Tengelmann-Familie gibt Hoffnung auf Karl-Erivan Haub - Unternehmer, Familienmensch, Abenteurer

Karl-Erivan Haub gilt als Onlinepionier im Einzelhandel. Er scheute weder als Unternehmer noch als Privatmann das Risiko

Karl-Erivan Haub gilt als Onlinepionier im Einzelhandel. Er scheute weder als Unternehmer noch als Privatmann das Risiko

Foto: Ina Fassbender/ Reuters

Die Warnung war klar - und Karl-Erivan Haub hat sie ganz offensichtlich durchaus ernst genommen. "Eine gute Vorbereitung und umsichtiges Verhalten" seien angesichts der aktuellen Schneesituation unbedingt angebracht, warnten die Veranstalter der " Patrouille de Glaciers", einem vom Schweizer Militär organisierten Rennen im Skibergsteigen, an dem Haub in der kommenden Woche teilnehmen wollte.

Zusammen mit zwei Mitstreitern wollte der 58-Jährige dort die längste Wettbewerbsdistanz - rund 100 Kilometer verteilt über 4000 Höhenmeter - von Zermatt ins Schweizerische Verbier bewältigen. Von einer Trainigseinheit dafür kehrte er nicht mehr zurück. Am Freitag gab Haubs Familie die Hoffnung auf, den seit mehr als sieben Tagen im Gletschergebiet am Matterhorn vermissten Tengelmann-Chef noch lebend zu finden.

Sich durchzubeißen hat der nahbare Marathonläufer, der durch den erbitterten Streit mit Rewe anlässlich des Verkaufs der Kaiser-Tengelmann-Märkte einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde, früh gelernt. 1960 als ältester von drei Brüdern in die deutsche Handelsdynastie Tengelmann geboren, lernte Karl-Erivan schon als Kind, was es heißt die Verantwortung für ein Familienunternehmen zu tragen. "Hartes Arbeiten und nichts verprassen", darauf hätten seine Eltern ihn und seine Brüder geeicht, erzählte er einmal. "Mein Vater hat immer gesagt: "Haben kommt vom Halten."

Entsprechend muss sich der Filius erst einmal beweisen, bevor er im Familienunternehmen mitmischen darf. Haub tut dies nach einer Kaufmannslehre und einem Studium in St.Gallen beim Lebensmittelkonzern Nestlé und der Unternehmensberatung McKinsey.

Doch die Verbindung zum Familienunternehmen bleibt. So hilft Haub nach der Wende die Aktivitäten Tengelmanns im Osten aufzubauen. "Ich bin 1990 gleich rübergegangen und habe in einem Wohnwagen gelebt", erzählte er einmal.

Mit dem offiziellen Einstieg ins Familienbusiness 1992 und der Übernahme der Geschäfte im Jahr 2000 werden die Herausforderungen nicht kleiner. Haub - als Vertreter der mittlerweile fünften Generation des Handelsriesen - rationalisiert und räumt nach seinem Antritt in dem unübersichtlich gewordenen Konzern mit defizitären Sparten erst einmal auf.

Wille zum kalkulierten Risiko

Die unrentable Drogeriekette kd verkauft er an Rossman. 2003 schlägt er die verlustbringende Schokoladensparte Wissol los. Aus dem Lebensmitteldiscount mit Marken wie Plus zieht er sich zurück. Und verkauft nach langem politischen Hin und Her schließlich 2016 die verbliebeben Kaisers-Tengelmann-Filialen an den Konkurrenten Edeka, der ihm den Erhalt von Arbeitsplätzen garantiert.

Die Unternehmerfamilie habe aus "rein emotionalen Grünen viel zu lange die anfallenden Verluste getragen", bekannte Karl-Erivan Haub später. Stattdessen setzt er auf Non-Food Billigläden wie Kik oder Tedi, die Baumarktkette Obi.

Früh erkennt er auch das Potenzial des Onlinehandels. Und wagt sich als einer der ersten großen deutschen Einzelhändler auch tatsächlich auf das unbekannte Terrain vor.

"Keine Zeit für Bedenkenträger"

Schon früh steigt er beim Onlinemodehändler Zalando ein - und sein Durchhaltevermögen macht sich bezahlt. Bis heute gehört der Handelskonzern zu einem der aktivsten Einzelhandels-Investoren im Onlinehandel - mit Beteiligungen an Zalando, Uber, Delivery Hero, Babymarkt.de und dem Online-Krankenvollversicherer Ottonova. Millionen-Investments, deren Wert sich laut Haub zuletzt auf eine Milliarde Dollar fast verdreifachte - und im vergangenen Jahr fast ein Viertel des geschätzen Familienvermögens von 4,2 Milliarden Euro ausmachte.

Gebracht hätten ihn darauf seine Kinder erzählt der Vater von Zwillingen. Als ihm sein Sohn 2006 einen Wunschzettel mit zugehörigen Internetadressen geschrieben habe, wo das Gewünschte zu bekommen sei, habe ihn dies sehr zum Nachdenken - und dann zu ersten Investments in dem neuen Geschäftsgebiet veranlasst. Allerdings habe ihn das die ersten Jahre auch eine Menge Nerven gekostet, räumte er ein.

Die aktuelle alles umfassende Digitaliserung, verglich der überzeugte Familienunternehmer mit einem Tsunami, der alles Alte auslösche. Dies sei eine "Zeit für Abenteurer, nicht Bedenkenträger" betonte Haub, der das eigene Unternehmen aber nie als "Versorgungswerk" für die nächste Generation sah.

Seine Bereitschaft zum Risiko hat Haub bewiesen, dem es immer wichtig war, Tengelmann auch für die folgenden Generationen zu erhalten. Der Geschäftsbetrieb werde auch bei einer längeren Abwesenheit Haubs ruhig und geordnet weiterlaufen", ließ die Familie am Mittwoch verlauten.

Haubs Abenteuerlust wird dennoch fehlen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.