Mittelstand Börsenmäntel für Kreditwinter

Mitten in der Finanzkrise bietet sich Mittelständlern ein neuer Weg zu Geld zu kommen, ohne auf Kredite ihrer Bank angewiesen zu sein. Beteiligungsgesellschaften bieten den Gang an die Börse durch die Hintertür - ohne eigene Börsennotierung. Und die Mittelständler bleiben Chef im eigenen Haus.
Von Karsten Stumm

Hamburg - Kommt der Einschnitt doch? Monatelang sah es so aus, als ob Deutschlands Mittelständler ohne Schwierigkeiten weiter das nötige Bare für ihre Investitionen bekommen können - Finanzkrise hin oder her. Die Kreditlinien der Banken hielten. Doch jetzt scheint erstmals echte Gefahr zu bestehen, doch noch in die Bredouille zu geraten.

"Das knappe Eigenkapital der Banken beschränkt zunehmend das Volumen der Bankkredite in Europa", fürchtet etwa Barclays Capital . Zu hart seien die neuen Stabilitätsforderungen der Regulierer, als dass sie ihre Kredite im bisherigen Umfang aufrechterhalten könnten.

Nach Meinung der Deutschen Bank  drückten Europas Geldhäuser ihre Bilanzsumme deshalb bis zum Jahr 2010 vorsorglich um 11,5 Prozent - und ihre Kreditvergabe sogar noch etwas mehr.

Welch Ironie: Deutschlands Mittelständler könnten somit ausgerechnet die Nachwehen der internationalen Finanzkrise nach unten ziehen. Auch wenn die Kreditknappheit zuerst Großunternehmen spüren sollten, die sich um Übernahmekredite bemühen.

Genau in dieser Lage will sich die erste börsennotierte "Special Purpose Acquisition Company" (Spac) an Mittelständlern beteiligen, die bald dringend Geld brauchen. "Wir sprechen am liebsten Unternehmen an, die auf einen Unternehmenswert zwischen 1,5 Milliarden und 2 Milliarden Euro kommen", sagt Firmenchef und Investmentbanker Florian Lahnstein, der mit Unternehmensberater Roland Berger und Arcandor-Chef Thomas Middelhoff die erste deutsche Gesellschaft dieser Art an die Börse gebracht hat; sie heißt dann auch Germany1.

Durch den Börsengang hat der Finanzinvestor 250 Millionen Euro zur Verfügung. Dank ihrer Börsennotierung bietet Germany1 den Mittelständlern einen alternativen Weg an die Kapitalmärkte - ohne die Unsicherheiten und den Aufwand eines eigenen Börsengangs.

140 Firmen im Visier

140 Firmen im Visier

Germany1 wird zunächst allerdings kein eigenes Geschäft betreiben, sondern erst durch die Übernahme anderer Unternehmen.

Nach Lahnsteins Meinung empfehle sich diese Finanzierungsvariante vor allem bei Nachfolgeproblemen oder für Familienunternehmen, in denen sich manche Familienangehörige gerne aus dem Geschäft zurückziehen würden.

Etwa 140 Mittelständler hat das Managementteam bisher ausfindig gemacht, die sich womöglich für die neue Art der Unternehmensfinanzierung interessieren könnten. Hat eines davon Interesse, haben die Aktionäre von Germany1 das Wort - vermögende Privatpersonen, Fonds und auch Hedgefonds sowie die Deutsche Bank.

Stimmen sie der vorgeschlagenen Transaktion zu, schlüpft der erste Mittelständler tatsächlich quasi durch die Hintertür an die Börse. Lehnen sie den Kauf ab, bekommen sie ihr Geld ausgezahlt, das zwischenzeitlich mit einer niedrigen Verzinsung auf einem Treuhandkonto geparkt wurde.

Gänzlich neu ist das Geschäft mit solchen leeren Börsenmänteln allerdings nicht, die sich im Laufe der Zeit mehr und mehr Unternehmen überstreifen können ohne selbst den Schritt auf das Börsenparkett wagen zu müssen - und zugleich Chef im eigenen Hause bleiben wollen. In Amerika zählte im vergangenen Jahr jeder vierte Börsenneuling zu dieser Art Firmenhülle.

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