Das "uneinklagbare Versprechen" des Facebook-Gründers Warum Zuckerbergs Milliardenspende eigentlich gar keine ist

Kitsch und Geschmacklosigkeit: Facebook-Chef nutzte die Geburt seiner Tochter für PR-Zwecke

Kitsch und Geschmacklosigkeit: Facebook-Chef nutzte die Geburt seiner Tochter für PR-Zwecke

Foto: JUSTIN SULLIVAN/ AFP

Wenn Prominente Nachwuchs bekommen, ist das immer eine knifflige Sache: Alle Welt interessiert sich für das Baby - aber sobald es gezeigt wird, steht schnell der Vorwurf im Raum, die Eltern würden das unschuldige Kleine für PR-Zwecke einspannen.

Weil dabei die Grenze schwer zu ziehen ist, lässt sich die Frage, ob der Vorwurf zutrifft oder nicht, ist in vielen Fällen schwer beantworten. Im aktuellen Fall allerdings ist es klar: Selten ist die Geburt eines prominenten Kindes von dessen Eltern so offensichtlich für PR-Zwecke genutzt worden, wie bei der kleinen Max, die als Tochter von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und dessen Gattin Priscilla Chan vor wenigen Tagen das Licht der Welt erblickte.

Bild vom Familienglück: Zuckerberg, Chan und Tochter Max

Bild vom Familienglück: Zuckerberg, Chan und Tochter Max

Foto: Courtesy Of Mark Zuckerberg/ dpa

Fast möchte man das Kind darum beneiden, dass es von der Inszenierung noch nichts mitbekommen konnte: Die eigentlich geschäftliche Mitteilung an die Öffentlichkeit, den weitaus größten Teil seines Facebook-Vermögens in den kommenden Jahren für gemeinnützige Zwecke einsetzen zu wollen, verpackte das Ehepaar Zuckerberg/Chan in einen ellenlangen Brief an die Tochter, versehen mit einem perfekten Bild vom jungen Familienglück und veröffentlicht - wo sonst - auf Facebook.

Vielen Amerikanern mag daran nichts merkwürdig erscheinen. Der nüchterne Deutsche stellt jedoch fest: In Sachen Kitsch und Geschmacklosigkeit ist der Eskalationspfad offenbar unbegrenzt.

Hat Zuckerberg die Öffentlichkeit in den Schlaf gesungen?

Das eigentlich fatale ist jedoch: Der Coup ist soweit erkennbar zum größten Teil gelungen. Kaum ein Medium, das nicht mit der Meldung aufgemacht hätte: "Mark Zuckerberg spendet 45 Milliarden Dollar". Die Öffentlichkeit nahm die gewünschte Botschaft auf, als hätte Zuckerberg persönlich sie vorher in den Schlaf gesungen.

Um es klar zu sagen: Selbstverständlich ist es zu begrüßen, wenn ein Mann, der über 45 Milliarden Dollar verfügt, ankündigt, den größten Teil davon der Allgemeinheit zu Gute kommen zu lassen. Deshalb gibt es an Zuckerbergs Entschluss grundsätzlich nichts auszusetzen.

Wer sich die Sache jedoch genauer anschaut, erkennt: Erstens ist die Information von Zuckerbergs Großspende gar nicht wirklich neu. Und zweitens, was viel wichtiger ist: Sie stimmt in Bezug auf die nun veröffentlichten Informationen genau genommen auch gar nicht.

Bereits im Jahr 2010 hat sich der Facebook-Chef der Initiative "The Giving Pledge" von Microsoft-Gründer Bill Gates und Investment-Legende Warren Buffett angeschlossen. Die Bewegung vereint Milliardäre aus aller Welt, die sich dazu bekennen, den Großteil ihres Vermögens für wohltätige Zwecke einsetzen zu wollen.

Der Trick mit der Rechtsform und dem "uneinklagbaren Versprechen"

"Manche Leute warten bis zum Ende ihrer Karriere, um etwas zurückzugeben", sagte Zuckerberg seinerzeit. "Aber warum warten, wenn es so viel zu tun gibt?" - Ein Satz, der sich auch jetzt im PR-Brief an seine Tochter gut gemacht hätte.

Zum zweiten: Dass Zuckerberg seine 45 Milliarden nicht gebündelt am Sonntag in den Klingelbeutel stecken kann, versteht sich von selbst. Bei einer solchen Summe muss zunächst eine Organisation gefunden oder geschaffen werden, über die das Geld sukzessive in die richtigen Kanäle gelenkt werden kann.

