Freitag, 18. Oktober 2019

Plagiatvorwürfe gegen Ministerin von der Leyen "Mängel schwerwiegender als bei Frau Schavan"

Auch oberste Dienstherrin der Bundeswehr-Universitäten: Die Plagiatsplattform "Vroniplag" stuft die Verfehlungen der Ministerin in ihrer Doktorarbeit graduell schwerwiegender ein als bei Annette Schavan. Diese trat 2013 nach Plagiatsvorwürfen als Bundesfamilienministerin zurück

Der stellvertretende CDU-Vorsitzende Thomas Strobl hat mit Unverständnis auf die Plagiatsvorwürfe gegen seine Parteikollegin, Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, reagiert. "Die Menschen interessiert, wie wir aktuelle Probleme lösen und Herausforderungen angehen. Im Moment steht anderes im Mittelpunkt als irgendwelche Plagiatsvorwürfe", sagte Strobl der "Rheinischen Post".

Auch der Chef des Parlamentskreises Mittelstand in der Unionsfraktion, Christian von Stetten (CDU), sprang der Ministerin zur Seite. "Für sie gilt die Unschuldsvermutung, bis das Gegenteil bewiesen ist", sagte er und fügte hinzu: "Das ist kein Bereich, in dem man jemand politisch ein Bein stellt."

Von der Leyen selbst hatte zuvor Vorwürfe zurückgewiesen, sie habe bei ihrer Doktorarbeit vor 25 Jahren regelwidrig Passagen von anderen Autoren übernommen. "Den Vorwurf des Plagiats kann ich zurückweisen", sagte die CDU-Politikerin.

Sie wisse seit Ende August, dass ihre Doktorarbeit ins Visier genommen worden sei. Sie habe noch am selben Tag die Medizinische Hochschule Hannover gebeten, ihre Dissertation durch eine fachkundige und neutrale Ombudsstelle überprüfen zu lassen: "Soweit ich weiß, sind die Experten bei der Arbeit."

"Sie war extrem faul und hat gnadenlos kopiert"

Am Wochenende war bekannt geworden, dass von der Leyen auf der Internetseite Vroniplag Wiki schwere Regelverstöße in ihrer medizinischen Doktorarbeit vorgeworfen werden.

Der Gründer der Plagiatsplattform, Martin Heidingsfelder, forderte die Aberkennung des Doktortitels von der Leyens. "Sie war extrem faul und hat gnadenlos kopiert", sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland, dem mehr als 30 Tageszeitungen angehören. "Deshalb müsste die Medizinische Hochschule ihr den Titel entziehen. Die Wissenschaft tut sich keinen Gefallen, wenn sie renommierte Politiker schützt."

Man habe "37 Textpassagen festgestellt, die gegen wissenschaftlich anerkannte und auch in der damals maßgeblichen Promotionsordnung geregelte Zitierregeln verstoßen", zitiert "Spiegel Online" Gerhard Dannemann von der Humboldt-Universität Berlin.

Berliner Juraprofessor: "Mängel schwerwiegender als bei Frau Schavan"

Der "Süddeutschen Zeitung" sagte Dannemann, der zum Kernteam von Vroniplag gehört: "Ich halte die Mängel für schwerwiegender als bei Frau Schavan, wenn auch in einem anderen Fach." Der Juraprofessor ergänzte: "Wir sprechen hier nicht von einem Grenzfall." Die Häufigkeit und leichte Vermeidbarkeit der Fehler spreche "für grobes Schlampen", führte der Experte weiter aus. Er sprach von einem "Muster in der Arbeitsweise".

Auch der Plagiatsexperte Volker Rieble bewertet das Vorgehen von der Leyens als "eindeutiges Plagiat". Oberhalb einer Bagatellgrenze sei es auch egal, ob es sich um einen schweren oder nur mittelschweren Plagiatsfall handele.

Die CDU-Politikerin Annette Schavan war 2013 als Bundesbildungsministerin zurückgetreten, nachdem ihr wegen Plagiatsvorwürfen der Doktortitel im Fach Erziehungswissenschaften aberkannt wurde. Zwei Jahre zuvor war der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg in einem ähnlichen Fall zurückgetreten. Nach Guttenberg war schließlich die einstige FDP-Hoffnung Silvana Koch-Mehrin über eine Plagiatsaffäre gestolpert (siehe "Was macht eigentlich?")

Der forschungspolitische Sprecher der Grünen, Kai Gehring, forderte eine sorgfältige und zügige Prüfung der Dissertation von der Leyens durch die Universität Hannover. Von der Leyen sei auch oberste Dienstherrin der Bundeswehr-Universitäten, "daraus erwächst eine ganz besondere Verantwortung".

rei/ts/Reuters/dpa/AFP

© manager magazin 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung