Kreditmarkt Die Banken links liegen lassen

Immer mehr Unternehmen finanzieren sich direkt über den Kapitalmarkt statt über die Hausbank. Auch Mittelständler begeben Anleihen und Genussscheine. Das wirft Zweifel auf, ob das Milliardenprogramm der Regierung gegen eine drohende Kreditklemme wirklich nötig ist.

Hamburg - "Das hat sicher auch mit der Wahl zu tun", sagt Günter Jucho. Der Geschäftsführer des Berliner Beratungshauses Jucho & Coll. klingt nicht verärgert oder verbittert, aber ein wenig lakonisch wirkt sein Kommentar schon: "Ein Ruf von der Kreditklemme schallt durchs Land, und schon schüttet man 15 Milliarden Euro Steuergeld aus."

Das Geld aus dem bislang nur wenig genutzten "Wirtschaftsfonds Deutschland" reicht die staatliche Förderbank KfW nun direkt aus und bringt die Milliarden kurz vor der Bundestagswahl tatsächlich zum Fließen - in Form von Globaldarlehen an die Banken, die das Geld zinsgünstig an Unternehmen weiterverleihen müssen, von Hilfe für Kreditversicherer und einer Übernahme von Bürgschaften für Exportkredite. So will die Regierung eine Kreditklemme im Mittelstand vermeiden.

Kreditklemme im Mittelstand? "Es ist nicht so, dass da gar nichts mehr funktioniert", sagt Jucho. Er stützt sich auf eine neue Umfrage der Verbände Die Familienunternehmer und Die Jungen Unternehmer unter 490 Mittelständlern. Die melden zwar inzwischen zu fast einem Viertel, die Kreditkosten für ihr Unternehmen seien seit Jahresbeginn gestiegen - im Frühjahr waren es noch deutlich weniger. Doch "wir Familienunternehmer können keine flächendeckende Kreditklemme feststellen", kommentiert Verbandspräsident Patrick Adenauer.

In diese Analyse mischt sich auch Kritik an der neuen Berliner Industriepolitik. Die Staatsmilliarden für Banken und Großunternehmen wie Opel haben viele Kleinunternehmer vergrätzt. Nun bedient der Bund den Mittelstand mit der Gießkanne - doch auch da ist die Skepsis groß, ob er den Wettbewerb nicht zu sehr verzerrt. Da würde es passen, wenn die Hilfe obendrein gar nicht nötig wäre.

Höhere Zinsen, dafür Herr im Haus

Das sehen die meisten anderen Wirtschaftsverbände freilich anders. Die Bundesregierung verkündete ihre Pläne Anfang September auf einem Gipfeltreffen beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag, dessen Präsident Hans Heinrich Driftmann die Finanzierung als "Gretchenfrage für den Aufschwung" bezeichnete und befand, wenn es eine flächendeckende Kreditklemme bereits gäbe, "wäre es ja auch schon ziemlich spät". In der Abschlusserklärung des Treffens heißt es, es sei "damit zu rechnen, dass sich die Finanzierungssituation für Unternehmen noch weiter verschlechtern wird".

Auch Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt warnte in der vergangenen Woche, dass "eine breite Kreditklemme entstehen könnte, welche die wirtschaftliche Erholung behindert", und legte dagegen einen Fünf-Punkte-Plan vor. Anton Börner vom Bundesverband des Groß- und Außenhandels will einen staatlichen Anschub für den Verbriefungsmarkt, um eine drohende Kreditklemme zu vermeiden. Hans-Werner Sinn vom Münchener Ifo-Institut fordert gar eine zeitweilige Staatsbeteiligung an allen Banken. "Eine Alternative im Kampf gegen die Kreditklemme sehe ich nicht", sagte er der "Süddeutschen Zeitung".

