Mittwoch, 18. September 2019

Industrie 4.0 "Hippie-Kultur als Vorbild"

Schriller als Richard Branson: Der bunteste Unternehmer der Welt
AP/ Ambergris Today Online

2. Teil: Der berühmte Menschenverstand

mm.de: Gibt es ein Land, wo das besonders gut funktioniert?

Sigrist: Natürlich stehen die USA an vorderster Front, was digitale Innovation anbelangt. Das Silicon Valley hat in den letzten Jahren stark zu dieser Position beigetragen. Der Erfolg ist auf sehr spezifische Rahmenbedingungen zurück zu führen: Zum einen eine jahrelange Tradition massiver finanzieller Förderung durch das US Militär, zum anderen die Hippie-Kultur mit viel Freiräumen. In Indizes von Unternehmensberatungen werden Standorte gemäß dem heutigen Anteil der verarbeitenden Industrie zum einen und einem Index eines "Bereitschaftsgrads" gemessen - aus unserer Sicht nur bedingt aussagekräftig. Erfolgreich werden Länder oder Standorte sein, in denen Unternehmen ihren Mitarbeitern Freiräume bieten und Ziele nicht entlang der technischen Machbarkeit, sondern auf künftige Nutzerbedürfnisse ausrichten.

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mm.de: Welche Frage müssen sich Entscheider in Unternehmen daher zuerst stellen? Und welche nicht?

Sigrist: Es geht zum jetzigen Zeitpunkt darum, zu verstehen, was Digitalisierung leisten kann und wo Grenzen liegen. Wir leben in Zeiten extremer Hypes, die versprechen, so gut wie jede Branche innerhalb kürzester Zeit disruptiv zu transformieren. Das wird aber nicht flächendeckend passieren. Es werden vielmehr einzelne Bereiche von Wertschöpfungsketten und spezifischen Tätigkeiten sein, die durchaus sehr schnell verändert werden - primär, wo repetitive Tätigkeiten, die spezifischen Gesetzmäßigkeiten folgen, eine Rolle spielen: Das kann Buchhaltung betreffen, genauso wie den Einzelhandel. Umgekehrt dürften Beratungsprozesse mit höherer Komplexität, beispielsweise in der Medizin oder bei Privatbanken, auch in Zukunft durch Menschen dominiert sein. Heute geht es darum, differenziert zu verstehen, wo digitale Technologien genutzt werden müssen und wo explizit nicht. Dafür braucht es Offenheit, aber auch viel kritisches Denken. Nicht alles, was angekündigt wird, setzt sich auch durch - am Ende ist das aber von Branche zu Branche unterschiedlich. Nicht zur Debatte steht, dass auch in Zukunft der gesunde Menschenverstand entscheidend ist.


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