Mittwoch, 26. Juni 2019

Disruption der Handelswelt Wie sich der größte Einkaufswagenhersteller der Welt neu erfinden will

Einkaufswagen der Wanzl Metallwarenfarbrik

2. Teil: "Unser Ziel ist, den Umsatz um 5 Prozent zu steigern"

Google hat sich gerade am chinesischen Onlineriesen JD.com beteiligt, Microsoft will für Walmart einen vollautomatisierten Laden bauen. Was steckt hinter den beiden Vorstößen und warum drängen die IT-Giganten mit Macht in den Handel?

Alle IT-Unternehmen suchen Anwendungsfälle für ihre Technologien, wie Cloud-Dienste oder neue Prozessoren und wollen nicht abhängig von der Industrie sein. Somit integrieren sie sich frühzeitig in Entwicklungsprozesse. Neu ist, dass diese Unternehmen eigene "Produkte" schaffen wollen.

Was bedeutet solch scheinbar übermächtige Konkurrenz für Ihre Pläne?

Unser Vorteil ist, dass wir weltweit beste Kontakte zum Handel pflegen und die Branche verstehen. Dazu zählt auch, dass wir mit unseren Vertriebs- und Serviceorganisationen bei den Kunden ein- und ausgehen. Dies tun wir nicht nur bei Großkonzernen, wie dem oben genannten Walmart, sondern vor allem auch bei den selbständigen Einzelhändlern. Neue Konkurrenz fürchten wir nicht, wir sehen diese Unternehmen auch als Partner.

An vielen innovativen Projekten gleichzeitig zu tüfteln ist jedoch teuer - und nicht ohne Risiko. Neben Flops könnten Sie auf Desinteresse stoßen. Denn während im Ausland beispielweise kassenlose Supermärkte längst Alltag sind, erweist sich der deutsche Handel nicht gerade als technologieaffin.

Natürlich wird nicht alles angenommen. Es ist aber unsere Aufgabe, ein überzeugendes Angebot zu machen. Unser Credo lautet daher, neue Entwicklungen immer zusammen mit einem Kunden anzugehen. Wir wollen keine Leuchtturmprojekte, sondern mit unseren Kunden ausrollbare Lösungen für hunderte oder gar tausende Märkte entwickeln.

Wie soll das aussehen? 35 Prozent Ihres Umsatzes entfallen noch immer auf Einkaufswagen, zusammen mit Regalsystemen und Einrichtungskonzepten sind es sogar 88 Prozent. Mit Kommissionierwagen für Onlinehändler und die Automobilindustrie setzt Wanzl nur 6 Prozent um.

Wir befinden uns mitten im Umbruch, bieten aber heute schon sehr viele Ideen an. Das fängt beim klassischen Einkaufswagen an. Der Wanzl-Wagen zeichnet mittels RFID-Chip aus, wie sich Kunden in einer Filiale bewegen. Zudem kann er die Kunden aktiv zu den gesuchten Waren leiten. Weiter geht es mit elektronischen Preisschildern, die Werbefilme abspielen können, bis hin zu elektronischen Bezahlsystemen oder vollautomatisierten Zugangskontrollen für Spielkasinos und Flughäfen.

Bisher ist Ihnen der Spagat gelungen. Im Vorjahr stieg der Umsatz von 615 auf 720 Millionen Euro, bereinigt um Zukäufe lagen die Erlöse 7 Prozent im Plus. Ist die Umsatzmilliarde ein fest terminiertes Ziel?

Eine Zielgröße von einer Milliarde ist nicht definiert. Wir wollen ein gesundes, nachhaltiges Wachstum mit auskömmlichen Margen. Ziel ist es, im laufenden Jahr den Umsatz organisch um 5 Prozent zu steigern.

Ist Wanzl 2025 kein Einkaufswagenhersteller mehr, sondern ein Technologiekonzern?

Der technologische Wandel gibt uns die große Chance, unsere Marktposition weiter zu stärken. Wir bieten dem stationären Einzelhandel maßgeschneiderte Lösungen und entwickeln daher als Komplettlösungsanbieter neben unserer "Hardware" auch unsere "Software" ständig weiter. Letztendlich wird die perfekte Symbiose aus Hard- und Software zum Erfolg führen - und diese wird Wanzl bieten.

Und wie sieht es auf der Ertragsseite aus?

Trotz hoher Stahlpreise und aggressiver Billiganbieter würde ich das Ergebnis als auskömmlich bezeichnen. Nähere Angaben machen wir als Familienunternehmen nicht.

Apropos Familie: Sie sind der erste familienfremde Manager an der Unternehmensspitze. Ihr Inhaber und Aufsichtsratschef Gottfried Wanzl hat einen klaren Auftrag für Sie: Er will auch in Zukunft noch sagen können "Wir haben eigentlich alles richtig gemacht." Können Sie ihm das versprechen?

Wanzl steht seit mehr als 70 Jahren für beste Qualität, für Innovation und für die Fähigkeit, sich den zumeist rasant ändernden Marktgegebenheiten nicht nur anzupassen, sondern den Markt aktiv mitzugestalten. Dazu arbeiten Aufsichtsrat und Geschäftsleitung Hand in Hand, um diesen erfolgreichen Weg gemeinsam mit aller Kraft fortzusetzen.

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