Sonntag, 31. Mai 2020

Neuer Gewerkschaftschef Jörg Hofmann Die Gewerkschaft schickt einen Innovator nach Wolfsburg

Jörg Hofmann: Der neue IG-Metall-Chef müsste sich die Aufgabe in Wolfsburg nicht antun - will es aber

Die Metallgewerkschafter haben entschieden. Mit satten 91 Prozent der Stimmen haben sie ihren bisherigen Vize Jörg Hofmann zum neuen Vorsitzenden gewählt. Mit diesem Ergebnis kann der Funktionär selbstbewusst die IG Metall vertreten. Wie es heißt, steht Hofmann auch bereit für einen potenziell einflussreichen - aber auch konfliktträchtigen - Posten im Aufsichtsrat von Volkswagen (was er nicht müsste).

Dort ist der lange Sommer der Gewerkschaftsmacht vorüber. Mit der Berufung von Hans Dieter Pötsch an die Spitze des Aufsichtsrats hat Volkswagen Börsen-Chart zeigen wieder einen Chefkontrolleur, der von der Kapitalseite bestimmt wurde. Ex-Gewerkschaftsboss Berthold Huber hat seine Chance genutzt, den Konzern durch gleich zwei große Krisen in einem halben Jahr zu navigieren und dabei souverän und verantwortungsbewusst gewirkt, wie es Manager und Anteilseigner nicht immer vermochten.

Zurück zur Normalität? Wenn es geht, ja. Wobei Normalität in Wolfsburg ohnehin bedeutet, dass die Vertreter der Arbeitnehmer mehr Einfluss haben als anderswo. Statt vier von fünf Präsidiumsmitgliedern (einschließlich des Vorsitzenden) sind jetzt vier von sechs (ohne den Vorsitzenden) Gewerkschafter.

Spätestens zur außerordentlichen Hauptversammlung im November will Huber, der schon seit 2013 nicht mehr an der Spitze der IG Metall stand, sein Mandat bei Volkswagen ganz abgeben. Und seine Nachfolge ist mit Hofmanns Wahl geregelt.

Der erste akademisch geprägte IG-Metall-Chef

Viel spricht dafür, dass der 59-Jährige zum Stellvertreter Pötschs im Kontrollgremium wird - und damit, wie zuvor Huber, zu dessen Ersatzkandidat, falls der VW-Skandal den bisherigen Obercontroller doch noch erfassen sollte.

Hofmann hat sich bisher einen Namen als Tarifexperte gemacht - als gewiefter Verhandler, ohne die Vertreter der Arbeitgeberseite anzukumpeln, nicht als großer Redner auf Marktplätzen oder vor Werkstoren. Wenn er spricht, fällt sein schwäbischer Dialekt ("Induschtrie") auf. Selbst Empörung über ein schlechtes Angebot der Arbeitgeber bringt er in besonnenem, sanftem Tonfall vor, immer gespickt mit Fachwissen.

Jörg Hofmann wäre der erste IG-Metall-Chef, der als Student (Ökonomie und Soziologie) zur Organisation stieß. Die Vorgänger des Lehrersohns aus dem Remstal stammten alle aus Arbeiterfamilien, sie lernten Werkzeugmacher oder Maschinenschlosser. Gemeinsam mit den meisten seiner Vorgänger (darunter auch Huber) hat Hofmann die Herkunft aus dem mächtigen Bezirk Baden-Württemberg, wo die Autoindustrie und deren Zulieferer den Ton angeben.

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