Aber Jucho sieht eine Alternative - er verdient sogar sein Geld damit. Seine Firma berät Mittelständler bei der Emission von Anleihen und hybriden Wertpapieren wie Genussscheinen. Wer sich sein Geld - aus welchem Grund auch immer - nicht von der Hausbank besorgen will, kann auf diesem Weg direkt den Kapitalmarkt anzapfen. In den angelsächsischen Ländern sei diese Finanzierung viel üblicher, sagt Jucho. "Es wäre schön, wenn Unternehmen auch hier direkten Zugang zu privatem Kapital bekämen und nicht nur von den Banken abhängig wären."

Jucho räumt ein, dass Unternehmen für Anleihen häufig im Vergleich zum Bankkredit höhere Zinsen zahlen müssten. Doch "der Gegenwert ist, dass man keine weiteren Sicherheiten geben muss und Herr im Haus bleibt." Außerdem seien die Zinsen und Risikoaufschläge seit Jahresbeginn wieder deutlich gesunken.

Ob aus Angst vor Kreditverhandlungen oder nicht - ein wahrer Boom am Bondmarkt scheint Jucho recht zu geben. Im laufenden Jahr haben deutsche Unternehmen abseits der Finanzbranche bislang Anleihen im Wert von mehr als 200 Milliarden Euro emittiert - und damit den Rekordwert des Jahres 2001 übertroffen. Nach wie vor dominieren allerdings Großkonzerne mit guten Bonitätsnoten das Angebot, die Nachfrage kommt im Wesentlichen von Banken.

"Nicht wettbewerbsfähige Firmen müssen verschwinden"

"Für manche mittelständische Unternehmen lohnt es sich durchaus, den Weg über den Kapitalmarkt zu gehen", meint allerdings Jucho. Er sehe die Schwelle ungefähr bei 20 Millionen Euro Jahresumsatz. Ein Beispiel für eine erfolgreiche Anleiheemission in jüngerer Zeit sei ein Bond mit fünfjähriger Laufzeit des Klett-Verlags, der zu 7 Prozent verzinst wird. Die Immobiliengesellschaft Deutsche ETP habe mit einem Genussschein Wohnimmobilien finanziert und plane eine zweite Emission.

Ein typischer Kunde seiner Firma sei der Gemüsebauer Behr AG aus Niedersachsen, mit 180 Millionen Euro Umsatz Marktführer im Geschäft mit Kopfsalat - ein Hidden Champion, der am Kapitalmarkt gut ankommt. "Wir ziehen Familienunternehmer vor, die haften auch persönlich", sagt Jucho. Sie müssten allerdings auch bereit sein, Transparenz zu zeigen.

Ansonsten seien die Hürden vor dem erfolgreichen Marktauftritt niedriger als gemeinhin angenommen. "Industrieanleihen zeichnen nicht nur Banken", erklärt Jucho. "Unsere Kunden sind ganz normale Menschen, der Durchschnittsbürger zeichnet 8000 bis 12.000 Euro." Für diesen Markt sei auch nicht zwingend ein Rating einer der großen Agenturen notwendig.

Übrigens stehen Jucho und Adenauer mit ihrer Kritik am staatlichen Kreditprogramm nicht allein in der Wirtschaft. "Interventionistische Eingriffe in die Kreditvergabe der Institute wären letztlich kontraproduktiv", sagt Bundesbank-Vizepräsident Franz-Christoph Zeitler. Aus den Daten der Bundesbank gehe zwar hervor, dass das Wachstum der Kreditvergabe gegen null geht. Es sei aber nicht klar, wie viel davon auf sinkendes Angebot der Banken oder sinkende Nachfrage der Kreditnehmer zurückzuführen sei - "das klassische Henne-Ei-Problem", so Zeitler.

Drastischere Worte findet Klaus Zimmermann, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung: Die von der Bundesregierung beschlossenen Maßnahmen seien "konzeptionslos, widersprüchlich und riskant". Der Staat greife genau in dem Moment ein, wenn die Banken die richtige Lehre aus der Finanzkrise zögen und Risiken genauer zu prüfen begännen. Und, das dürfte bei den meisten Familienunternehmen allerdings weniger gut ankommen: "Wir dürfen den Effekt, dass nicht wettbewerbsfähige Firmen vom Markt verschwinden, nicht völlig aushebeln."

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