Arag-Chef "Die Allfinanz-Mode ist erledigt"

Das Missmanagement mancher Banker hat das Ansehen der Finanzbranche ramponiert. Paul-Otto Faßbender, Mehrheitseigner der Arag-Versicherung, sagt im Gespräch mit manager-magazin.de, warum er aus diesem Imagegrund Tochtergesellschaften verkaufen muss und wie der neue Partner für die internationale Expansion der Arag heißt.
Von Karsten Stumm

mm.de: Herr Faßbender, die Bundesbürger sind sauer auf die Milliardenjongleure unter den Bankern. Denn plötzlich müssen sie für deren wackelige Geschäfte gerade stehen. Doch jetzt trauen die Deutschen auch Versicherungen nicht mehr recht. Schockiert Sie das als Besitzer einer bekannten Versicherung?

Faßbender: 44 Prozent der von uns kürzlich im Rahmen einer Imageanalyse befragten Bürger haben uns gesagt, dass sie der Versicherungswirtschaft ähnliche Bedenken wie den Banken entgegenbringen. Das ist nach meinem Geschmack ein sehr hoher Anteil. Das hat mich sehr nachdenklich gestimmt. Nicht zuletzt, weil wir ein Gewerbe betreiben, in dem Vertrauen ein zentraler Teil des Geschäftsmodells ist.

mm.de: Haben Sie das Vertrauen der Bundesbürger vielleicht selbst mit aufs Spiel gesetzt?

Faßbender: Ich stelle mir sicher auch Fragen, in wie weit wir für diesen Vertrauensverlust verantwortlich sind. Und ich frage mich, was ich tun kann, um dieses Vertrauen aus eigenen Kräften wieder zu gewinnen.

mm.de: Könnte der Vertrauensverlust daran liegen, dass viele Bundesbürger ihre Versicherungen gar nicht mehr als Versicherer wahrnehmen, sondern als bankähnliche Gebilde?

Faßbender: Das ist meine Befürchtung, ja. Vielfach haben sich Versicherer zu weit in Bereiche vorgewagt, wie etwa der Vermögensberatung, die doch klassisches Bankengeschäft sind. Darüber ist über die Zeit wohl das Profil der Versicherer verloren gegangen.

mm.de: Die Konsequenz daraus wäre für Ihr Unternehmen hart: Der Rückzug aus all diesen Geschäften, die Sie nur noch unscharf als Versicherer erkennbar machen.

Faßbender: Ich denke, wir müssen diesen Schritt machen, um unseren Kunden wieder zu liefern, wofür wir stehen wollen: Eine individuell zugeschnittene Risikoabsicherung, die auch in Zukunft bezahlbar sein muss. Dazu zählen meiner Meinung nach auch weiterhin das Lebensversicherungsgeschäft und die Altersvorsorge, weil beides der Risikoabsicherung dient. Die Vermögensberatung dagegen ist nicht unser Geschäft.

mm.de: Hat die Finanzkrise die Allfinanzidee der Versicherungswirtschaft also beerdigt?

Faßbender: Diese Mode hat sich nach meiner Meinung erledigt, ja.

mm.de: Haben Sie bereits entschieden, von welchen Tochterunternehmen Sie sich trennen werden?

Faßbender: Wir werden weitere Bereinigungen in unserem Portfolio vornehmen, das steht fest. Dazu werden wir uns gründlicher auf das reine Versicherungsgeschäft fokussieren. Vermögensberatungsgesellschaften und Immobilienunternehmen hier in Deutschland zählen eher nicht dazu. Der damit verbundene Komplexitätsabbau wird uns gut tun.

Verkauf aus Imagegründen

mm.de: Auf welchen Umsatz werden sie somit verzichten - und wie viele Mitarbeiter werden die Arag voraussichtlich verlassen müssen?

Faßbender: Wir haben uns bereits in den vergangenen Jahren von Teilen unserer IT und von einem großen Immobilienbestand getrennt, den wir jetzt nicht mehr verwalten müssen. Die großen Schnitte haben wir hinter uns. Ich gehe eher von kleineren Bereinigungen aus.

mm.de: Könnten Sie vielleicht auch Vertrauen zurückgewinnen, indem Sie das Kleingedruckte in den Verträgen durchforsten und umschreiben lassen? Und zwar soweit, bis die meisten Kunden verstehen, was ihr persönlicher Risikoschirm denn nun leistet?

Faßbender: Das ist eine weitere Lehre aus der Krise, wie ich finde. Es ist ganz wesentlich, klar verständliche Produkte zu entwickeln und die Rechte und Pflichten der Kunden daraus klar aufzuzeigen. Produkte also, die jedermann durchschaut. Das wird auch zur neuen Vertrauensbildung gehören. Im Rahmen der Vermögensberatung wurden zu vielen Menschen in den vergangenen Jahren komplizierte Geldanlagen verkauft, mit denen sie dann Verluste gemacht haben.

mm.de: Millionen Deutsche haben auch Lebensversicherungen gekauft, um damit selbst Krisenzeiten sicher durchzustehen. Können Sie Ihr Renditeversprechen denn jetzt halten, wenn es darauf ankommt - nämlich in der Krise?

