Disruption der Handelswelt Wie sich der größte Einkaufswagenhersteller der Welt neu erfinden will

Einkaufswagen der Wanzl Metallwarenfarbrik

Einkaufswagen der Wanzl Metallwarenfarbrik

Foto: Wanzl

Wanzl ist einer dieser typisch deutschen Hidden Champions. Die 1947 gegründete Firma mit Sitz im bayrischen Leipheim ist der Weltmarktführer für Einkaufswagen und -körbe. Ob in Handelsfilialen oder Hotels, fast alles was rund um den Globus durch Gänge gefahren oder getragen wird, stammt aus den riesigen Hallen in der Provinz. Jahrelang eilte der Konzern (rund 700 Millionen Euro Umsatz) von Rekord zu Rekord, nun gerät Wanzl in die Disruptionsfalle. Die Handelslandschaft befindet sich in einem dramatischen Wandel - CEO Klaus Meier-Kortwig muss den Konzern neuerfinden. Dabei schreckt das Familienunternehmen nicht einmal vor einem Wettrüsten mit Amazon zurück.

Klaus Meier-Kortwig
Foto: Wanzl

Klaus Meier-Kortwig ist CEO der bayrischen Wanzl Metallwarenfarbrik, dem Weltmarktführer für Einkaufswagen und -körbe.

manager-magazin.de: Herr Meier-Kortwig, die Online-Konkurrenz drängt den filialisierten Einzelhandel immer stärker in die Defensive, damit droht auch Ihr Kerngeschäft zu erodieren. Sie fertigen 2,5 Millionen Einkaufswagen im Jahr, doch die Nachfrage sinkt. Macht Ihnen das Angst?

Klaus Meier-Kortwig: Nein, aber es ist eine große Herausforderung, da niemand seriös prognostizieren kann wie die Handelslandschaft der Zukunft aussieht und wie schnell wir uns darauf zubewegen. Wir beschäftigen uns strategisch schon seit Jahren mit den möglichen Veränderungen und haben uns frühzeitig darauf eingestellt. So stehen wir längst nicht mehr nur auf dem Bein "Einkaufswagen", sondern können Retailern komplette Ladenkonzepte aus einer Hand anbieten.

Sie dürfen Ihre Hauptkunden nicht vernachlässigen, müssen aber auch deren größte Herausforderer wie Zalando oder Amazon umgarnen. Wie wollen Sie sicherstellen, auch in Zukunft auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen?

Wir müssen mit dem Onlinehandel wachsen und unseren stationären Kunden helfen, ins digitale Zeitalter zu finden. Dabei geht es nicht um die Frage, ob Online- oder Offline-Anbietern die Zukunft gehören wird, sondern darum, wer die besten Antworten findet. Wir werden schon bald sehr viel mehr Möglichkeiten haben, unseren Einkauf zu erledigen. Es wird vollautomatisierte Filialen geben, Lieferdienste und Abholstationen ebenso wie schicke Märkte, die als Showroom dienen oder mit Cafés und Restaurants zum Verweilen einladen.

Nach monatelanger Testphase expandiert Amazon inzwischen zaghaft mit seinem vollautomatischen Ladenkonzept "Go", im Vorjahr hat der Internetgigant zudem den Lebensmittelhändler Whole Foods gekauft. Entsteht bald ein Monopolist, dem traditionelle Händler vor allem technologisch nichts entgegensetzen können?

Die Wahrscheinlichkeit, dass Amazon auch in Europa Einzelhändler kaufen wird, ist sehr hoch. Online- und Offlinehandel wachsen zusammen. Wer künftig im Handel erfolgreich sein will, fokussiert sich auf den Kunden, auf dessen Bedürfnisse und bindet ihn über verschiedene Berührungspunkte an sein Unternehmen. Amazon ist technologisch sehr weit, aber bei all dem Bohei um den Konzern wird schnell vergessen, dass auch andere Unternehmen gute Ideen haben. Wir zum Beispiel.

Sie spielen auf Ihren Gegenentwurf an, ein vollautomatisches Ladenkonzept, dass Sie im April für den Schraubenhändler Würth in Vöhringen eröffnet haben?

Ja, aber nicht nur. Wir glauben an neue Shop-Formate und haben dafür verschiedene Konzepte definiert. Dabei steht die Versorgung des ländlichen Raums genauso im Mittelpunkt wie der schnelle Einkauf von Artikeln des täglichen Bedarfes im urbanen Umfeld.

Ist der Markt genauso gut wie die Filialen von Amazon Go?

Die Konzepte sind grundverschieden und daher nicht zu vergleichen. Zumal wir keinen Gegenpart zum Onlinehandel oder zu Amazon Go aufbauen wollen, sondern durch individuell zugeschnittene Konzepte zeigen, dass der stationäre Einzelhandel eine Zukunft hat.

Wie fällt Ihre erste Bilanz aus?

Mit der ersten Niederlassung, in dem die Kunden dank Digitalisierung und Innovation von Montag bis Samstag 24 Stunden lang einkaufen können, haben wir ein sehr zukunftsträchtiges Storekonzept realisiert. Nach erfolgreichem Testlauf kann das Format national und international ausgerollt werden, da es technisch einwandfrei funktioniert und wirtschaftlich multiplizierbar ist.

Mit solchen Konzepten kann der Handel nicht nur Personalkosten sparen...

