich Rückzahlungen von rund 31 Millionen blieben offene Posten von rund 115 Millionen Euro. Rund 50 Millionen Euro davon seien in den privaten Bereich Schultes geflossen.

Dabei habe er von Anfang an mit Vorsatz gehandelt, so der Richter. Gezielt habe er sich an die entscheidenden Positionen im Hause Wölbern sowie in den Fonds gesetzt. Die Verträge, die den Zahlungen zugrunde lagen, hätten lediglich der Verschleierung gedient. Das Geld sei nicht so verwendet worden, wie in diesen Verträgen vorgesehen.

Befremden bei den Richtern, mäßige Zufriedenheit bei Anlegern

Stattdessen nutzte Schulte die Millionen aus den Fonds unter anderem, um seine Medizinunternehmungen zu finanzieren sowie seinen anspruchsvollen Lebensstil, so Richter Rühle.

Auch die seinerzeitige Beratung durch Anwälte sei nicht geeignet, Schulte von der Verantwortung zu befreien. Ebenso wenig die angebliche Aussicht auf Geldrückflüsse, mit denen die Kapitalentnahmen Schulte zufolge hätten ausgeglichen werden können.

Das Emissionshaus Wölbern Invest habe sich in Schieflage befunden und Schulte hatte zu keiner Zeit die benötigte Liquidität, sagt Rühle. Er habe sie vielmehr in den geschlossenen Fonds gefunden. Die Sicherheiten, die Schulte benannt hatte, existierten dem Gericht zufolge in dieser Weise nicht. Sämtliche Einlassungen des Angeklagten während der Hauptverhandlung seien durch die Beweisaufnahme widerlegt, sagt der Richter.

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Explizit weist Richter Rühle die Vorwürfe der Verteidigung zurück, der Prozess sei unfair verlaufen, weil Unmengen an Unterlagen und Daten noch nicht vollständig gesichtet sein könnten. Zudem fehle der Kammer die nötige Sachkenntnis, hatten die Verteidiger moniert.

Letzteren Kritikpunkt habe das Gericht mit Befremden zur Kenntnis genommen, so Rühle. Zudem seien Kern der Beweisführung die Zahlungsflüsse aus den Fonds über die niederländische Wölbern Invest B.V. auf die verschiedenen Zielkonten. Diese Geldströme seien vollständig und lückenlos dokumentiert, so Richter Rühle.

Schultes Anwalt Wolf Römmig wiederholt seine Kritik nach der Verhandlung dennoch erneut. Zu dem Zeitpunkt plaudern in der Sonne vor dem Gerichtsgebäude bereits einige der insgesamt rund 30.000 betroffenen Wölbern-Anleger und Vertreter der Fonds. Deren Tenor: Das Urteil hätte zwar höher ausfallen können. Es gehe aber schon in Ordnung.

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