Anstiftung zur Untreue Middelhoff schweigt am ersten Prozesstag

Hat Thomas Middelhoff als Ex-Arcandor-Chef den Aufsichtsrat angestiftet, ihm einen Millionenbonus zu überweisen, wenn er den maroden Konzern früher verlässt? Die Ankläger werfen ihm das vor. Middelhoff schweigt, seine Anwältin wird um so deutlicher.
Ex-Arcandor Thomas Middelhoff (rechts) spricht am Donnerstag zum Prozessauftakt im Landgericht Essen mit dem ehemaligen Aufsichtsratsvorsitzenden des insolventen Kaufhauskonzerns, Friedrich Carl Janssen

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Vor dem Landgericht Essen hat am Donnerstag ein weiteres Strafverfahren gegen Ex-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff begonnen - genau an seinem 64. Geburtstag. In dem Prozess um Boni-Zahlungen bei Arcandor warf die Staatsanwaltschaft Middelhoff zu Verhandlungsbeginn Anstiftung zur Untreue vor. Sechs ebenfalls angeklagten Ex-Aufsichtsräten legten die Ankläger Untreue zur Last. Middelhofs Verteidigung und weitere Anwälte wiesen die Vorwürfe zurück.

Hintergrund ist unter anderem ein Sonderbonus, den der am 11. Mai 1953 geborene Middelhoff bei seinem Ausscheiden im Jahr 2009 erhalten hatte. Oberstaatsanwalt Helmut Fuhrmann verwies bei der Verlesung der Anklageschrift darauf hin, dass Middelhoffs Vertrag als Vorstandsvorsitzender ursprünglich erst Ende 2009 auslaufen sollte.

Der ebenfalls angeklagte damalige Arcandor-Aufsichtsratsvorsitzende Friedrich Carl Janssen habe Middelhoff habe zu einem früheren Ausscheiden bereits Ende Februar 2009 bewegt. Im Gegenzug soll der Vorstandschef einen Sonderbonus in Höhe von 2,295 Millionen Euro erhalten haben.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Middelhoff eine solche Zahlung nicht verlangen konnte. Wirtschaftlich habe diese der Arcandor AG auch nicht genutzt. In dem Essener Prozess geht es zudem um eine weitere Abfindung an den damaligen Arcandor-Finanzvorstand, die laut Anklage um knapp 1,4 Millionen Euro überhöht gewesen sein soll.

Middelhoff war ab 2005 Vorstandsvorsitzender der Karstadt/Quelle AG, die 2007 zur Arcandor AG umfirmierte. Im Juni 2009 beantragte Arcandor ein Insolvenzverfahren, das am 1. September 2009 eröffnet wurde.

Middelhoff-Anwältin: "An der Anklage ist nichts dran"

Middelhoffs Verteidigerin Anne Wehnert kritisierte die Anklageschrift scharf. "Es fragt sich, was Herrn Doktor Middelhoff eigentlich vorgeworfen wird", sagte die Düsseldorfer Anwältin. Der zuständige Aufsichtsratsausschuss und dessen nun mitangeklagte Mitglieder hätten "nach pflichtgemäßem Ermessen" über die Bonus-Zahlung entschieden, die im übrigen nicht im Zusammenhang mit der Demission Middelhoffs als Arcandor-Chef gestanden habe.

Da der Untreue-Vorwurf gegen die Ex-Aufsichtsräte nicht zutreffe, könne Middelhoff auch keine Anstiftung zur Untreue vorgeworfen werden. "Es fehlt schon an der Haupttat", sagte Wehnert am Rande des Prozesses. "An der Anklage ist nichts dran."

Middelhoff schweigt am ersten Prozesstag

Middelhoff selbst schwieg am ersten Prozesstag. Seine Verteidigerin kündigte an, dass er am nächsten Verhandlungstag Angaben zu seiner Person machen werde. Zur Sache werde sich der Ex-Topmanager aber derzeit nicht äußern.

Middelhoff sowie weitere Angeklagte in dem Strafverfahren sind nach Angaben ihrer Anwälte gesundheitlich angeschlagen und stehen teils unter intensiver ärztlicher Beobachtung. Daher waren am ersten Verhandlungstag auch ein Rettungssanitäter und ein Rettungsassistent des Arbeiter-Samariterbundes im Gerichtssaal zugegen.

Middelhoff ist jetzt Freigänger und hilft Behinderten

Für Thomas Middelhoff dürfte das Gerichtsgebäude in Essen keine guten Erinnerungen wecken. Erst vor zweieinhalb Jahren wurde er dort in einem spektakulären Prozess wegen Untreue zu drei Jahren Haft verurteilt und noch im Gerichtssaal verhaftet. Middelhoff verbüßt die Strafe im offenen Vollzug und arbeitet tagsüber als Freigänger in einer Behindertenwerkstatt in Bielefeld. Middelhoff könnte noch in diesem Jahr vorzeitig auf Bewährung entlassen werden.

Thomas Middelhoff: Der Ex-Manager arbeitet während seiner Haft in einer Behinderteneinrichtung

Thomas Middelhoff: Der Ex-Manager arbeitet während seiner Haft in einer Behinderteneinrichtung

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Thomas Middelhoff: Der Ex-Manager arbeitete während seiner Haft zunächst als Hilfskraft in der Sozialeinrichtung der Von Bodelschwingschen Stiftungen in BielefeldEs ist ein tiefer Fall für den früheren Topmanager. Noch vor wenigen Jahren galt der 64-Jährige als einer der einflussreichsten Firmenlenker Deutschlands. Als Bertelsmann-Chef verdiente er Milliarden für den Gütersloher Medienriesen, danach machte er als Investmentbanker viel Geld in London und übernahm schließlich die Leitung des angeschlagenen Warenhaus-Konzerns KarstadtQuelle.

Doch der Einstieg bei KarstadtQuelle - später in Arcandor umbenannt - erwies sich als Wendepunkt in Middelhoffs Karriere. Es gelang ihm nicht, eine nachhaltige Erholung des Handelsriesen zu erreichen. Anfang 2009 warf er das Handtuch. Wenige Monate später meldete das Unternehmen Insolvenz an. Die akribische Bestandsaufnahme des Insolvenzverwalters führte dann zum ersten Strafprozess, in dem Middelhoff nicht zuletzt wegen teurer Privatflüge auf Firmenkosten verurteilt wurde.

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Thomas Middelhoff - seine Sicht der Dinge: Aufstieg und Fall von "Big T"

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Der Manager selbst, der einst Millionen verdiente, musste 2015 Privatinsolvenz anmelden. Über 50 Middelhoff-Gläubiger haben nach Angaben von Insolvenzverwalter Thorsten Fuest mehr als 400 Millionen Euro an Forderungen geltend gemacht. Allerdings ist ein Großteil der Forderungen umstritten. Ein Ende des Insolvenzverfahrens ist angesichts der komplexen Sachverhalte und der zuweilen verschachtelten Eigentumsstrukturen etwa bei der ehemaligen Middelhoff Villa in Saint-Tropez derzeit nicht absehbar, wie Fuest noch in dieser Woche betonte.

Insgesamt sind für den Prozess 34 Verhandlungstage vorgesehen. Mit dem Urteil ist erst kurz vor Weihnachten zu rechnen.

rei/afp/dpa
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