Telekom-Milliardär Patrick Drahi Der Mann, vor dem Telekom-Chef Tim Hoettges zittert

Alptraum der europäischen Telekomriesen: Altice-Chairman Patrick Drahi mischt mit seiner Kauforgie die Branche auf

Alptraum der europäischen Telekomriesen: Altice-Chairman Patrick Drahi mischt mit seiner Kauforgie die Branche auf

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Er kam aus dem Nichts und flößt mit seiner Kauforgie mittlerweile sogar der sonst so selbstbewussten französischen Politik Respekt ein. "Um eins klar zu stellen: Diese Kommission ist nicht zu verkaufen", läutete denn auch der Vorsitzende der Wirtschaftskommission der französischen Nationalversammlung kürzlich scherzhaft eine Anhörung Patrick Drahis ein. Eines Selfmade-Milliardärs, der dank milliardenschwerer Zukäufe innerhalb weniger Jahre zu einem der wichtigsten Telekom-Player auf dem europäischen Markt geworden ist.

Wenige Wochen nach der Anhörung in Paris steht schon das nächste Objekt der Begierde des 51-Jährigen fest: Bouygues Telecom, die Nummer drei auf dem französischen Telekommunikationsmarkt. Rund zehn Milliarden Euro will Drahi für die Telekomtochter des Mischkonzernes zahlen. Ein Zukauf, der ihn mit einem Schlag zum größten Telekomanbieter in Frankreich machen und auf Platz drei in Europa katapultieren würde.

Noch wehrt sich Bouygues . Die Offerte sei "unerwünscht", heißt es bei dem Traditionskonzern. Doch auch wenn der französische Traditionskonzern noch Widerstand leistet: Dass Drahi, wenn er sich einmal festgebissen hat, so schnell nicht mehr von seinen Übernahmezielen ablässt, hat der französisch-israelische Milliardär in der Vergangenheit bewiesen. Eine Erfahrung, die auch Bouygues schmerzhaft in Erfahrung geblieben sein dürfte.

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Es ist nicht die erste Schlacht, die sich Drahi mit dem Familienkonzern liefert. Bei der letzten - der 17-Milliarden schweren Bieterschlacht um den zweitgrößten Mobilfunkanbieter Frankreichs SFR - zog Bouygues den kürzeren. Und das, obwohl die Dynastie, die in Frankreich in einem Atemzug mit Unternehmer-Dynastien wie Arnault, Pinault oder Decaux genannt wird, selbst die Politik aufbot, um im Machtpoker nicht den Kürzeren zu ziehen.

Von Null auf 27 Milliarden Euro

Als der damalige Wirtschaftminister Arnaud Montebourg den in Genf lebenden Drahi damals wegen seiner Steuertricks mit Niederlassungen in den Steuerparadiesen Guernsey, Luxemburg und der Börsennotierung in den Niederlanden anging und ihn auffordert, sein Vermögen nach Frankreich zu transferieren, antwortete der nur trocken: Drei Milliarden in Frankreich zu investieren, sei ja wohl Rückführung genug - und bekam den Zuschlag.

Drahi ist anders und agiert anders als weite Teile der französischen Wirtschaftselite, deren Gefilde er seit einigen Jahren aufmischt. Dabei kennt der eloquente Sohn jüdischer Mathelehrer, der erst als Teenager von Marokko nach Frankreich kam, die Denkweise der Akteure genau und fällt auch optisch mit seinen feinen Gesichtszügen, den dunklen Locken und perfekt sitzenden Anzügen im Heer der Wirtschaftführer der Grande Nation nicht auf.

In gewisser Weise ist er einer von ihnen. Hat die Eliteschmieden des Landes besucht: die école polytechnique, und dann an der École nationale supérieure des Télécommunications in Paris sein Diplom gemacht.

