Berkshire-Hauptversammlung - Ausblick eines Insiders "Woodstock für Investoren" - was kommt nach Buffett?

Von Arne Gottschalck

Am 30. April ist Berkshire-Tag: Die Investment-Gesellschaft von Warren Buffett, des wohl berühmtesten Investors unserer Zeit, bittet zum Aktionärstreffen. Das jährliche Treffen in Nebraska ist ein Hochamt für Investoren aus aller Welt - viele reiche Menschen und Vermögensverwalter rennen schon früh am Sonnabend Morgen über die Wiesen, um einen guten Platz im "Century Link Center" in Omaha zu ergattern. Die eigentliche "Hauptversammlung" ist rasch abgehakt - unmittelbar danach beginnt eine erfrischend offene Frage- und Antwortrunde mit Warren Buffett und Charlie Munger, die das Investoren-Meeting zu einem "Woodstock für Anleger" gemacht hat.

Seit 1995 regelmäßig dabei ist auch Vermögensverwalter Hendrik Leber. Exklusiv für manager magazin online skizziert Leber seine Erfahrungen und Erwartungen an das diesjährige Treffen. Denn einiges hat sich geändert - und einiges wird sich ändern.

Gemeint ist nicht das beliebte "Shareholder Shopping" für Aktionäre in Omaha. Gemeint ist auch nicht ein 5 Meilen langer Wettlauf, von der Sportmarke Brooks organisiert. Es geht um entscheidende Weichenstellungen: Um etwas, das die Zukunft der Anlageimperiums von Warren Buffett und Charlie Munger betrifft.

Was ist neu am Shareholder-Meeting 2016?

Großauflauf: "Warren Buffett und Charlie Munger reden praktisch ununterbrochen" - diesmal auch im Livestream

Großauflauf: "Warren Buffett und Charlie Munger reden praktisch ununterbrochen" - diesmal auch im Livestream

Foto: REUTERS

mm: Buffett lädt ein, und Buffett-Jünger aus aller Welt strömen herbei. Was ist diesmal anders am Shareholder-Meeting 2016?

Zur Person

Hendrik Leber ist Value-Investor, Fondsmanager und Gründer des Investmenthauses Acatis

Leber: Warren Buffett öffnet sich dem Internet - die Veranstaltung wird live weltweit bei Yahoo  übertragen (so hieß es jedenfalls). Statt 42.000 Teilnehmer können nun Hunderttausende daran teilnehmen.

Erst einmal freue ich mich, dass ich selber nun nicht mehr so viel mitschreiben muss. Die beiden (Warren und Charlie) reden ja zwischen 9.30 und 12.30 und 13.00 und 15.30 praktisch ununterbrochen, sie antworten auf rund 60 Fragen, die Analysten, Journalisten und Veranstaltungsteilnehmer ihnen stellen. Da ist so viel spannendes Material dabei, das bisher nur in privaten Mitschriften zu bekommen war. Ich habe immer wieder festgestellt, dass diese privaten Mitschriften immer eine gewisse Verzerrung gegenüber meinen eigenen Beobachtungen beinhalten. Ich bin gespannt auf die Reaktion der Öffentlichkeit.

Was bleibt Berkshire-Standard?

mm: Was bleibt, ist quasi Berkshire-Standard?

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Tipps vom Star-Investor: Warren Buffetts Investment-Poesie

Foto: manager magazin online

Leber: Aus der kleinen Hauptversammlung mit 3000 Teilnehmern (das war meine erste im Jahr 1995) ist ein Zirkus geworden. Rund um die Kernveranstaltung gibt es reihenweise Konferenzen vorher und nachher. Die Berkshire-Hathaway Verkaufsveranstaltung wurde inzwischen auf zwei Tage ausgedehnt. An einer der Konferenzen werde ich als Gast teilnehmen, und ich erwarte, viele alte Freunde wiederzusehen.

Was kommt in Zukunft?

