Neues Jahr, neues Glück? Was die deutschen CEO-Verlierer des Jahres 2018 nun machen

Sie wurden vom Aufsichtsrat gefeuert, von aktivistischen Investoren genervt - oder gar von Staatsanwälten verhaftet: Im Jahr 2018 gingen mehrere Vorstandsvorsitzende großer deutscher Unternehmen ziemlich spektakulär von Bord. Womit sich die einstigen Unternehmenslenker nun beschäftigen - und warum manche richtig stillhalten.
Rupert Stadler: Der Ex-Audi-Chef ist abgetaucht

Rupert Stadler: Der Ex-Audi-Chef ist abgetaucht

Foto: REUTERS / RALPH ORLOWSKI/ REUTERS

Rupert Stadler: Wieder frei, aber trotzdem still

Nach seinem Abgang als Audi-Chef bleibt Rupert Stadler (55) bleibt erstmal auf Tauchstation. Seine elfeinhalb Jahre lange Ära als Vorstandschef von VWs Luxustochter Audi fand im Sommer ein jähes Ende: Am 19. Juni 2018 verhafteten Staatsanwälte den langjährigen Audi-Chef Rupert Stadler. Weil er versucht haben soll, Zeugen zu beeinflussen, musste Stadler wegen "Verdunklungsgefahr" monatelang in Untersuchungshaft. Audi beurlaubte Stadler zunächst, im Oktober trennte sich der Volkswagen-Konzern endgültig von Stadler. Anfang November schaffen es Stadlers Anwälte, ihn gegen Kaution aus der Untersuchungshaft zu holen.

Seit seiner Freilassung ist es um den Automanager still geworden. Bei Kultur- oder Sportveranstaltungen in Ingolstadt ließ sich Stadler zuletzt nicht blicken, heißt es in Berichten süddeutscher Medien. Für den Komplettrückzug aus der Öffentlichkeit hat Stadler gute Gründe: Zu seinen Kautionsauflagen gehört auch ein Kontaktverbot zu Personen, die für das Ermittlungsverfahren relevant sind.

Dass die Staatsanwälte Anklage gegen ihn erheben, gilt als wahrscheinlich - die Anklageschrift soll im späten Frühjahr 2019 fertig sein. Bis dahin dürfte Stadler wohl zahlreiche Termine mit seinen Anwälten haben, um seine Verteidigungsstrategie festzulegen.

Matthias Müller: Zum Volkswagen-Konzernchef zum Berater degradiert

Matthias Müller: Der einstige Volkswagen-Konzernchef berät den Autobauer nun noch bis Februar 2020

Matthias Müller: Der einstige Volkswagen-Konzernchef berät den Autobauer nun noch bis Februar 2020

Foto: Andreas Arnold/ picture alliance / Andreas Arnol

Von seinem bevorstehenden Rauswurf soll er erst Stunden zuvor erfahren haben: Am 12. April 2018 endete Matthias Müllers (65) Zeit als VW-Konzernchef ziemlich abrupt. Die VW-Aufsichtsräte ersetzten ihn durch den bisherigen VW-Markenchef Herbert Diess. Die Gründe für Müllers Rauswurf sollen einige mediale Alleingänge und eine zunehmende Entfremdung von den VW-Eigentümerfamilien Porsche und Piech gewesen sein. Dabei hatte Müller den Konzern durchaus erfolgreich durch die Niederungen des Abgasskandals gesteuert - und die Wende Richtung Elektromobilität eingeläutet.

Auf öffentlichen VW-Veranstaltungen gesichtet wurde der Manager seither nicht mehr, dabei ist er seinem alten Arbeitgeber noch über ein Jahr lang verbunden. Müllers Vorstandsvertrag läuft noch bis Ende Februar 2020. Bis dahin steht er dem Unternehmen beratend zur Verfügung, hieß es bereits im April.

Was er dabei genau tut, kann der Konzern nicht beantworten. Über Müllers Beratungstätigkeit sei Vertraulichkeit vereinbart worden, heißt es auf Nachfrage. Eine Abfindung hat Müller aber nicht erhalten. Dafür kassiert er weiter sein Vorstandsgehalt, das in guten Jahren schon mal bei 10 Millionen Euro lag.

