1,1 Billionen gegen Nestlé, Kraft & Co. Kein Fleisch - milliardenschwere Investoren greifen an

Von Arne Gottschalck
Es gibt viele Gründe, kein Fleisch zu essen. Das sehen auch Investoren mittlerweile so

Es gibt viele Gründe, kein Fleisch zu essen. Das sehen auch Investoren mittlerweile so

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Weniger Fleisch, mehr Gemüse - das liest sich wie moderne Ernährungshinweise. Doch es ist auch das Petitum einer Gruppe von Großinvestoren, die sich mit der globalen Nahrungsmittelindustrie anlegt.

40 Finanzhäuser, die zusammen 1,1 Billionen Euro bündeln, positionieren sich gegen 16 multinationale Nahrungsmittelkonzerne wie Kraft Heinz , Nestlé , Tesco und Wal-Mart . Ihr Ziel? Die "Großen" sollen weniger Fleisch produzieren, stattdessen pflanzliches Protein. Am Montag landete ein entsprechend formulierter Brief in den Konzernzentralen, die Phase der Gespräche ist damit eingeläutet.

Wie die Nahrungsmittelindustrie auf diese Aufforderung reagiert, ist nicht verbürgt. Allerdings dürfte die schiere Finanzmacht der Interessengruppe schon Eindruck machen.

Mit dabei sind übrigens unter anderem verschiedene schwedische Pensionsfonds, Aviva Investors, Nordea und Robeco, berichtet "fundseurope".  Warum die konzertierte Aktion mit Namen "proteine shake up"? Weil die Produktion pflanzliches Eiweißes weniger schädlich für die Umwelt ist als die von tierischem Eiweiß, heißt es zur Begründung.

Eine Angelegenheit für Investoren? Ja, denn über ihre Beteiligungen haben sie ein Mitspracherecht bei den Unternehmen. Deswegen sind es auch nur börsennotierte Firmen, die einen Brief erhalten haben.

Und nur jene, die eine erheblichen Marktanteil haben, auf deren Wort gehört wird, wie es auf Nachfrage heißt. Deutsche Unternehmen wie Tönnies Lebensmittel fanden entsprechend keine Aufnahme in die Liste.

Warum Investoren durch die Fleischindustrie ihr Investment gefährdet sehen

Außerdem berücksichtigen immer mehr Investoren bei ihren Anlageentscheidungen Faktoren abseits der üblichen Kennzahlen. Sie achten beispielsweise darauf, dass Unternehmen auch unter Gesichtspunkten des Umweltschutzes oder der sozialen Fairness gut dastehen, eben in Sachen Nachhaltigkeit.

Die Umweltbilanz der Fleischproduktion wird seit geraumer Zeit kritisiert. 70 Prozent des Fleischbedarfs weltweit werde in Fabrik-Farmen hergestellt, so eine Studie der beteiligten Finanzhäuser.  . Das sorge für 14,5 Prozent der weltweiten Treibhausgasemission, mehr als der weltweite Gütertransport.

Auch die Nachfrage beginne sich zu drehen, immer mehr Kunden verzichteten öfter auf Fleisch - und stellten ihre Einkaufszettel entsprechend um. Unternehmen sollten dieser Entwicklung Rechnung tragen: Die großen Hersteller, aber auch die großen Ketten wie Tesco und Walmart mit ihrem Zugang zum Kunden.

Und es gibt ein weiteres Argument für Kraft & Co. für ein Umdenken. Denn je mehr Fabrikfarmen genutzt werden, umso größer die Wahrscheinlichkeit des Ausbruches von Nutzviehseuchen, von Produktionsausfällen und von Kursverlusten. Und das wäre für Investoren verhängnisvoll. Robecos Peter van der Werf fast es auf Nachfrage so: "Die Nahrungsmittelhersteller gehen das Risiko ein, Marktanteile zu verlieren, wenn sie die Entwicklung der Konsumenten hin zu einer gesünderen Ernährung nicht erkennen."

Jeremy Coller: Das Gesicht der Idee, als Investor mehr pflanzliche Proteine von den Lebensmittelkonzernen einzufordern. Und weniger Fleischfabriken.

Jeremy Coller: Das Gesicht der Idee, als Investor mehr pflanzliche Proteine von den Lebensmittelkonzernen einzufordern. Und weniger Fleischfabriken.

An der Spitze der finanzstarken Kritiker steht Jeremy Coller - auch wenn man innerhalb der Gruppe anscheinend Wert darauf legt, keine offizielle Spitze zu haben. Man könnte also vielleicht von einem Gesicht der Bewegung sprechen. Coller ist Vorstand von Coller Capital und Gründer der Fairr Initiative, die gemeinsam mit ShareAction diese Koalition geschmiedet hat.

"Die Welt verlässt sich zu sehr auf Farmtierhaltung, um den wachsenden Hunger der Welt nach Proteinen zu stillen. Das ist ein Rezept für eine Finanz-, eine Sozial- und eine Umweltkrise." Deswegen der "Angriff der Veggie-Investoren".

Und die Unternehmen? Sollten nach den Vorstellungen der Investoren eine entsprechende Strategie entwickeln. Die sollte wiederum den Investoren zugänglich gemacht werden, damit sie den Prozess verfolgen können. Der Brief? Dürfte also nur der Anfang gewesen sein.