Die beiden Hauptdarsteller: Warren Buffet (links) und Charlie Munger arbeiten am großen Gemälde

Die beiden Hauptdarsteller: Warren Buffet (links) und Charlie Munger arbeiten am großen Gemälde

Foto: REUTERS

mm: Was kommt in Zukunft - zum Beispiel mit Blick auf die Buffett-Nachfolge?

Leber: Die Nachfolge ist ein großes Thema. Warren Buffett und Charlie Munger sind jeder für sich Ausnahmepersönlichkeiten. Auch wenn man es nicht direkt vergleichen kann - aber sie gehören in die gleiche Klasse wie die Fugger oder Medici. Warren Buffett verglich Berkshire Hathaway mal mit einem Gemälde, an dem er lebenslang arbeitet. Es gibt zwar viele Schüler in seiner Werkstatt, aber es ist unwahrscheinlich, dass jemand das gleiche Kaliber hat wie er selbst.

mm: Was muss ein Nachfolger Buffetts können?

Leber: Die Geschäftsbereiche von Berkshire Hathaway sind in sich homogen und jeweils gut durch einen CEO steuerbar. Die eigentliche Kunst Buffetts lag aber in der Personalauswahl, in der Festlegung der Geschäftsfelder, in der Allokation von Kapital zu den einzelnen Geschäftsfeldern und in den manchmal überraschenden großen Wetten - Buffett hat ja in der Finanzkrise innerhalb weniger Tage Kreditzusagen in zweistelliger Milliardenhöhe an Firmen wie Goldman Sachs oder General Electric gegeben.

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Ein deutscher Konzern in Buffetts Top-10: Das sind die Lieblingsaktien von Warren Buffett

Foto: JONATHAN ALCORN/ REUTERS

Diese Wendigkeit und Entschiedenheit sind eine besondere Fähigkeit von Buffett. Es gibt einen designierten Nachfolger. Er ist in einem verschlossenen Umschlag hinterlegt, den der Aufsichtsrat hat. Rein technisch ist die Nachfolge also geregelt.

Ich bin aber skeptisch, ob es jemanden gibt, der in Buffetts Fußstapfen treten kann. Für den Aktienkurs und die Firmenentwicklung ist das zunächst kein Problem. Berkshire Hathaway ist so stabil aufgestellt, dass auch ohne den großen Meister an der Spitze die Entwicklung für die nächsten 5 Jahre geradlinig weiterläuft.

Charlie Munger ist alt und körperlich gebrechlich. Sein Abschied würde den Kurs nicht beeinflussen. Würde Buffett hingegen aufhören, würde der Kurs erst einmal nachgeben. Ich würde zu diesem Zeitpunkt massiv Aktien kaufen, weil der Markt die Abhängigkeit Berkshire Hathaways von Buffett kurzfristig über- und langfristig unterschätzt. Es würde Berkshire Hathaway gut tun, in separate Geschäftsbereiche aufgeteilt zu werden. Dazu braucht es allerdings einen Katalysten, den ich derzeit nicht sehen kann.

Was plant Buffett sonst? Wie wäre es mit Berkshire-Dividenden?

2015 gab es Eis für Buffett

2015 gab es Eis für Buffett

Foto: RICK WILKING/ REUTERS

mm: Was plant Buffett sonst?

Leber: Wie wäre es mit Dividenden? Buffett war immer dagegen, aber es wird für ihn immer schwieriger, Investitionsmöglichkeiten zu finden. Wenn die Börseninvestments zu teuer werden und die verzinslichen Anlagen zu unattraktiv, dann kann er nur noch Aktien zurückkaufen (das tut er gelegentlich) oder Dividenden ausschütten. Das ist der Fluch der Größe.

Wie geht es Charlie Munger?

Charlie Munger: Rechte Hand von Buffett? Das wäre eine Untertreibung

Charlie Munger: Rechte Hand von Buffett? Das wäre eine Untertreibung

Foto: REUTERS

mm: Wie geht es Charlie Munger?