John Cryan: Europa-Rückzug nach Deutsche-Bank-Aus

John Cryan: Der frühere Deutsche-Bank-Chef hat sich in die USA zurückgezogen

John Cryan: Der frühere Deutsche-Bank-Chef hat sich in die USA zurückgezogen

Foto: Boris Roessler/ dpa

Europa erstmal adé - nach dieser Devise lebt John Cryan (57) nach seinem Rauswurf bei der Deutschen Bank. Am 8. April wurde der gebürtige Brite des größten deutschen Bankhauses abberufen und durch Christian Sewing ersetzt. Deutsche-Bank-Chefkontrolleur Paul Achleitner erklärte dazu, dass unter Cryan Entscheidungen zu langsam getroffen und umgesetzt wurden.

Bekannten hat Cryan seither erklärt, dass er nun erstmal privatisiere. Bei seinem Rückzug geht Cryan ziemlich konsequent vor. Seinen Lebensmittelpunkt hat der gebürtige Brite aus Frankfurt in die USA verlegt: Er lebt nun in Annapolis nahe Washington, wo seine Frau Mary seit knapp einem Jahrzehnt ein Anwesen besitzt.

Im Frühsommer kappte er eine weitere Verbindung nach Europa: Er zog sich als Chairman der britischen Stiftung Gabrieli zurück, die klassische Musik inszeniert. Nur eine Verbindung in Europas Finanzszene hält er noch: Beim britischen Hedgefonds Man Group bleibt er bis mindestens 2020 im Board. Ähnlich rigoros war Cryan auch nach seinem Abschied bei der UBS im Jahr 2011 vorgegangen.

Kurt Bock: Sammelt nach BASF-Abgang erstmal Kontrolleurs-Erfahrung

Kurt Bock: Der Ex-BASF-Vorstandschef bewegt sich in seiner Cooling-Off-Zeit in exklusiveren Kreisen

Kurt Bock: Der Ex-BASF-Vorstandschef bewegt sich in seiner Cooling-Off-Zeit in exklusiveren Kreisen

Foto: Uwe Anspach/ picture alliance / dpa

Bei seinem Abschied auf der Hauptversammlung der BASF im Mai rechnete Kurt Bock (60) mit den Kritikern, die ihm unternehmerische Verzagtheit vorgeworfen hatten, harsch und öffentlich ab. Wer Visionen habe, solle besser zum Arzt gehen, zitierte der nüchterne Ostwestfale damals den einstigen Bundeskanzler Helmut Schmidt.

Seitdem ist es komplett ruhig um ihn geworden. Tatsächlich muss Bock ja auch abkühlen. Um im Mai 2020 an alter Wirkungsstätte in Ludwigshafen den Aufsichtsratsvorsitz von Jürgen Hambrecht übernehmen zu können.

Bock bewegt sich nun vor allem in exklusiven Zirkeln wie der Schmalenbach-Gesellschaft, der Jacob-Gould-Schurman-Stiftung oder dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Zusätzlich sammelt er in den Aufsichtsraten von BMW und Münchener Rück Erfahrung als Unternehmenskontrolleur. Sein Lebensmittelpunkt ist nach wie vor Heidelberg. Von da aus hat er es später nicht weit bis zur BASF.

Patrick Thomas: Multi-Kontrolleur nach Covestro-Abschied

Ex.-Covestro-Chef Patrick Thomas kümmert sich nun nur mehr um internationale Aufsichtsratsmandate

Ex.-Covestro-Chef Patrick Thomas kümmert sich nun nur mehr um internationale Aufsichtsratsmandate

Foto: Bayer

Im Mai, also vier Monate vor dem geplanten Termin, räumte Patrick Thomas (60) den Posten als CEO des Leverkusener Chemiekonzerns Covestro. Das lange Übergangsregiment - der interne Nachfolger Markus Steilemann (48) war bereits ein Jahr zuvor ausgeguckt worden - erwies sich am Ende als unpraktikabel.

Seit dem Rückzug bei Covestro kümmert sich der Brite von seinem Hauptwohnsitz in Brüssel aus ausschließlich um internationale Mandate in der Chemieindustrie. Er sitzt in den Aufsichtsräten der belgischen Konzerne Akzo Nobel und Aliaxis. Beim Londoner Spezialchemie-Unternehmen Johnson Matthey ist er Chairman. In Deutschland ist er kaum noch anzutreffen. Die Wohnung in Düsseldorf hat er offenbar aufgegeben.

