Donnerstag, 5. Dezember 2019

Nachwuchsnöte von McKinsey und Co. Wer will noch Berater werden?

McKinsey? "Ist University XXL": Oliver Samwer lässt gern mal einen lockeren Spruch gegen die Zunft der Unternehmensberater los. Auf dem Bewerbermarkt verlieren die Consultants offenbar immer mehr Toptalente an Unternehmen der Digitalwirtschaft wie RocketInternet

Wenn Oliver Samwer (41) an alter Wirkungsstätte neue Truppen anwirbt, ist der Saal meist proppenvoll. Seinem gewohnten Managementstil treu bleibend, schaltet Samwer an der WHU in Vallendar dann auf Attacke gegen die Konkurrenz, um Studierende von einem Job im weitverzweigten Rocket-Imperium zu überzeugen:

McKinsey? "Ist University XXL." Wer ungern Verantwortung trage und Entscheidungen treffe, sei bei den großen Beratungen genau richtig. Er selbst suche die anderen, die mit Mut und einem Traum.

Für die Gilde der Unternehmensberater sind Samwers lockere Sprüche längst zum Problem geworden. 71 Prozent der Consultants glauben, dass es ihrer Branche im aktuellen Wandel schwerer fallen wird, die Top-Talente für sich zu gewinnen. Jeder Zweite gibt an, dass der eigene Arbeitgeber zunehmend Schwierigkeiten hat, exzellente Berufseinsteiger zu finden.

"Die Consulting-Industrie steht mitten im dramatischsten Wandel seit ihrem Entstehen Ende des 19. Jahrhunderts", bilanziert Daniel Nerlich, der die Branche für die Personalberatung Odgers Berndtson unter die Lupe genommen hat. Für den "Consulting Monitor 2015", dessen Ergebnisse manager magazin online exklusiv veröffentlicht, wurden rund 2400 Unternehmensberater befragt, die meisten Senior Professionals oder Partner, gut 40 Prozent sind bei einer internationalen Großberatung mit mehr als tausend Mitarbeitern beschäftigt.

Digitalwirtschaft als stärkster Wettbewerber um die Top-Talente

Dass sie auf dem Bewerbermarkt gegen die Digitalwirtschaft zunehmend an Boden verlieren, dürfte den Consultants mittelfristig die größten Schwierigkeiten bereiten. Andere Pfeiler der Ratgeber geraten schon jetzt ins Wanken. So berichten 66 Prozent der Befragten von Kundenpitches, bei denen erste Zwischenergebnisse honorarfrei präsentiert werden müssen - vor einigen Jahren noch hätten die Berater dafür eine dicke Rechnung geschrieben. Fast jeder Zweite sagt, dass Kunden die vereinbarte Vergütung unmittelbar an den Projekterfolg koppeln.

Und kaum ist der Markteintritt großer Wirtschaftsprüfer halbwegs verdaut (etwa die Übernahme von Booz&Company durch PricewaterhouseCoopers), droht am Horizont der nächste Gigant: 50 Prozent glauben, dass Technologie-Riesen wie Google mit ihrer Big-Data-Kompetenz künftig in direkte Konkurrenz zu den angestammten Consultants treten.

Schönheitsreparaturen am Geschäftsmodell reichen nicht mehr

Schon jetzt schmilzt wegen Big Data der Kompetenzvorsprung der Beratungsfirmen gegenüber dem Kunden: "Mit flüchtigen Schönheitsreparaturen lässt sich das Geschäftsmodell nicht mehr stabilisieren", sagt Odgers Berndtson-Mann Nerlich.

Der einzige Ausweg: Wieder attraktiver werden für die klügsten Köpfe. Vier von fünf Beratern sind überzeugt, dass ihre Branche künftig ein Arbeitsumfeld schaffen muss, das den Lebensumständen der umworbenen Generation Y besser enstpricht.

Das wäre mal etwas ganz Neues: Im Kampf um die Talente punkten McKinsey und Co. ausgerechnet mit Work-Life-Balance.

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