Leber: Ich mache mir Sorgen um Charlie Munger, den ich sehr bewundere. Als wir vor einigen Jahren einige Stunden mit ihm verbringen konnten, war er schon sehr wacklig auf den Beinen. Letztes Jahr war er mit einem Golfwägelchen unterwegs. Die letzten Fotos aus dem Februar lassen ihn schwach aussehen. Und ganz aktuell höre ich, dass er schlecht oder gar nicht mehr sieht und Blindenschrift lernen muss.

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Charlie Munger: Wie tickt die rechte Hand von Warren Buffett?

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Das ist für eine Leseratte ganz schlimm. Seine intellektuelle Brillanz ist immer noch da, aber sein Körper macht nicht mehr richtig mit. Ich fürchte, die diesjährige Hauptversammlung ist die letzte mit den beiden Hauptprotagonisten auf dem Podium.

Was sind die kleinen Goodies der Veranstaltung?

Mehr als nur Kopf-Kino: Buffett führt seinen Anlegern jedes Jahr einen kleinen Film vor.

Mehr als nur Kopf-Kino: Buffett führt seinen Anlegern jedes Jahr einen kleinen Film vor.

Foto: Roland Weihrauch/ picture alliance / dpa

mm: Was sind die kleinen Gemmen der Veranstaltung? Zum Beispiel der Film - oder die Tatsache, neben einem der Stars am Kaffeeautomaten stehen zu können.

Leber: Es ist ja schön, dass die physische Teilnahme ein paar "Goodies" enthält. Der größte Spaß ist für mich immer der Firmenfilm um 8.30, der etwa eine dreiviertel Stunde dauert und nirgendwo sonst auf der Welt zu sehen ist. Da konnte man in der Vergangenheit Buffett erleben zusammen mit Jamie Lee Curtis, Arnold Schwarzenegger, Tiger Woods, LeBron James, Floyd Mayweather oder den Stars aus Breaking Bad. Das ist vom Feinsten. In diesem Film ist jedes Jahr der gleiche Filmausschnitt zu sehen, in dem Buffett vor einem Kongressausschuss über die Integrität seiner Mitarbeiter spricht - diese Passagen ergreifen mich jedes Jahr wieder erneut.

Ja, und dann steht in der Sicherheitskontrolle die Schauspielerin Glenn Close neben einem, oder auf der Toilette kommt einem Bill Gates entgegen, oder man sitzt auf dem Platz, der vorher für einen Filmstar oder einen berühmten Architekten reserviert war. Die Milliardärs- und Prominenzdichte ist enorm hoch, und doch begegnet sich alle ohne Allüren.

Mein kulinarischer Höhepunkt wird das Steak-Dinner im Mahoganny-Steakhouse sein direkt nach der Hauptversammlung. Nirgendwo auf der Welt habe ich so gutes Steak gegessen wie dort - (Nebraska hat sehr gut genährte Rinder. Das ist für mich eine Tradition geworden. Ich glaube, Buffett war nie dort - ihm ist es zu teuer, und seine Geschmacksnerven haben sich seit seinem fünften Jahr nicht mehr weiterentwickelt (so wird es berichtet).

Was will Buffett mit Phillips 66?

2,5 Millionen Aktien des Ölkonzerns Phillips 66 hat Buffett zuletzt gekauft - ungefähr für 190 Millionen US-Dollar. Geschätzt

2,5 Millionen Aktien des Ölkonzerns Phillips 66 hat Buffett zuletzt gekauft - ungefähr für 190 Millionen US-Dollar. Geschätzt

Foto: Phillips66

mm: Was will Buffett mit Phillips 66?

Leber: Buffett setzt sicherlich auf die Erholung des Ölsektors. Ich denke, er verschätzt sich und kommt ein Jahr zu früh. Seine Investments in die großen Ölkonzerne war in den Vorjahren nicht sehr treffsicher (er sagte, die Rendite sei die eines Geldmarktkontos gewesen, also nicht berauschend). Bestimmt wird Buffett darauf angesprochen. Was wirklich interessiert ist, wie Buffett die Industriekräfte beschreibt. Seine Einsichten in die Stellhebel der Weltwirtschaft sind ungewöhnlich tief und interessant. Darauf freue ich mich.

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