Aber wie viel Geld tatsächlich? Und wann? Und vor allem: In welche Kanäle? All das haben Zuckerberg und Gattin Chan zunächst nur grob umrissen. Und die Details, die über die eigens gegründete Chan Zuckerberg Initiative bislang bekannt geworden sind, lassen darauf schließen: Die beiden stellen sich ihre "Spenderrolle" auch künftig deutlich anders vor, als andere Großspender.

Die entscheidende Information dazu: Zuckerberg hat für seine Initiative anders als die meisten anderen Spender die Unternehmensrechtsform der LLC gewählt, der Limited Liability Company also. Bereits kurz nach der Bekanntgabe der Spende war Kritik aufgekommen, der Milliardär wolle sich vor allem Steuervorteile sichern. Zuckerberg hat daher inzwischen klargestellt, er werde im Rahmen der Stiftung sehr wohl Steuern auf Kapitalerträge zahlen.

Tatsächlich ist der steuerliche Aspekt womöglich so ziemlich der einzige Nachteil, den eine LLC gegenüber der sonst üblichen Gestalt einer Non-Profit-Stiftung hat. Ansonsten haben Zuckerberg und Chan, die über die Verwendung der Gelder künftig gemeinsam entscheiden wollen, deutlich mehr Freiheiten.

Wie etwa die Nachrichtenagentur Bloomberg  erläutert,

  • dürfen sie beispielsweise anders als andere Stiftungen mit Investments auch Gewinne erzielen. Zuckerberg und seine Frau haben allerdings angekündigt, eventuelle Gewinne wiederum für gute Zwecke verwenden zu wollen.
  • dürfen sie anders als andere Stiftungen Joint Ventures auch mit kommerziellen Gesellschaften eingehen.
  • haben sie anders als andere Stiftungen nicht den Zwang, jedes Jahr einen Mindestbetrag auszugeben. Sie können das Timing ihrer Engagements also komplett selbst bestimmen.
  • dürfen sie anders als andere Stiftungen aktive politische Lobbyarbeit betreiben. Auch im Brief an seine Tochter hat Zuckerberg erklärt, wie wichtig es ihm ist, auch auf politische Entscheidungen Einfluss zu nehmen. Dies dürfte also ein entscheidender Punkt sein: Zuckerberg spendet nicht einfach zum Wohle der Allgemeinheit. Er will offenbar stärker noch als andere Wohltäter mitentscheiden, was das Wohl der Allgemeinheit eigentlich ist. Wohl gemerkt: Als milliardenschwerer Unternehmer, nicht als gewählter Volksvertreter.

Wie zudem CNBC  berichtet, gibt es im Rahmen der LLC weder eine Festlegung auf den Zweck der Stiftung noch auf die Höhe der Gelder, die tatsächlich vergeben werden. "Das nennt man ein uneinklagbares Versprechen", sagt dazu ein Fachanwalt dem Sender. "Wer könnte es einklagen? Sie können später entscheiden, tatsächlich 45 Milliarden zu spenden oder lediglich fünf Milliarden. Es bleibt ihnen überlassen."

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Zuckerberg will Vermögen hergeben: Das sind die größten Spender weltweit

Foto: REUTERS

Hilfreich dürfte in dem Zusammenhang sein, dass die LLC auch - ebenfalls anders als andere Stiftungen - keinerlei Veröffentlichungspflichten mit sich bringt. Manch ein Beobachter erwartet zwar, dass Mark Zuckerberg freiwillige Berichte über die Tätigkeit seiner Initiative publizieren wird - er muss es aber nicht.

Zuckerberg habe keineswegs bereits 99 Prozent seines Vermögens für wohltätige Zwecke gespendet, lautet daher auch das Fazit von CNBC. Er habe lediglich versprochen, ein privatwirtschaftliches Unternehmen ohne große Regulierungen und ohne Transparenzpflicht zu gründen.

Ein Versprechen, so möchte man hinzufügen, dass bei einem Volumen von 45 Milliarden Dollar zwar gewaltig klingt. Allerdings wird die Familie Zuckerberg/Chan auch nach der Transaktion nach heutigem Stand noch über ein Vermögen von 450 Millionen Dollar verfügen.

Und mal ehrlich: Werden Mark Zuckerberg, Priscilla Chan oder deren Tochter Max jemals in ihrem Leben einen Punkt erreichen, an dem sie im Alltag feststellen müssen, dass sie nicht mehr 45 Milliarden, sondern "nur noch" 450 Millionen Dollar besitzen?