Sonntag, 21. April 2019

Management by "Taktstock" Was Unternehmenslenker von Dirigenten lernen können

Dirigent in Aktion: In diesem Fall Sir Simon Rattle

Dirigenten stehen vor einem Orchester und geben die Richtung vor - so wie Führungskräfte ihrem Unternehmen. Was kann die Wirtschaft von der Muse lernen? Ein Fachvergleich - im Gespräch mit Simon Gaudenz, Chefdirigent der Hamburger Camerata.

Veranstaltung: Dirigent Simon Gaudenz live in der manager-lounge

mm: Herr Gaudenz, sprechen wir über Führung - welche Rolle spielt das Thema für Sie als Dirigent - und wie hat Sie Ihre Ausbildung darauf vorbereitet?

Gaudenz: Im Zentrum sollte zunächst immer die Musik stehen. Von mir als Dirigent wird eine Interpretation dieser Musik erwartet und im Zuge der Erarbeitung derselben - effizient, menschlich und künstlerisch klar - kommt das Thema Führung ins Spiel. Die Ausbildung kann in dieser Hinsicht jedoch nur sehr begrenzt darauf vorbereiten, denn der Anteil der Erfahrung darf nicht unterschätzt werden und es braucht schlicht und einfach Zeit, sich diese zu erwerben.

mm: Ich gebe zu: Für den Laien ist nicht so recht erkennbar, was der Dirigent macht: Wie viel Zeit braucht es zum Beispiel, sich in ein neues Stück einzuarbeiten?

Gaudenz: Das hängt natürlich stark vom Umfang des Stückes ab. Gehen wir von einer Sinfonie Gustav Mahlers aus, beginne ich im Idealfall ein halbes Jahr vor der Aufführung mit dem Studium der Partitur. Die Proben mit dem Orchester finden dann in der Regel aber bloß einige wenige Tage vor dem Konzert statt.

mm: Haben Sie je abstrakt über "Führung" nachgedacht, sich mit Manager-Literatur eingedeckt?

Gaudenz: In Gesprächen mit Führungskräften aus anderen Berufen, also in dieser Hinsicht ebenfalls Kollegen, entdecken wir immer wieder viele Parallelen, jedoch auch große Unterschiede, besonders was das soziale Verhalten in der Gruppe und den Fokus auf das gemeinsame Ziel, das Konzert, angeht.

mm: Bei Management-Sitzungen gibt es immer Phasen, die zur Entspannung einladen. Gibt es so etwas auch beim Dirigieren von Musik?

Gaudenz: Innerhalb einer Probe auf jeden Fall: Es ist essentiell, ein Gleichgewicht zu finden zwischen intensiver kleinteiliger Arbeit mit häufigem Abbrechen, Erklären, Sprechen und dem "Spielen lassen", längere Abschnitte zu musizieren, ohne den Fluss zu unterbrechen. Im Konzert hingegen kann nur die Komposition selbst uns Entspannung gewähren.

mm: Man sieht es in der Wirtschaft - manche Unternehmenslenker leben sehr für die Presse, für die Öffentlichkeit. Wie ist die Versuchung für den Dirigenten, der dem Publikum ja "unmittelbar ausgesetzt" ist?

Gaudenz: Vor und nach dem Konzert gibt es unzählige Möglichkeiten, sich dem Publikum zu "präsentieren", jedoch dazwischen sollte nur die Musik zählen, womit wir wieder beim Anfang wären!


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