Need for speed

Nach dem Studium heuert er 1988 bei Philips  an. Doch er merkt schnell, dass er kein kleines Rädchen in einem anonymen Großbetrieb sein will. Er habe schnell realisiert, dass er in einer großen Gruppe nicht richtig sei, sagt er später. "Das geht mir alles zu langsam. "

Nach Stationen bei Kinnevik gründet er Anfang der 90er - mit gerade mal 28 Jahren -sein eigenes Unternehmen, verkauft selbst Kabelanschlüsse an der Haustür bevor er das Unternehmen an sein Idol, Liberty-Media-Chef Jon Malone verkauft und dort mit anheuert. Dort lernt er das Geschäft, wie es Malone & Co betreiben. Das ganz große Rad zu drehen, und Zukäufe auf Pump zu finanzieren.

Milliardenzukäufe im 5-Monatstakt

2002 geht er wieder mit einem eigenen Unternehmen an den Start, der Altice Gruppe. Innerhalb weniger Jahre kauft er sich ein Imperium zusammen - aus mehr als 20 Kabelnetzbetreibern und Mobilfunkunternehmen in Europa, den USA, Israel, der Dominikanischen Republik und den USA. Und auch ins Mediengeschäft wagte er sich. Ist bei der der linken Zeitung " Liberation " und dem Magazin " L'express " investiert und besitzt mehrere Fernsehsender.

Angesichts des billigen Geldes jagte zuletzt ein Milliardendeal den nächsten: So kaufte er im Juni vergangenen Jahres für 325 Millionen Euro den französischen Billiganbieter Virgin Telecom, im Dezember Portugal Telecom für 7.4 Milliarden Euro und im Mai 2015 für umgerechnet 8 Milliarden 70 Prozent der Nummer Sieben auf dem amerikanischen Kabelmarkt, Suddenlink.

Doch solche Shoppingtouren kosten. Zwar hat der vierfache Familienvater den Ruf, ein ausgezeichneter Costcutter zu sein. Er selbst hat keine Sekretärin und fliegt - so zumindest die Legende - Easyjet.

Zum Milliardendeal per Easyjet

Doch die Zukäufe haben ihren Preis. Zwar taxiert das US-Magazin "Forbes" Drahis Vermögen auf 27 Milliarden Dollar, ein Summe, die Rang 57 im weltweiten Milliardärsranking bedeuten würde. Doch - schon heute, steht die Gruppe, an der Drahi nach eigenen Angaben noch immer 63 Prozent hält, mit rund 33 Milliarden Euro in der Kreide - die zehn Milliarden für Bouygues noch nicht mit eingerechnet.

Doch diese Last nimmt Drahi für seinen Traum vom weltumspannenden Telekomgiganten gern in Kauf. Dass seine Schulden von 30 Milliarden auf 70 Milliarden gestiegen wären, hätten ihm gar nicht solche Sorgen gemacht, erläuterte er kürzlich rückblickend seinen Verzicht auf ein Gebot für Time Warner Cable. Es sei mehr die Verantwortung für 85.000 zusätzliche Beschäftigten gewesen, die ihn habe zurückschrecken lassen.

Auch Banken wie BNP Paribas und JPMorgan Chase, die Drahi laut Bloomberg das Geld für sein Bouygues Unterfangen geben sollen, scheinen sich daran, dass Moodys Altice als hochspekulatives Investment (B1) einstuft, nicht zu stören.

Steuertricks und Finten

In der Vergangenheit jedenfalls war Drahi seinen Gegnern weit voraus. So gehen Analysten davon aus, dass Drahi, allein durch geschickt lancierte Gerüchte, er könne an Time Warner Cable interessiert sein, den Preis für den letztendlichen Käufer John Malone, in die Höhe trieb.

Auch der Gegenwind des französischen Wirtschaftsministers Emmanuel Macron, der den Zeitpunkt für eine weitere Konsolidierung im Telekomsektor "nicht für gekommen" hält, dürfte für ihn wenig überraschend kommen.

Drahi hat sich längst Verbündete gesucht. Mit seinem Konkurrenten Illad und dessen Chef Xavier Niel, der selbst in der Vergangenheit für T-Mobile USA bot, laufen bereits Verhandlungen über den Verkauf derjenigen Unternehmensanteile, die sich als Hindernis bei den Kartellbehörden erweisen dürften. Und auch Wettbewerber Orange hat schon signalisiert, dass er einen weiteren Konsolidierung gegenüber offen ist.

Zweifellos: Drahi ist vorbereitet.