Heinrich Hiesinger: Hausarbeit statt Stahlkonzern-Umbau

Heinrich Hiesinger: Nach seinem Abgang bei ThyssenKrupp brachte er erstmal sein Haus in Schuss

Heinrich Hiesinger: Nach seinem Abgang bei ThyssenKrupp brachte er erstmal sein Haus in Schuss

Foto: Rolf Vennenbernd/ dpa

Unmittelbar nachdem Heinrich Hiesinger (58) Anfang Juli genervt von den beiden Großaktionären Krupp-Stiftung und Cevian seinen Posten als Chef von ThyssenKrupp hinschmiss, räumte er sein Büro. Zu Hause machte sich der Ingenieur gleich an dort liegen gebliebene Aufgaben. Die Bewässerungsanlage im Garten brachte er in Schuss. Auch um die Beleuchtung kümmerte er sich.

Bis auf weiteres bleibt er zurückgezogen. Für jene, die seine Meinung schätzen, ist er aber erreichbar. Ab und an geht's nach München zu BMW, wo er seit 2017 dem Aufsichtsrat angehört.

Carsten Kengeter: Kämpft mit juristischer Altlast

Carsten Kengeter: Der frühere Chef der Deutschen Börse schlägt sich weiter mit juristischen Altlasten herum

Carsten Kengeter: Der frühere Chef der Deutschen Börse schlägt sich weiter mit juristischen Altlasten herum

Foto: Boris Roessler/ dpa

Carsten Kengeter (51), bis zum Herbst 2017 Vorstandsvorsitzender der Deutschen Börse privatisiert bis auf Weiteres. Bevor der gelernte Investmentbanker (Goldman Sachs, UBS) wieder für Aufsichts- und Beiratsmandate satisfaktionsfähig ist, muss eine juristisch heikle Altlast beseitigt werden. Noch immer ermittelt die Frankfurter Staatsanwaltschaft gegen Kengeter wegen des Verdachts auf Insiderhandel. Kengeter bestreitet die Vorwürfe und sieht sich zu Unrecht beschuldigt.


Update: Das Landgericht Frankfurt hat das Verfahren gegen Carsten Kengeter eingestellt, wie die Deutsche Börse bekannt gab. Die Börse selbst zahlt Bußgelder in Höhe von 10,5 Millionen Euro.


Die Angelegenheit ist vertrackt und hat ihre Ursache in einem Vergütungspaket, das der Aufsichtsrat der Börse im Herbst 2015 a speziell für Kengeter zurechtgeschnürt hat. Sollte der damalige Börsenchef bis Ende Dezember 2015 Aktien seines Arbeitsgebers im Wert von 4,5 Millionen Euro aus eigenem Vermögen erwerben, wollte die Börse noch einmal Gratisaktien im Wert von 4,5 Millionen Euro draufpacken. Weil Kengeter und sein Aufsichtsratschef Joachim Faber just zu diesem Zeitpunkt über einen Zusammenschluss mit der London Stock Exchange sprach, nahmen die Frankfurter Staatsanwälte später Ermittlungen wegen des Verdachts auf Insiderhandel auf.

Bereits im Herbst 2017 versuchte Faber das Verfahren mit einem Deal zu beenden. 10,5 Millionen Euro sollten mit Zustimmung von Börsen-Aufsichtsrat- und -Vorstand in Einstellung und Rechtsfrieden investiert werden. 10 Millionen wollte das Unternehmen aufbringen, 500 000 sollten von Kengeter kommen. Der Handel scheiterte am Veto des Amtsgerichts Frankfurt. Unter anderem deswegen, weil dem Bundesamt für Finanzdienstleistungsaufsicht, das auch hinter den Ermittlungen der Staatsanwälte stand, auf einer Zahlung Kengeters pochte, die zumindest die Gewinne aus dem strittigen Deal abschöpfen sollte.

Nun unternimmt Aufsichtsratschef Faber offenbar einen neuen Anlauf. Die Börse will demnach weiterhin 10 Millionen Euro anbieten, Kengeter selbst soll 5 Millionen Euro bezahlen. Von Bafin, Unternehmen, Kengeter und Faber war keine Bestätigung zu erhalten, Anfragen blieben entweder unbeantwortet oder kamen mit dem Vermerk "kein Kommentar" zurück. Innerhalb der Bafin heißt es nach Informationen des manager magazin nur, es sei "Bewegung in die Angelegenheit gekommen."