Freitag, 18. Oktober 2019

Urteil im Anlageskandal 8,5 Jahre für Ex-Wölbern-Chef - Gericht rechnet Schulte auch sein Lebenswerk an

Schuldig gesprochen: Schulte (2.v.l, mit Anwälten Wolf Römmig (l.), Arne Timmermann und Thomas Hauswaldt)

2. Teil: Befremden bei den Richtern, mäßige Zufriedenheit bei Anlegern

Stattdessen nutzte Schulte die Millionen aus den Fonds unter anderem, um seine Medizinunternehmungen zu finanzieren sowie seinen anspruchsvollen Lebensstil, so Richter Rühle.

Auch die seinerzeitige Beratung durch Anwälte sei nicht geeignet, Schulte von der Verantwortung zu befreien. Ebenso wenig die angebliche Aussicht auf Geldrückflüsse, mit denen die Kapitalentnahmen Schulte zufolge hätten ausgeglichen werden können.

Das Emissionshaus Wölbern Invest habe sich in Schieflage befunden und Schulte hatte zu keiner Zeit die benötigte Liquidität, sagt Rühle. Er habe sie vielmehr in den geschlossenen Fonds gefunden. Die Sicherheiten, die Schulte benannt hatte, existierten dem Gericht zufolge in dieser Weise nicht. Sämtliche Einlassungen des Angeklagten während der Hauptverhandlung seien durch die Beweisaufnahme widerlegt, sagt der Richter.

Explizit weist Richter Rühle die Vorwürfe der Verteidigung zurück, der Prozess sei unfair verlaufen, weil Unmengen an Unterlagen und Daten noch nicht vollständig gesichtet sein könnten. Zudem fehle der Kammer die nötige Sachkenntnis, hatten die Verteidiger moniert.

Letzteren Kritikpunkt habe das Gericht mit Befremden zur Kenntnis genommen, so Rühle. Zudem seien Kern der Beweisführung die Zahlungsflüsse aus den Fonds über die niederländische Wölbern Invest B.V. auf die verschiedenen Zielkonten. Diese Geldströme seien vollständig und lückenlos dokumentiert, so Richter Rühle.

Schultes Anwalt Wolf Römmig wiederholt seine Kritik nach der Verhandlung dennoch erneut. Zu dem Zeitpunkt plaudern in der Sonne vor dem Gerichtsgebäude bereits einige der insgesamt rund 30.000 betroffenen Wölbern-Anleger und Vertreter der Fonds. Deren Tenor: Das Urteil hätte zwar höher ausfallen können. Es gehe aber schon in Ordnung.

Christoph Rottwilm auf Twitter

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Der Fall Schulte im Schnellcheck
Der Angeklagte
Heinrich Maria Schulte (61) ist von Haus aus Arzt mit dem Spezialgebiet Hormon- und Stoffwechselerkrankungen sowie Professor der Medizin. Er war seit den neunziger Jahren am Aufbau des Hamburger Medizinunternehmens Medivision beteiligt (auch bekannt unter dem Namen "Endokrinologikum"), das mit etwa 1000 Mitarbeitern und 180 Ärzten bundesweit ein Netzwerk medizinischer Einrichtungen für Hormon- und Stoffwechselerkrankungen betreibt. Zudem hat Schulte erfolgreich im Bereich Biotech investiert. Gemeinsam mit anderen baute er beispielsweise die Biotechfirma Evotec auf, die heute im TecDax notiert ist.

2006 kaufte Schulte das auf Immobilienfonds spezialisierte Bankhaus Wölbern, von dem er 2007 den Emissionshausbereich Wölbern Invest abspaltete.
Der Vorwurf
Die Staatsanwaltschaft Hamburg hat Schulte, den ehemaligen Chef des Emissionshauses Wölbern Invest, wegen des Vorwurfs der gewerbsmäßigen Untreue angeklagt. In insgesamt 327 Einzelfällen soll Schulte zwischen August 2011 und September 2013 insgesamt rund 147 Millionen Euro aus geschlossenen Immobilienfonds von Wölbern Invest zweckentfremdet haben. Den Vorwurf hat er bereits am zweiten Verhandlungstag des Prozesses in einem generellen Statement zurückgewiesen.
Das Geld
Laut Anklage hat Schulte die insgesamt rund 147 Millionen Euro nach und nach von Konten der Fondgesellschaften auf zwei Konten der Wölbern Invest B.V. in den Niederlanden transferiert. Von dort sollen unter anderem 84,6 Millionen Euro auf ein Konto der Wölbern Group KG, 18,2 Millionen Euro auf ein Konto der Wölbern Invest KG sowie weitere 750.000 Euro auf ein Privatkonto Schultes geleitet worden sein.

Von dem Konto der Wölbern Group KG schließlich sollen laut Staatsanwaltschaft unter anderem 40 Millionen Euro ebenfalls auf ein Privatkonto des Fondshauschefs geflossen sein. Darüber hinaus soll Schulte von diesem Wölbern-Group-Konto "privat veranlasste Verfügungen" in Höhe von etwa zehn Millionen Euro vorgenommen haben. Sprich: Nach Ansicht der Staatsanwälte hat der Mediziner wohl in dieser Höhe private Rechnungen mit Fondsgeldern bezahlt.
Die Fonds
Die etwa 147 Millionen Euro, die Schulte zur Last gelegt werden, sollen laut Anklage im Einzelnen aus folgenden Fonds von Wölbern Invest stammen:

Holland 52: 11,9 Millionen Euro
Holland 54: 3,59 Millionen Euro
Holland 55: 2 Millionen Euro
Holland 56: 6,3 Millionen Euro
Holland 57: 3,35 Millionen Euro
Holland 58: 2,2 Millionen Euro
Holland 59: 3,57 Millionen Euro
Holland 61: 3,93 Millionen Euro
Holland 62: 4,15 Millionen Euro
Holland 63: 1,46 Millionen Euro
Holland 64: 4,2 Millionen Euro
Holland 65: 7,35 Millionen Euro
Holland 66: 1,75 Millionen Euro
Holland 67: 2,38 Millionen Euro
Holland 68: 2,99 Millionen Euro
Holland 69: 6,8 Millionen Euro
Holland 70: 2,73 Millionen Euro
Deutschland 01: 6 Millionen Euro
Deutschland 03: 0,85 Millionen Euro
Deutschland 04: 1,07 Millionen Euro
Deutschland 05: 0,74 Millionen Euro
Österreich 01: 6,3 Millionen Euro
Österreich 02: 0,83 Millionen Euro
Österreich 03: 5,2 Millionen Euro
Österreich 04: 11,2 Millionen Euro
Frankreich 01: 7,13 Millionen Euro
Frankreich 03: 0,49 Millionen Euro
Frankreich 04: 20,47 Millionen Euro
England 01: 0,13 Millionen Euro
Polen 01: 10,3 Millionen Euro

Darüber hinaus fehlen nach Informationen von manager magazin online Gelder in den Kassen weiterer Fonds, die in der Anklage der Staatsanwaltschaft nicht aufgeführt sind. Namentlich sind das (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

Private Equity Futur 03 Environment: 5,8 Millionen Euro
Private Equity Fonds 01: 4,65 Millionen Euro
Private Equity Fonds 02: 750.000 Euro
Private Equity Fonds 03: 8,9 Millionen Euro
Real Estate Europa 01 Value Portfolio: 6,35 Millionen Euro

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