Christopher Flowers Der Mann, der sich an deutschen Banken verhob, tritt wieder als Retter auf

J. Christopher Flowers: Bald Zugriff auf die HSH Nordbank?

J. Christopher Flowers: Bald Zugriff auf die HSH Nordbank?

Foto: Tobias Schwarz/ REUTERS
Fotostrecke

Finanzinvestor Cerberus: Das ist die größte Macht im deutschen Bankensektor

Foto: Andreas Arnold/ picture alliance / Andreas Arnold/dpa

Christopher Flowers ist wieder ein gefragter Mann. Wenn alles glatt geht, bekommt der New Yorker Finanzinvestor gemeinsam mit den Kollegen von Cerberus noch vor Ende Februar Zugriff auf die HSH Nordbank. Die Länder Hamburg und Schleswig-Holstein verhandeln derzeit exklusiv mit dem Konsortium, der Zuschlag soll kurz bevorstehen.

Mehr als eine Milliarde Euro sollen die Amerikaner laut mehreren Berichten in die seit Jahren siechende Landesbank stecken, 700 Millionen Euro Kaufpreis plus ein Kredit in ähnlicher Höhe, um Kapital und digitale Infrastruktur zu stärken.

Die Landesregierungen können ihr Glück kaum fassen, obwohl sie ihren Bürgern dann wohl immer noch Verluste von mindestens 13 Milliarden Euro präsentieren müssen. Denn vor kurzem wurde noch allenfalls mit einem symbolischen Kaufpreis von einem Euro gerechnet. Verkaufen müssen die Länder - oder die Bank komplett schließen, so lautet eine Auflage der EU-Kommission für die Erlaubnis der üppigen Staatshilfe.

Dass jetzt doch Geld für diese Bank auf den Tisch gelegt wird, liegt daran, dass sie ihre Bilanz vorab deutlich verschlankt hat - über die interne Abbaubank, für die weiterhin die Steuerzahler geradestehen, teils mit großzügigen Schuldenerlassen zugunsten der heimischen Reeder.

Einen Teil der Risiken wie Forderungen an spanische Solarparks nahm auch Cerberus selbst der HSH Nordbank ab und half so mit, sie EU-konform verkaufsreif für sich selbst zu machen. Das Konsortium ist nicht einmal der einzige Bieter. Der größere Wettbewerber Apollo soll ähnlich viel Geld wie Cerberus geboten haben, hatte aber nicht Flowers an Bord. Der ist schon seit 2006 Aktionär der HSH Nordbank und genießt ein Vorkaufsrecht - plötzlich ein lukrativer Vorteil.

Es ist ein erstaunliches Comeback. Flowers und die HSH, das ist eine lange Leidensgeschichte. Kein privater Investor hat sich mit deutschen Banken in der Finanzkrise so die Finger verbrannt wie Christopher Flowers.

"Diese Beteiligungen sind nicht wirklich gut gelaufen", räumte Flowers im Herbst 2017 im "Handelsblatt" ein. "Aber heute bieten sich interessante Möglichkeiten im deutschen Bankensektor."

Auch privat verzockt - "er hat zu viel Geld verloren"

Das "nicht wirklich gut gelaufen" ist ein krasses Understatement, typisch für den eher leise auftretenden Mathematiker und Schachliebhaber aus New York. Als Flowers mit mehr als einem Viertel der Anteile für 1,3 Milliarden Euro in Hamburg und Kiel einstieg - als erster externer Investor einer deutschen Landesbank - wurde das als Auftakt zu einem Börsengang des werdenden Global Players gefeiert.

Stattdessen brachten die Folgejahre Milliardenverluste, Strafprozesse, Untersuchungsausschüsse und einen rabiaten Schrumpfkurs. Anfangs wehrte sich Flowers noch dagegen, dass die Länder die Bank mit Eigenkapital stützten und so seinen Anteil verwässerten. Doch bald wurde offensichtlich, dass die Alternative der völlige Kollaps war, und Flowers sah nur noch passiv zu, wie seine Milliardeninvestition auf 5,1 Prozent der restlichen HSH Nordbank schrumpfte.

Noch weniger gut lief sein zweiter deutscher Milliardendeal, kurz vor dem Höhepunkt der Finanzkrise bei der damals im Dax notierten Hypo Real Estate. Die wurde zum teuersten Rettungsfall und voll verstaatlicht. Flowers verklagte vergeblich gegen seine Zwangsabfindung, die "Deutschland als Investitionsstandort schweren Schaden zufügen" würde, wie er damals vor einem Bundestagsausschuss warnte.

Fortan kündete nichts mehr von strategischem Interesse. Sein Deutschland-Büro machte Flowers schon Anfang 2009 dicht, die hiesige Vertreterin Renate Krümmer machte sich als Kunsthändlerin in Hamburg selbständig.

Der Fintech-skeptische Fintech-Investor

Flowers' einziger großer Auftritt im Land seitdem war, als er 2015 eine Finanzierungsrunde bei Kreditech anführte, dem inzwischen am höchsten bewerteten deutschen Finanz-Start-up - kurios, weil er im Jahr darauf dem Fintech-Sektor düster prophezeite, die Gründerhoffnung werde "überwiegend in Tränen enden". Start-ups könnten im Bankgeschäft einfach nicht viel besser machen als die etablierten Banken.

Der Missgriff mit HSH Nordbank und HRE zerstörte Christopher Flowers' Ruf als Finanzgenie weit über Deutschland hinaus. Sein 2006 aufgelegter Fonds, in den auch Eliteuniversitäten der Ivy League investiert hatten, gilt als hoffnungsloser Fall.

Flowers - Harvard-Absolvent, Pionier des Fusions- und Übernahmegeschäfts im Finanzsektor bei Goldman Sachs , dort 1988 als damals 31-Jähriger zum jüngsten Partner der Geschichte ernannt (in einem Jahrgang mit dem heutigen Chef Lloyd Blankfein) und 1998 kurz vor Goldmans Börsengang mit seiner eigenen Firma JC Flowers ausgestiegen - griff auch sonst in der Finanzkrise oft daneben.

Das teuerste Krisenopfer Royal Bank of Scotland  - bei der Rekordübernahme von ABN Amro, die ihr Schicksal besiegelte, beraten von Flowers. Als 2011 die Fondsgesellschaft MF Global unter dem Ex-Spitzenpolitiker Jon Corzine kollabierte, rückte wieder Flowers ins Schlaglicht. Der hatte als MF-Global-Großaktionär den früheren Goldman-Kollegen Corzine kurz zuvor geholt, um die Firma zu sanieren.

Privat senkte Flowers sein Prestige, indem er sein 2006 für 53 Millionen Dollar (damals New Yorker Rekord) gekauftes Apartment an der Fifth Avenue fünf Jahre später für 36,5 Millionen Dollar wieder verkaufte. "Er hat zu viel Geld verloren", stempelte ihn ein anonymer Wettbewerber in der "Financial Times" als Verlierer ab. Aus der "Forbes"-Milliardärsliste wurde er, 2008 noch mit zwei Milliarden Dollar Vermögen aufgeführt, jahrelang gestrichen.

"Ich garantiere, dass wir wieder eine Bankenkrise haben werden"

Heute noch versucht seine Firma, ihren gut 20-prozentigen Anteil an der japanischen Shinsei Bank wieder loszuwerden - mit Verlust. Eingestiegen war sie dort 2008 schon zum zweiten Mal. Die rabiate Sanierung der vormaligen Long-Term Credit Bank ab 2000 begründete Flowers' Ruf als "Jedi-Meister der Finanzen" ("Wall Street Journal") - zum Börsengang 2004 verbuchten die Investoren einen Milliardengewinn. Jetzt aber, nach immer riskanterer Kreditvergabe als Antwort auf die jahrelangen Nullzinsen, erscheint das Timing des Investments schlecht.

Die Rolle als auf Banken spezialisierter Finanzinvestor sei in den Krisenjahren "ein einsamer Ort" gewesen, bekannte Flowers einmal der "Financial Times". Alle anderen hätten das Weite gesucht, "aber wir machen nichts anderes, also sind wir dabei geblieben".

Es einfach nicht lassen können, dürfte als Motiv auch bei dem neuen HSH-Deal eine Rolle spielen. Flowers will der Welt (und seinen Investoren) beweisen, dass er doch nicht so komplett danebenlag.

Für den Erfolg bei der Nordbank muss noch viel gelingen

"Plötzlich dreht sich die Stimmung, und es kommt zu rasanten Wertsteigerungen", erklärte er dem "Handelsblatt" seine Hoffnung. In Einzelfällen wie dem britischen Immobilienfinanzierer OneSavings Bank oder der kalifornischen IndyMac ist das schon gelungen. Nach den angelsächsischen Märkten sieht Flowers jetzt den europäischen Kontinent auf dem Weg der Erholung, die hiesigen Abschläge auf den Buchwert seien nicht mehr gerechtfertigt.

Fotostrecke

Finanzinvestor Cerberus: Das ist die größte Macht im deutschen Bankensektor

Foto: Andreas Arnold/ picture alliance / Andreas Arnold/dpa

Flowers weiß aber auch, dass er riskant wettet. Im Fall HSH Nordbank muss noch ziemlich viel zusammenkommen, damit die Wette aufgeht. Falls Cerberus und Flowers den Zuschlag bekommen, steht ihnen sicher noch ein Inhaberkontrollverfahren der Bankenaufsicht ins Haus. Noch höher sind die von der EU-Kommission aufgestellten Hürden. Die Bank muss dauerhaft eine Eigenkapitalrendite von 8 Prozent vor Steuern erwirtschaften und die Kosten dürfen 40 Prozent des Ertrags nicht übersteigen.

Das Geschäftsmodell ist zwar nicht mehr der Staubsauger verbriefter US-Hypothekenkredite von der Wall Street und auch nicht mehr der generöse, weltgrößte Schiffsfinanzierer. Mit den aktuell favorisierten Firmenkunden in Norddeutschland und dem stark ausgebauten Geschäft mit erneuerbaren Energien bildet die HSH Nordbank aber weiter ihre Klumpenrisiken. Wenn in diesen Märkten etwas schlecht läuft, sammelt sie schnell wieder faule Kredite.

"Ich garantiere, dass wir wieder eine Bankenkrise haben werden", sagte Christopher Flowers der "Financial Times". Das war zwar als Argument gegen zu strenge staatliche Regulierung gedacht - ein absolut sicheres Finanzsystem lasse sich auch mit dem größten Aufwand sowieso nicht herstellen. Er könnte den Satz aber auch als Warnung an sich selbst und seine Geldgeber verstehen.

Mehr lesen über Verwandte Artikel