Heiner Thorborg

Nachfolgeregelungen Wie Spitzenkräfte sich in Würde verabschieden

Heiner Thorborg
Eine Meinungsmache von Heiner Thorborg
Unternehmen und Spitzenmanager brauchen Nachfolgeregelungen, die einen Abschied in Würde erlauben. Sonst kann es peinlich werden.
Angela Merkel, Joachim Löw: Es geht nicht um das Alter des Chefs. Entscheidend ist vielmehr die Verweildauer im Amt.

Angela Merkel, Joachim Löw: Es geht nicht um das Alter des Chefs. Entscheidend ist vielmehr die Verweildauer im Amt.

Foto: Michael Kappeler/ dpa

Seit fast 16 Jahren prägt Angela Merkel die deutsche und europäische Politik, Queen Elisabeth ist mit 95 Lebens- und 69 Amtsjahren die dienstälteste Monarchin der Welt. Als die beiden unlängst aufeinandertrafen, lag Abschied in der Luft. Es ist Zeit für einen Führungswechsel – auf beiden Seiten des Ärmelkanals.

Doch das Aufhören fällt so mancher Führungspersönlichkeit schwer, nicht nur in der Politik. Viele Manager, die ihren Job lieben, wollen nicht schon mit Mitte 60 einfach nach Hause gehen. Rosen züchten? Golf spielen? Die Enkel bespaßen? Wo man doch gerade noch Verträge verhandelt, Kunden zufriedengestellt, Projekte angestoßen, Gelder bewegt, Geschäfte gemacht hat. Und nun? Einfach so aufs Altenteil? Was für viele normale Angestellte schon schmerzhaft ist, scheint Menschen, die im Rampenlicht stehen, erst recht zu belasten. Aufhören? Undenkbar.

Keine Frage des Alters

Nehmen wir Joachim Löw nach 15 Jahren als Fußball-Bundestrainer. Er wollte nach der Weltmeisterschaft 2014 mit einem zweiten großen Titel abtreten, doch von den sieben Spielen seiner Crew bei internationalen Wettbewerben überzeugte nur eines, das 4:2 gegen Portugal bei der laufenden Europameisterschaft. Keine tolle Bilanz.

Fazit der Kritik: "Ihm fehlten die Mittel, ihm fehlten die Ideen, ihm fehlte die Überzeugung." Autsch! Gibt es traurigere letzte Worte?

Dabei geht es gar nicht um das Alter des Chefs – Löw ist erst 61. Es gibt jede Menge Leute, die mit Mitte 60, ja Mitte 70 noch leistungsfähig und belastbar sind. Christine Lagarde war über 60, als sie den Spitzenjob bei der Europäischen Zentralbank anfing, US-Präsident Joe Biden war bei seiner Amtseinführung sogar schon 78 Jahre alt.

Entscheidend ist vielmehr die Verweildauer im Amt. Nach mehr als 15 Jahren im Job scheinen nicht nur Bundeskanzler und Bundestrainer zu glauben, dass sie unersetzlich sind, sondern auch viele Unternehmer. Männer wie Wolfgang Grupp bei Trigema, Erwin Müller bei seiner Drogeriekette, Michael Herz bei Tchibo, Günther Fielmann beim gleichnamigen Brillenfilialisten, Berthold Leibinger bei Trumpf: Sie alle waren (oder sind) länger in Amt und Würden als kaum je ein angestellter Topmanager.

Die Befristung von Vorstandsverträgen hat Gründe

Manche Unternehmen sind sogar stolz auf die Beharrlichkeit ihrer Topleute. So ist der aktuelle Bosch-Chef Volkmar Denner erst der sechste nach dem Gründer Robert Bosch – obwohl das Unternehmen schon fast 135 Jahre alt ist. Generell hat es jedoch Gründe, dass Vorstandsverträge in der Regel nach fünf Jahren auslaufen und explizit verlängert werden müssen. Warum, zeigt nicht zuletzt das Beispiel Wirecard: Markus Braun war mehr als 18 Jahre lang Vorstandsvorsitzender des Zahlungsdienstleisters. Ein neuer CEO hätte sicher schnell bemerkt, dass etwas mit den Bilanzen nicht stimmt – und mit all den Fusionen, Übernahmen und Auslandskonten.

Zugegeben, das Beispiel Wirecard ist extrem, dennoch gilt: Es ist notwendig, dass regelmäßig neue Augen auf die Strategie blicken, auf die Geschäftsentwicklung und auch auf Fragen der Compliance. Deswegen sieht es auch der Corporate Governance Kodex kritisch, wenn Vorstandsvorsitzende nach langen Jahren auf dem Chefsessel einen Posten im Aufsichtsrat ihres Arbeitgebers anstreben. Dort müssen sie nämlich kontrollieren, was der Nachfolger mit ihrem Erbe anfängt – und wie gut so etwas läuft, sieht man an den vielen Familienunternehmen, bei denen der Patriarch nicht loslassen und der Neue daher nichts bewegen kann.

Alternativen zur Langeweile

Tatsächlich brauchen nicht nur Unternehmen eine gute, belastbare Nachfolgeregelung . Auch Topführungskräfte brauchen sie – oder besser eine Abtrittsregelung, die ihnen einen Abschied in Würde erlaubt, bevor die Spatzen von den Dächern pfeifen: "Der Alte muss weg!"

Die Angst vor der Leere und die Furcht vor der Langeweile machen es schwierig, daher sind Topleute gut beraten, rechtzeitig darüber nachzudenken, was sie tun wollen, wenn der operative Job endet. Rosen, Golf und Enkel sind schließlich nicht die einzigen Optionen für einen erfahrenen Chef. Wer nicht ehrpinselig ist und nicht Millionenumsätze und Hunderte von Mitarbeitern bewegen muss, kann in einem anderen Unternehmen Aufsichtsrat werden, als Berater anheuern, ein Start-up gründen oder ein bestehendes unterstützen, den Beirat von NGOs professionalisieren, Lehraufträge annehmen, Bücher schreiben oder dabei helfen, geeignete Übernahmeobjekte für Spacs zu finden. Alles besser, als am Sessel zu kleben, bis es peinlich wird.

Anmerkung der Redaktion: Heiner Thorborg ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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