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Schriller als Richard Branson: Der bunteste Unternehmer der Welt

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Industrie 4.0 "Hippie-Kultur als Vorbild"

Von Arne Gottschalck

Das Modewort Digitalisierung schillert - doch was verbirgt sich hinter dem Glanz? Stefan Sigrist leitet das Schweizer Institut W.I.R.E.. Und mahnt, man dürfe vor allem eines nicht vergessen.

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mm.de: Alle sprechen von Digitalisierung, von Industrie 4.0 - doch was bedeutet das eigentlich für den Tischlerbetrieb auf der einen und das Bankhaus auf der andern Seite?

Sigrist: Die Digitalisierung umfasst verschiedene Dimensionen, die für Pharmaunternehmen bis zu Journalisten, für Banken bis zu Handwerkern von Bedeutung sind: Zum einen eröffnen Algorithmen die Automatisierung von Prozessen in Büros und Produktionsanlagen. Die Analyse großer Datenmengen ermöglicht es, maßgeschneiderte Empfehlungen und Dienstleistungen abzuleiten. Digitale Produktionsmethoden legen die Basis für individualisierte Produkte. Gleichzeitig ergeben sich durch den Einsatz von virtual-reality-Anwendungen neue Möglichkeiten zur Interaktion mit Kunden oder Patienten oder für die Unterhaltungsindustrie. Mit den wachsenden Gestaltungsmöglichkeiten erhöht sich aber auch der Komplexitätsgrad. Maschinen und vor allem Menschen sind zunehmend überfordert, mit den wachsenden Datenmengen umzugehen. Daraus eröffnen sich gleichzeitig neue Schwerpunkte für Innovation, die nicht primär durch das technisch Machbare, sondern durch das für Kunden und Gesellschaft wünschbare definiert.

mm.de: Wie ist da der "Alphabetisierungsgrad" in Deutschland?

Sigrist: Diese Frage lässt sich nur schwer beantworten, da die Eigenschaften, die ein Standort braucht, um Digitalisierung nachhaltig zu nutzen, nur bedingt erfasst werden. Was die Ausgangslage anbelangt, ist Deutschland in einer guten Position: Das Land verfügt über eine hoch stehende Infrastruktur und einen hohen Bildungsgrad mit expliziten Kompetenzen in Ingenieurs- und Softwaredisziplinen. Allerdings sind die traditionellen Stärken nicht automatisch die notwendigen Fähigkeiten für künftigen Erfolg. Digitalisierung ist nicht allein eine Frage der technologischen Kompetenz, sondern der Kultur. Sie erfordert in vielen Bereichen ein neues Denken, die Anpassung von Geschäftsmodellen und nicht zuletzt andere Eigenschaften für uns Menschen. Für Deutschland und Europa wird die internationale Positionierung gegenüber dem globalen Innovationshub im Silicon Valley und der wachsenden Bedeutung Chinas - auch im Bereich Innovation - wichtiger. Ein Nachahmen der Start-Up Kultur aus Kalifornien dürfte nicht ausreichend sein, um auch in Zukunft vorne mit zu spielen.

Der berühmte Menschenverstand

mm.de: Gibt es ein Land, wo das besonders gut funktioniert?

Sigrist: Natürlich stehen die USA an vorderster Front, was digitale Innovation anbelangt. Das Silicon Valley hat in den letzten Jahren stark zu dieser Position beigetragen. Der Erfolg ist auf sehr spezifische Rahmenbedingungen zurück zu führen: Zum einen eine jahrelange Tradition massiver finanzieller Förderung durch das US Militär, zum anderen die Hippie-Kultur mit viel Freiräumen. In Indizes von Unternehmensberatungen werden Standorte gemäß dem heutigen Anteil der verarbeitenden Industrie zum einen und einem Index eines "Bereitschaftsgrads" gemessen - aus unserer Sicht nur bedingt aussagekräftig. Erfolgreich werden Länder oder Standorte sein, in denen Unternehmen ihren Mitarbeitern Freiräume bieten und Ziele nicht entlang der technischen Machbarkeit, sondern auf künftige Nutzerbedürfnisse ausrichten.

mm.de: Welche Frage müssen sich Entscheider in Unternehmen daher zuerst stellen? Und welche nicht?

Sigrist: Es geht zum jetzigen Zeitpunkt darum, zu verstehen, was Digitalisierung leisten kann und wo Grenzen liegen. Wir leben in Zeiten extremer Hypes, die versprechen, so gut wie jede Branche innerhalb kürzester Zeit disruptiv zu transformieren. Das wird aber nicht flächendeckend passieren. Es werden vielmehr einzelne Bereiche von Wertschöpfungsketten und spezifischen Tätigkeiten sein, die durchaus sehr schnell verändert werden - primär, wo repetitive Tätigkeiten, die spezifischen Gesetzmäßigkeiten folgen, eine Rolle spielen: Das kann Buchhaltung betreffen, genauso wie den Einzelhandel. Umgekehrt dürften Beratungsprozesse mit höherer Komplexität, beispielsweise in der Medizin oder bei Privatbanken, auch in Zukunft durch Menschen dominiert sein. Heute geht es darum, differenziert zu verstehen, wo digitale Technologien genutzt werden müssen und wo explizit nicht. Dafür braucht es Offenheit, aber auch viel kritisches Denken. Nicht alles, was angekündigt wird, setzt sich auch durch - am Ende ist das aber von Branche zu Branche unterschiedlich. Nicht zur Debatte steht, dass auch in Zukunft der gesunde Menschenverstand entscheidend ist.