Prozess gegen "Gesicht der Gier" beginnt "Sie hassen Martin Shkreli mit Grund, aber verurteilen Sie ihn nicht"

Martin Shkreli, Anwalt Ben Brafman

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Sogar sein Anwalt bescheinigt Martin Shkreli eine "dysfunktionale Persönlichkeit". Der Beginn des Prozesses gegen den Ex-Hedgefonds- und Pharmaboss, von dem das "Wall Street Journal" berichtet (kostenpflichtig), zeigt wieder einmal, wie stark der Titel "meistgehasster Mann Amerikas" an Shkreli haftet - so sehr, dass es schwer wird, ein faires Verfahren zu organisieren.

In seinem Eröffnungsplädoyer vor dem US-Bundesgericht im New Yorker Bezirk Brooklyn nahm Verteidiger Ben Brafman die Kritik an seinem Mandanten gleich vorweg. "Vielleicht mögen Sie Martin Shkreli nicht, und vielleicht haben Sie Gründe Martin Shkreli zu hassen, aber das reicht nicht, um ihn zu verurteilen." Brafman appellierte an die Geschworenen, ausschließlich die Tatvorwürfe zu prüfen. Und an denen sei nichts dran.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem heute 34-Jährigen vor, die Anleger seiner kollabierten Hedgefonds ebenso betrogen zu haben wie die Pharmafirma Retrophin, die er ausgenommen habe, um die Verluste der Fonds zu überdecken und die geprellten Investoren doch noch auszuzahlen.

Brafman zufolge hingegen waren die angeblich Geschädigten Spekulanten oder im Fall des Retrophin-Boards sogar "eine Gangsterbande", denen so ein Geldjongleur wie Shkreli gerade recht kam. "Er wollte niemanden betrügen, und niemand wurde betrogen."

Kaum unbefangene Geschworene zu finden

Der bekannteste Vorwurf gegen Shkreli ist nicht justitiabel. Unter seiner Führung hatte die Firma Turing die Rechte an dem Toxoplasmose-Mittel Daraprim gekauft, das unter anderem viele Aids-Patienten brauchen - und anschließend den Preis für eine Dosis von 13,50 Dollar auf 750 Dollar erhöht.

Bei einer Parlamentsanhörung zu dem Thema im vergangenen Jahr schwieg er, irritierte die Abgeordneten mit aufgesetztem Grinsen - und beschimpfte sie anschließend öffentlich, ebenso wie viele andere seiner zahlreichen Kritiker. Selbst für eine Wohltätigkeitsaktion nutzte Shkreli seinen schlechten Ruf: Er bot das Recht, ihm ins Gesicht zu schlagen, gegen Spende.

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Der Shkreli-Hass ist so verbreitet, dass Richterin Kiyo Matsumoto Probleme hatte, genug unbefangene Geschworene zu finden . Dutzende Kandidaten wurden bei der Anhörung zu Wochenbeginn abgelehnt, weil sie gegen Shkreli voreingenommen seien.

"Das ist eine Schlange", sagte eine Bürgerin über den Angeklagten. "Der Angeklagte ist das Gesicht der Gier in Amerika", sagte ein anderer. Einige gaben auch an, die eigenen Eltern oder Kinder seien auf Daraprim angewiesen. "Das ist der Gauner", erkannten sie den Mann, der die Medizin verteuerte.

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