Gesundheitsrisiken im Homeoffice Der moderne Tod heißt Überlastung

Mehr Menschen arbeiten mobil oder im Homeoffice und drohen dabei die Grenzen zwischen Job und Privatleben aus dem Blick zu verlieren. Das ist nicht nur unschön - es gefährdet die Gesundheit. Selbst milliardenschwere Wall-Street-Größen sehen einen gefährlichen Trend.
Heimarbeit: Für viele Berufstätige verschwimmt zunehmend die Grenze zwischen Job und Privatleben

Heimarbeit: Für viele Berufstätige verschwimmt zunehmend die Grenze zwischen Job und Privatleben

Foto: Sebastian Gollnow / picture alliance/dpa

Doug Leone (63) sitzt im hellblauen Shirt vor einem Hintergrund voller Mammutbäume. Der Milliardär hat sich per Videochat in eine Veranstaltung des Berliner Investors Visionaries Club eingeklinkt, direkt aus dem Silicon Valley, wo er seit 25 Jahren Managing Partner des Wagnisfinanzierers Sequoia ist (zu Deutsch, natürlich: "Mammutbaum").

"Zoom hat das Leben eines jeden beschleunigt", sagt Leone. "Wir haben unsere Kalender angeschaut, und seit wir bei Zoom sind, also seit 15 Monaten, arbeiten wir 30 Prozent mehr."

Das dürfte vielen bekannt vorkommen. Rund um den Globus teilen wohl tausende Firmen das Schicksal von Sequoia: Die Corona-Pandemie hat Bürogebäude in Geisterhäuser verwandelt, ganze Belegschaften sahen sich monatelang nur noch auf Bildschirmen, sei es wie Leone und Kollegen per Video-App Zoom, sei es mit dem Microsoft-Tool "Teams" oder mit einer anderen Software.

Geradezu dramatisch hat die Corona-Krise damit einen Trend beschleunigt, der seit Jahren ohnehin schon zu beobachten war: Die Arbeitswelt wird dezentraler, immer weniger Menschen pendeln täglich ins Büro. Stattdessen sind hybride Modelle auf dem Vormarsch, bei denen die Beschäftigten einen Teil ihrer Arbeitszeit - oder auch die gesamte Zeit - im Homeoffice oder an einem anderen passenden Ort verbringen.

Mehrarbeit ist größter Gesundheitsrisikofaktor im Job

Die Gefahr dabei macht Sequoia-Chef Leone drastisch deutlich: Wenn die Grenze zwischen dem privaten Umfeld und dem Arbeitsplatz verschwimmt, droht sich zugleich auch die klare Aufteilung zwischen Freizeit und Arbeitszeit aufzulösen. Pausenzeiten werden weniger beachtet, der Feierabend häufiger verschoben. Und auch am Wochenende lockt öfter mal das Notebook zu einem Blick in Mails oder Projekte.

So eine Entwicklung ist nicht nur unerfreulich für Betroffene und ihre Familien, sie ist auch gefährlich. Gerade in diesen Tagen hat die Weltgesundheitsorganisation WHO gemeinsam mit der Internationalen Arbeitsorganisation ILO eine Analyse veröffentlicht , die das deutlich vor Augen führt. Deren Ergebnis in Kürze: Wer seine Arbeitszeiten dauerhaft signifikant ausdehnt, gefährdet seine Gesundheit und erhöht sein Risiko, an einem Schlaganfall oder einer schweren Herzerkrankung zu sterben.

Zu lange Arbeitszeiten seien verantwortlich für etwa ein Drittel aller mit der Arbeit in Verbindung stehender Erkrankungen, so WHO und ILO. Damit sei dies der größte Risikofaktor, berufsbedingt zu erkranken. Wer 55 Stunden oder mehr anstelle von 35 bis 40 Stunden in der Woche arbeite, so das Ergebnis der Analyse, erhöhe sein Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, um 35 Prozent. Das Risiko einer ischämischen Herzerkrankung steige im gleichen Fall um 17 Prozent.

Dabei weist auch die WHO ausdrücklich darauf hin, dass diese Gefahren gerade durch die Corona-Krise zugenommen haben. "Die Covid-19-Pandemie hat die Art, wie viele Menschen arbeiten, signifikant verändert", sagt WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus (56). Fernarbeit sei in vielen Branchen zur Normalität geworden. Zudem hätten viele Firmen aufgrund der Krise Kosten gespart und Stellen abgebaut - mit dem Ergebnis, dass die Mitarbeiter, die noch da seien, jetzt mehr zu tun hätten.

Ein Phänomen, das sich keineswegs nur in Unternehmen findet. Auch im Hochschulbetrieb beispielsweise kommt es gegenwärtig zu Überlastungen, die mit der Corona-Krise zusammenhängen. Einer Umfrage unter mehr als 3000 Hochschulmitarbeitern in Hessen zufolge etwa, die von Gewerkschaften und der Initiative "Darmstadt unbefristet" durchgeführt wurde, hat bei 60 Prozent der Befragten der Arbeitsstress seit Beginn der Pandemie zugenommen. Dreiviertel der wissenschaftlichen Mitarbeiter berichteten von wachsendem Arbeitsaufwand in der Lehre, im Bereich der administrativ-technischen Beschäftigten stieg der Arbeitsaufwand demzufolge um 72 Prozent.

Unsicherheit, Zukunftsangst und Überlastung - das alles habe es schon vor Corona bei vielen wissenschaftlichen Mitarbeitern an Hessens Universitäten gegeben, zitierte die Nachrichtenagentur DPA in dem Zusammenhang eine Politikwissenschaftlerin von der Uni Kassel. "Durch die Pandemie hat die Belastung aber noch einmal deutlich zugenommen."

Immerhin: Zwar ist die Zahl der Überstunden in Deutschland im Corona-Jahr leicht gesunken. Angesichts des Wirtschaftseinbruchs und der Einschränkungen in vielen Branchen und Firmen hätte man aber womöglich mit einem deutlich stärkeren Rückgang der Mehrarbeit rechnen können. Wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken im Bundestag hervorgeht, haben die Beschäftigten in Deutschland im vergangenen Jahr 1,67 Milliarden Überstunden geleistet. 2019 waren es nach Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) noch 1,86 Milliarden Überstunden. Vor allem: Der Anteil der Überstunden am Arbeitsvolumen liegt mit 3,2 Prozent noch beinahe auf dem gleichen Niveau wie vor der Krise.

Auch für den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) sind das alarmierende Zahlen. "Wer ständig überlastet und gestresst ist, keine ausreichenden Pausen- und Erholungszeiten einlegen kann, hat ein wesentlich höheres Risiko, ernsthaft und im schlimmsten Fall lebensbedrohlich zu erkranken", sagte DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel (55). "Zu den Risiken gehören psychische Belastungen und Burn-out genauso wie Schlaganfälle und Herz-Kreislauf-Erkrankungen."

Piel knüpft konkrete Forderungen an diesen Missstand: "Arbeitszeit muss endlich überall lückenlos erfasst und vergütet werden", sagt sie. Eine Anti-Stress-Verordnung solle Belastungen zudem Grenzen setzen. "Außerdem gilt: Finger weg vom Acht-Stunden-Tag", so Piel.

Damit befindet sie sich offenbar auf einer Linie mit WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus, der es ähnlich auf den Punkt bringt. "Regierungen, Arbeitgeber und Beschäftigte müssen zusammenarbeiten und sich auf Limits zum Schutz der Belegschaft einigen", sagt er. "Kein Job ist es wert, dass man dafür einen Schlaganfall oder eine Herzerkrankung riskiert."

cr, kyr