...genau. Das Konzept hat das Zeug, das scheinbar grenzenlose Wachstum des Onlinehandels zu bremsen, da es annährend für "Waffengleichheit" sorgt. Ein vollautomatisierter Laden darf in Deutschland an sechs Tagen die Woche rund um die Uhr geöffnet sein, das haben wir juristisch prüfen lassen. Nur am Sonntag versteht der Gesetzgeber in Bayern keinen Spaß, obwohl kein Mitarbeiter vor Ort ist.

"Unser Ziel ist, den Umsatz um 5 Prozent zu steigern"

Google hat sich gerade am chinesischen Onlineriesen JD.com beteiligt, Microsoft will für Walmart einen vollautomatisierten Laden bauen. Was steckt hinter den beiden Vorstößen und warum drängen die IT-Giganten mit Macht in den Handel?

Alle IT-Unternehmen suchen Anwendungsfälle für ihre Technologien, wie Cloud-Dienste oder neue Prozessoren und wollen nicht abhängig von der Industrie sein. Somit integrieren sie sich frühzeitig in Entwicklungsprozesse. Neu ist, dass diese Unternehmen eigene "Produkte" schaffen wollen.

Was bedeutet solch scheinbar übermächtige Konkurrenz für Ihre Pläne?

Unser Vorteil ist, dass wir weltweit beste Kontakte zum Handel pflegen und die Branche verstehen. Dazu zählt auch, dass wir mit unseren Vertriebs- und Serviceorganisationen bei den Kunden ein- und ausgehen. Dies tun wir nicht nur bei Großkonzernen, wie dem oben genannten Walmart, sondern vor allem auch bei den selbständigen Einzelhändlern. Neue Konkurrenz fürchten wir nicht, wir sehen diese Unternehmen auch als Partner.

An vielen innovativen Projekten gleichzeitig zu tüfteln ist jedoch teuer - und nicht ohne Risiko. Neben Flops könnten Sie auf Desinteresse stoßen. Denn während im Ausland beispielweise kassenlose Supermärkte längst Alltag sind, erweist sich der deutsche Handel nicht gerade als technologieaffin.

Natürlich wird nicht alles angenommen. Es ist aber unsere Aufgabe, ein überzeugendes Angebot zu machen. Unser Credo lautet daher, neue Entwicklungen immer zusammen mit einem Kunden anzugehen. Wir wollen keine Leuchtturmprojekte, sondern mit unseren Kunden ausrollbare Lösungen für hunderte oder gar tausende Märkte entwickeln.

Wie soll das aussehen? 35 Prozent Ihres Umsatzes entfallen noch immer auf Einkaufswagen, zusammen mit Regalsystemen und Einrichtungskonzepten sind es sogar 88 Prozent. Mit Kommissionierwagen für Onlinehändler und die Automobilindustrie setzt Wanzl nur 6 Prozent um.

Wir befinden uns mitten im Umbruch, bieten aber heute schon sehr viele Ideen an. Das fängt beim klassischen Einkaufswagen an. Der Wanzl-Wagen zeichnet mittels RFID-Chip aus, wie sich Kunden in einer Filiale bewegen. Zudem kann er die Kunden aktiv zu den gesuchten Waren leiten. Weiter geht es mit elektronischen Preisschildern, die Werbefilme abspielen können, bis hin zu elektronischen Bezahlsystemen oder vollautomatisierten Zugangskontrollen für Spielkasinos und Flughäfen.

Bisher ist Ihnen der Spagat gelungen. Im Vorjahr stieg der Umsatz von 615 auf 720 Millionen Euro, bereinigt um Zukäufe lagen die Erlöse 7 Prozent im Plus. Ist die Umsatzmilliarde ein fest terminiertes Ziel?

Eine Zielgröße von einer Milliarde ist nicht definiert. Wir wollen ein gesundes, nachhaltiges Wachstum mit auskömmlichen Margen. Ziel ist es, im laufenden Jahr den Umsatz organisch um 5 Prozent zu steigern.

Ist Wanzl 2025 kein Einkaufswagenhersteller mehr, sondern ein Technologiekonzern?

Der technologische Wandel gibt uns die große Chance, unsere Marktposition weiter zu stärken. Wir bieten dem stationären Einzelhandel maßgeschneiderte Lösungen und entwickeln daher als Komplettlösungsanbieter neben unserer "Hardware" auch unsere "Software" ständig weiter. Letztendlich wird die perfekte Symbiose aus Hard- und Software zum Erfolg führen - und diese wird Wanzl bieten.

Und wie sieht es auf der Ertragsseite aus?

Trotz hoher Stahlpreise und aggressiver Billiganbieter würde ich das Ergebnis als auskömmlich bezeichnen. Nähere Angaben machen wir als Familienunternehmen nicht.

Apropos Familie: Sie sind der erste familienfremde Manager an der Unternehmensspitze. Ihr Inhaber und Aufsichtsratschef Gottfried Wanzl hat einen klaren Auftrag für Sie: Er will auch in Zukunft noch sagen können "Wir haben eigentlich alles richtig gemacht." Können Sie ihm das versprechen?

Wanzl steht seit mehr als 70 Jahren für beste Qualität, für Innovation und für die Fähigkeit, sich den zumeist rasant ändernden Marktgegebenheiten nicht nur anzupassen, sondern den Markt aktiv mitzugestalten. Dazu arbeiten Aufsichtsrat und Geschäftsleitung Hand in Hand, um diesen erfolgreichen Weg gemeinsam mit aller Kraft fortzusetzen.