Siemens-Betriebsrat kontert Kaeser Die stille Macht von München

Mächtigste Arbeitnehmervertreterin im Land: Siemens-Betriebsrätin Birgit Steinborn, hier noch mit freundlichem Lächeln

Mächtigste Arbeitnehmervertreterin im Land: Siemens-Betriebsrätin Birgit Steinborn, hier noch mit freundlichem Lächeln

Foto: Werner Bachmeier/Siemens/dpa

Auf den Tisch haue sie eher nicht. Das hat Birgit Steinborn einmal im Fernsehinterview der "Deutschen Welle" bekannt. Um dann doch noch etwas Machtbewusstsein nachzuschieben: "Aber ich bin doch sehr beharrlich."

Das also ist die mächtigste Arbeitnehmervertreterin im Land, die für mehr als 100.000 Beschäftigte spricht und den Weltkonzern Siemens als Aufsichtsratsvize kontrolliert. Kooperation statt Konfrontation, das schien mit Steinborns Antritt der neue Stil in München sein. Doch die Betriebsratschefin geht zunehmend auf Distanz zu Konzernchef Joe Kaeser, dem sie mit ins Amt und zu einem glänzenden Start mit viel Vorschusslorbeeren verhalf.

Deshalb ist der neue Ton von Betriebsrat und Gewerkschaft bei Siemens, die sich neuerdings zum Protest gegen die Konzernführung rüsten, bemerkenswert:

Das Gefolge verliert die Geduld mit König Joe. Der dürfte wissen, wie viel er daran hat. Trotz ihrer zurückhaltenden Art spielte Steinborn im Hintergrund ebenso eine Rolle beim Abgang seines Vorgängers Peter Löscher wie ausgerechnet der "roten Gitti" Brigitte Ederer als Personalchefin.

An Steinborn, die den Großteil ihres Lebens im Konzern verbracht hat, lässt sich beobachten, wie die Distanz der Siemensianer zu Kaeser, den sie als einen der Ihren empfanden, wächst.

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Vor zwei Jahren, die gelernte Industriekauffrau und studierte Soziologin war gerade dem machtbewussten Lothar Adler als Betriebsratschefin nachgefolgt, hatte Steinborn Kaeser noch fast besungen: "Er besucht die Standorte, geht an die Belegschaft ran. Er versucht, das Siemens-Feeling wieder hinzubekommen", sagte sie dem "Handelsblatt". Und vereinnahmte den CEO als Kollegen: Mit dem Motto "Mensch und Marge" sei er "auf unseren Zug aufgesprungen", mit dem feinen Unterschied, dass die die IG Metall "Mensch vor Marge" sieht.

Vor einem Jahr hingegen, Birgit Steinborn löste Ex-Gewerkschaftsboss Berthold Huber als Aufsichtsratsvize ab, war die Enttäuschung schon zu spüren. Sie "habe es satt", dass Siemens "seit Jahren von einem Abbauprogramm ins nächste jage".

Gestern "Pech", heute eine "Strategie Raus aus Deutschland"

Da war schon klar, dass ihr Anspruch, es dürfe "keinen weiteren Stellenabbau geben", verhallte. Eine fünfstellige Zahl von Jobs, wie zeitweise befürchtet, erwischte es dann doch nicht. Aber als Beweis für die Ergebnisse des beharrlich leisen Verhandelns, an denen sie sich messen lassen wollte, musste Steinborn schon tiefer graben: Immerhin verspreche Kaeser auch neue Investitionen, auch wenn die Wachstumsperspektive nicht ganz klar sei.

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Noch immer klang ihr Urteil ausgewogen - dass Siemens den großen Zukauf Dresser Rand in der Öl- und Gasbranche ausgerechnet dann stemmte, bevor der Ölpreis einbrach, sei schlicht "Pech".

Jetzt urteilt sie deutlich härter, spricht von "Managementfehlern", von einer "Rückzugsstrategie 'Raus aus Deutschland'". Besonders empört die Betriebsrätin, dass Kaesers Worte von der Hauptversammlung im Januar, "der generelle Konzernumbau ist nun in der Hauptsache abgeschlossen", nun "schon wieder Makulatur" seien.

Unter Verweis auf die schwierige Lage der Öl- und Gasindustrie stehen erneut tausende Stellen vor allem in Bayern zur Disposition. Verlässlichkeit und Betriebsfrieden, so scheint es, kann auch das Duo Kaeser-Steinborn nicht sichern - und das trotz eines Nettogewinns von 7,4 Milliarden Euro im vergangenen Geschäftsjahr.

Selbst wenn der Vorstand dem Betriebsrat die verlangte "Zeit, um über Alternativen zu reden" zubilligt, stehen die echten Bewährungsproben noch bevor. Mehrere Geschäftsbereiche stehen als Underperformer unter Beobachtung. Joe Kaeser will sie zwar zunächst im Einklang mit dem Betriebsrat selbst sanieren. Aber ob wirklich Siemens bleibt, was Siemens ist?

Zunächst gilt eine Gnadenfrist bis zum kommenden Jahr. Dann muss die Marge stimmen - oder die Menschen gehen. In dem Fall dürfte die stille Birgit Steinborn dann doch auf den Tisch hauen, und Joe Kaeser endgültig den Kampf ansagen.


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