Faßbender: Neue Finanzinvestments fallen uns zwar derzeit genauso schwer wie allen, die im größeren Stil Geld anzulegen haben. Der Markt gibt für Neuanlagen derzeit wenig her. Aber wir halten die Überschussbeteiligung mit 4,0 Prozent wie bisher angekündigt aufrecht, ja.

mm.de: Hat es Sie überrascht, dass der Vertrauensverlust der Bundesbürger Ihr Haus als Familienunternehmen genauso trifft, wie Großkonzerne? Konkurrenten also, die mit Managern an der Spitze agieren, die im Moment ohnehin nicht das beste Image haben?

Faßbender: Ich glaube, nach Jahren der Übertreibung wird nicht mehr so fein unterschieden. Aber viele Bürger wenden sich durchaus wieder konservativen Werten zu. Und tatsächlich wirtschaften wir anders als große Aktiengesellschaften, die vielfach eher auf den kurzfristigen Gewinn aus sind. Wir planen dagegen über Generationen. Dividendenwünsche der Familie beispielsweise haben stets hinter dem Unternehmenserfolg zurückzustehen. Vielleicht stehen wir als Familienunternehmen deshalb derzeit sogar ein wenig besser da, als es vielleicht vielfach wahrgenommen wird.

Neue Partnerschaft mit der Wiener Städtischen

mm.de: Auch die Belegschaft musste für den Erfolg der Arag einstehen. In den vergangenen Jahren haben sie rund ein Viertel der Beschäftigten entlassen. Kommt Ihr Haus in den Augen mancher Bürger vielleicht deshalb derzeit nur wenig besser weg als die oft gescholtenen Großkonzerne?

Faßbender: Ja, wir verdienen mit unserem operativen Versicherungsgeschäft gutes Geld. Das ist in der Branche nicht gerade die Regel. Die unternehmerische Substanz hat bei uns absoluten Vorrang. Dazu müssen die Mitarbeiter und auch die Eigner ihren Beitrag leisten. Grundsätzlich glaube ich aber, dass Familienunternehmen in den vergangenen Jahren geradezu wiederentdeckt worden sind. Wurden sie mit ihrer Vorsicht noch kürzlich belächelt, zeigen sie jetzt ihre Solidität.

mm.de: Warum aber beherrschen denn dann die großen Publikumsgesellschaften das Wirtschaftsgeschehen und nicht die Familienbetriebe, wenn diese doch so viel weitsichtiger agieren?

Faßbender: Weil sie in den Jahren der übertriebenen Renditeanforderungen mit ihren weniger spektakulären Weiterentwicklungen eben nicht so stark gewachsen sind, wie die Konkurrenz. Familienunternehmen wachsen eher organisch. Jetzt zeigt sich aber, dass das kein Nachteil sein muss, sondern eher ein Zeichen für Nachhaltigkeit und Verlässlichkeit.

mm.de: Können Sie von der Solidität denn jetzt ganz zählbar profitieren? Etwa, in dem Sie schwächere Unternehmen günstig übernehmen?

Faßbender: Ich gehe davon aus, dass sich in unserer Kernsparte, der Rechtschutzversicherung, noch Kaufgelegenheiten ergeben werden. Und wir haben auch die Mittel dazu: Wir übererfüllen Eigenkapitalanforderungen. Und es kann gut sein, dass sich Großkonzerne, die sich zuletzt etwas verhoben haben, derzeit nicht so stark als Konkurrenten bemerkbar machen können.

mm.de: Wollen Sie die günstige Zukauflage auch international nutzen?

Faßbender: Zumindest Kooperationen wird es schon kurzfristig international geben, ja. Ich kann heute ankündigen, dass wir konkret über ein Joint Venture mit der Vienna Insurance Group (VIG) verhandeln, das uns gerade in Zentral- und Osteuropa ein großes Stück voranbringen wird.

mm.de: Was haben Sie denn genau gemeinsam vor - und halten Sie die Mehrheit an dem Gemeinschaftsunternehmen?

Faßbender: Unsere Planungen sehen vor, dass die VIG ihren österreichischen Rechtsschutzbestand in die Arag Österreich vollständig einbringen wird. Damit würden wir einen neuen Marktführer auf dem auf dem österreichischen Rechtsschutzmarkt schaffen. Das ist dann die richtige Ausgangsbasis, um in einem zweiten Schritt den zentral- und osteuropäischen Raum mit unserem Joint Venture zu erschließen. Alles Weitere werden wir in den kommenden Wochen mit VIG klären.

mm.de: War das dann vorerst der letzte Schritt in der Internationalisierung der Arag?

Faßbender: Nein, die Arag wird in einigen Jahren sicher noch deutlich internationaler sein als jetzt schon. Speziell in Amerika, auch in Südamerika und ausgewählten asiatischen Ländern sehe ich große Wachstumschancen. Sei es durch eigene Markteintritte oder Zukäufe.

mm.de: Wie wird die Arag in zehn Jahren aussehen?

Faßbender: Gut wird sie aussehen: Noch internationaler; ein gutes Stück größer als heute mit etwa 1,3 Milliarden Euro Prämieneinnahmen pro Jahr und weiterhin unabhängig als deutsches Familienunternehmen.