Dienstag, 19. November 2019

Ökonom Clemens Fuest über Griechenland Der Mann, der Deutschlands Sicht auf den Grexit dominiert

Der neue Ökonomen-Star: Bisher führt Clemens Fuest das Mannheimer ZEW, das zwar ein großes Forschungsbudget hat, aber wenig öffentlichen Einfluss

Er läuft sich warm für seine Rolle als Nachfolger von Hans-Werner Sinn. Der Wechsel an der Spitze des Münchener Ifo-Instituts steht zwar erst im kommenden Frühjahr an, doch bereits jetzt geriert sich Clemens Fuest als der neue einflussreichste Ökonom Deutschlands.

Die Zuspitzung der Griechenland-Krise liefert ihm eine Paraderolle. Fuest zieht durch die Talkshows und spricht mit der Aura des wirtschaftlichen Sachverstands die Empörung des Publikums an. "Da haben wir eine Regierung, die hält sich nicht an die Regeln", schimpft er im ZDF, "das wird ein Fass ohne Boden." Dem RBB-Radio sagt er, "Herr Tsipras hat Europa fünf Monate lang an der Nase herumgeführt".

Auch nach sieben Jahren Rezession sieht Fuest die Griechen noch in einer "Konsumblase", sie "leben über ihre Verhältnisse". Weiterer Schrumpfkurs ist demnach Teil einer notwendigen Anpassung. Die Europäische Zentralbank bezichtigt er, mit ihrer (begrenzten) Liquiditätshilfe für griechische Banken "den Konkurs weiter zu verschleppen" - was nicht heißt, dass er das Ansinnen der griechischen Regierung teilt, einen ehrlichen Strich unter die Schulden zu machen und trotzdem im Euro zu bleiben. Ein Schuldenschnitt ohne Auflagen, das wäre ein "echtes Problem".

Kurz und knapp, polemisch auf den Punkt gebracht und sehr sicher in der eigenen Überzeugung - kein Zweifel, das ist der neue Hans-Werner Sinn. Er trägt keinen auffälligen Schifferbart, hat mit seinem markanten Kiefer und den permanent auf die hohe Stirn gezogenen Augenbrauen aber ebenso das Zeug, auch optisch eine Marke im Fernsehen darzustellen. Zugleich wirkt der sportlich aktive 46-Jährige Fuest agiler, nicht so knorrig.

Er wirbt nicht seit Jahren für den Rauswurf der Griechen aus dem Euro, sieht ihn nur neuerdings als leider unausweichlich an. Mit seiner konsequenten und doch nicht so starren Haltung ist Fuest höchst anschlussfähig. Er kann nicht nur die öffentliche Meinung prägen, sondern auch die der politischen Entscheider.

Nach Jahren, in denen die Ökonomenzunft mit ihren ständigen Kontroversen immer mehr ins Abseits geriet, Jurist Wolfgang Schäuble und Physikerin Angela Merkel deren wenig verlässlichen Rat verschmähten, kommt mit Fuest einer, der bekanntermaßen auch in den Hinterzimmern der Politik wirkt.

Gerade Schäubles Denken scheint ziemlich nah an dem von Fuest, der eine klare konservative Grundhaltung zeigt und ordnungspolitisch argumentiert, dabei aber pragmatischer und flexibler wirkt als der ideologische Polterer Sinn oder Lars Feld, der Gralshüter der sehr deutschen ordoliberalen Freiburger Schule.

Seite 1 von 2
Folgen Sie Arvid Kaiser auf twitter

© manager magazin 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung