Countdown für den Brexit Warum eine gebürtige Deutsche für den Brexit kämpft

Von Arne Gottschalck
Der "Union Jack": Weht die britische Flagge auch nach dem 23. Juni in Brüssel?

Der "Union Jack": Weht die britische Flagge auch nach dem 23. Juni in Brüssel?

Foto: DPA

Eine Art "Battle of Britain", sie tobte bis zum Tod von Jo Cox am Donnerstag von Bournemouth im Süden bis nach Newcastle upon Tyne in Norden. Auch auf Twitter wurde gerungen. Auf der einen Seite die mahnenden "Bremainers", die Großbritannien weiterhin in der Europäischen Union halten wollen, die ihre Landsleute dazu bringen wollen, am 23. Juni gegen den Brexit zu stimmen. Jonathan Faull ist einer von ihnen. Er ist polyglott und Vorsitzender der "Task Force für strategische Fragen mit Blick auf das UK-Referendum". Damit ist er prädestiniert für die Aufgabe, von Landsmann zu Landmann für die EU um britische Stimmen zu buhlen.

Er spricht, telefoniert, er diskutiert. Und twittert. 4630 Kurznachrichten hat er bereits abgesetzt. Zum Beispiel über das "Good Country Ranking", demzufolge alle Top-5-Länder au der EU kämen. Und 8 von 10 sowie 14 von 20.

Twitter ist aber auch die Kampfbahn für Gisela Stuart, wie "qz"  berichtet. Vermutlich würde niemand sie in Deutschland niemand kennen, wenn sie nicht zufällig eine Deutsche wäre, die für den Brexit kämpft. Und damit eine Haltung einnimmt, die dem offiziellen Standpunkt Deutschlands mit Großbritannien als wichtigem EU-Mitglied zutiefst zuwiderläuft.

Über 8.000 Tweets hat sie schon verfasst. Länder außerhalb der EU wüchsen schneller also solche innerhalb des Verbunds, beispielsweise. Stuart ist Vorsitzende der offiziellen "Vote-Leave"-Gruppe, Parlamentsmitglied für die Labour Party. Und sie ist in Deutschland geboren worden, im bayerischen Velden. 1974 übersiedelte sie nach England, um ihr Englisch zu verbessern. Sie arbeite, sie heiratete, ging 1997 in die Politik. Damals ließ sie sich für den Wahlkreis Birmingham Edgbaston ins Parlament wählen.

Vom Saulus zum Paulus

Und skizzierte in der Folgezeit unter anderem eine neue Verfassung für die EU. Damit gehörte sie zu jenen Menschen in Großbritannien, die die Bande zwischen Kontinentaleuropa und der Insel enger knüpfen wollten. Bis sie ihre Einstellung komplett über den Haufen warf. Seitdem sägt und zerrt sie an eben jenen Verbindungen.

Es tut sich einfach nichts, nichts ändert sich, war ihr niederschmetterndes Fazit zu Beginn dieses Jahrtausends. Und meint das Ringen um Kompromisse, meint die Länder unterschiedlicher wirtschaftlicher Leistungskraft, die in ihren Augen nicht wirklich zusammenpassen. Und meint auch die Einwanderung in ihre neue Heimat. Premierminister David Cameron versprach bei seiner Wahl im Jahr 2010, dieses Thema anzugehen. Ohne Erfolg.

Sie selbst weiß, dass sie als Labour-Frau mit ihrer Brexit-Vision eigenwillige Verbündete hat, zum Beispiel die erklärten Europagegner der Partei UK Independence Party um Nigel Farage. "Diese Ansicht ist so ketzerisch, man wird als Verrückte angesehen", zuckt sie mit den Schultern.

Immerhin, in einem Punkt sind sich die deutschstämmige Stuart und der englische Faull einig. Der Tod von Jo Cox lässt beide innehalten. Eine Feuerpause der "Battle of Britain" via Twitter?