Private Equity Mittelstand profitiert von neuen Spielregeln

Die Zeiten großer Übernahmen und schneller Börsengänge sind vorbei: Finanzinvestoren halten derzeit länger an Beteiligungen fest und sind laut einer Studie auch bereit, auf Mehrheitsbeteiligungen zu verzichten. Davon profitiert der Mittelstand: Immer mehr Unternehmen finanzieren Wachstum mit Beteiligungskapital.

Frankfurt - Vor allem mittelständische Unternehmen der Branchen IT, Umwelt, Medizintechnik und Biotech stehen derzeit im Fokus der Beteiligungsfirmen. Dabei behauptet sich Bayern vor Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg als attraktivstes Bundesland für Finanzinvestoren. Dies ergibt eine Befragung von mehr als 300 deutscher Private Equity-Gesellschaften durch das Beratungs- und Prüfungsunternehmen Rödl & Partner.

"Beteiligungskapital wird im Mittelstand langsam zur Normalität", erklärt Wolfgang Kraus, Geschäftsführender Partner von Rödl & Partner. Der beginnende wirtschaftliche Aufschwung werde in wachsendem Maße durch Finanzinvestoren mitfinanziert. Dabei verlören die Kapitalgeber ihren Schrecken, weil sie den Machtanspruch zunehmend aufgeben, ihre Beteiligungen mehrheitlich zu kontrollieren.

Die Stimmung in der Branche ist nach der schwersten Finanz- und Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit verhalten optimistisch. 66 Prozent der befragten Beteiligungsfirmen erwarten, dass sich der Private Equity-Markt besser entwickeln wird als im Vorjahr.

Haltedauer der Beteiligung deutlich gestiegen

Die Unsicherheit an den Finanzmärkten erschwert weiterhin Börsengänge und damit die Möglichkeit für Finanzinvestoren, ihre Beteiligungen durch ein IPO rasch zu versilbern. Das schwierige Umfeld für solche Exits zwingt die Beteiligungsgesellschaften zu längfristigeren Engagements. Dies kommt dem Mittelstand entgegen.

Bei der großen Mehrheit der befragten Beteiligungsunternehmen lag die durchschnittliche Beteiligungsdauer im Jahr 2010 zwischen 7 und 10 Jahren: Die Risikokapitalgeber sind verstärkt bereit, längerfristige und nachhaltige Beteiligungen einzugehen.

"Aber alle Investitionen sind Beteiligungen auf Zeit", betont Björn Stübiger, Partner von Rödl & Partner, der die Studie durchgeführt hat. Die entscheidende Frage sei, ob die Rückkehr zu stabilen Rahmendaten mit deutlich unternehmerischem Wertsteigerungspotenzial gelinge.

Rödl & Partner hat im Frühjahr 2010 mehr als 300 in Deutschland tätige Beteiligungsgesellschaften befragt. Die Rücklaufquote betrug knapp 40 Prozent. Befragt wurden internationale Gesellschaften ebenso wie PE-Häuser mit privatem und öffentlich- rechtlichem Hintergrund zu ihrem Investitionsverhalten in Deutschland. "Die Studie spiegelt die Vielseitigkeit der Branche wieder. Man darf Private Equity nicht auf die 'Big Deals' reduzieren. Dann sieht man, wie aktiv der Markt trotz der Finanzkrise ist", sagt Stübiger.

Branchenfokus: IT und Umwelttechnologie an der Spitze

Branchenfokus: IT neuer Spitzenreiter

Größte Chancen auf eine Beteiligungsfinanzierung hat der Studie zufolge die IT-Branche (44,4 Prozent). Sie gilt bei den Investoren als besonders attraktiv, gefolgt von Umwelttechnologie (35,2 Prozent), Medizintechnik und Biotech (beide 29,6 Prozent). Während die IT-Unternehmen bisher im Mittelfeld rangierten, hat sich der Investitionsfokus deutlich verändert.

Dies gilt auch für Erneuerbare Energien, die sich auf Platz 5 des Rankings vorgeschoben haben. "Die Innovationskraft der Unternehmen ist der Schlüssel dafür, eine Beteiligungsfinanzierung zu erhalten", erklärt Stübiger. "Selbst in traditionellen Branchen wie dem Maschinenbau werden immer häufiger Finanzinvestoren aktiv, wenn das Unternehmen stark wächst und besonders innovative Technologien einsetzt."

Bayern vor NRW attraktivster Investitionsstandort

Der Freistaat Bayern zieht nach wie vor mit Abstand die meisten Finanzinvestoren an (35,5 Prozent), gefolgt von Nordrhein-Westfalen (27,8) und Baden-Württemberg (18,5). In Ostdeutschland kann sich lediglich der Freistaat Sachsen (4,3 Prozent) behaupten. Als häufigste Gründe dafür werden die Wirtschaftsstruktur, die Zahl der attraktiven Unternehmen und die aktive Gründerszene in den jeweils bevorzugten Regionen genannt.

Der Mittelstand stellt sich wieder auf Wachstum ein. Die Risikokapitalgeber konzentrieren sich in Deutschland darauf, in innovative und häufig international tätige mittelständische Unternehmen in dieser Aufschwungphase zu investieren. "Die Beteiligungsbranche und der Mittelstand haben sich deutlich aufeinander zu bewegt", fasst Kraus die Studie zusammen. Mehrheitsübernahmen weichen längerfristigen, nachhaltig angelegten Beteiligungen. Unternehmen, die zum Sprung in neue Märkte ansetzen, fänden im Beteiligungskapital eine attraktive Finanzierungsmöglichkeit.

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