Indien/China Guru gegen Glückskeks

Deutschlands Firmen produzieren gern in Indien oder China. Doch die Standortbedingungen ändern sich. Unternehmer Rudolf Weiler kennt beide Länder seit Jahren und lässt sich in die Karten schauen: Warum er gerade ein chinesisches Joint Venture kündigt und was deutsche Unternehmen in beiden Ländern erwartet.

mm.de: Herr Weiler, Sie haben jahrelange Erfahrung als mittelständischer Unternehmer mit Fabriken sowohl in China als auch Indien. Sie haben bereits dort investiert, als es noch kein Modethema in der deutschen Industrie war. Inzwischen kehrt manches Unternehmen wieder zurück, sei es, dass sich die erhofften Einsparungen nicht bewahrheitet haben, sei es, dass sie sich vor Ort ausgebootet fühlen. Welche Erfahrungen machen Sie?

Weiler: Vor vier Jahren habe ich in einem Gespräch mit manager-magazin.de gewarnt, die Wirtschaft in China würde überhitzen und das Geschäftsklima gegenüber Ausländern schwieriger, vereinzelt feindselig werden. So leid es mir tut: Ich habe recht behalten. Es ist heute oft eine Katastrophe, mit chinesischen Partnern zusammenzuarbeiten. Deshalb habe ich beschlossen, unsere bestehende Kooperation in China zu beenden.

mm.de: Eine drastische Konsequenz. Wie ist der Stand?

Weiler: Wir haben die Kündigung gerade ausgesprochen. Weil die Gegenseite widerspricht, wird das Ganze noch einen längeren behördlichen Weg gehen. Wie lange sich das Verfahren ziehen wird, vermag ich nicht zu sagen.

mm.de: Was treibt Sie zu diesem Schritt?

Weiler: Wir werden von vorne bis hinten kopiert. Es ist neben unserer gemeinsamen Fabrikation eine Art parallele Fertigungshalle entstanden. Dort werden tatsächlich alle Produktionsanlagen kopiert und die Arbeitsabläufe nachgeahmt. Dabei werden sämtliche Verträge gebrochen, die überhaupt zu brechen sind. Schlimm daran ist, dass es sich nicht um einen Einzelfall handelt. Die Chinesen werden immer radikaler, wenn es darum geht, ihre Chancen zu nutzen.

mm.de: Also raten Sie von China ab?

Weiler: Ich rate zur Vorsicht.

mm.de: Welchen Schaden haben Sie zu verzeichnen?

Weiler: Wir haben Unannehmlichkeiten, aber Schaden haben wir vermeiden können. So haben wir rechtzeitig neue Lieferanten aufgebaut, teils in China, teils in Hongkong und Indien. Ich denke, dass es unserem bisherigen Partner nach unserem Rückzug sehr schlecht gehen wird. Wir haben ähnliche Erfahrungen vor etlichen Jahren in Japan gemacht. Nach unserer Trennung dauerte es ein halbes Jahr, dann war der Lieferant aus dem Markt verschwunden.

"Sie haben nur fünf Jahre in China"

mm.de: Und welche Vorsichtsmaßnahmen empfehlen Sie?

Weiler: Im Idealfall sollten deutsche Unternehmen dort kein Joint Venture eingehen, sondern versuchen, den Filialaufbau in Eigenregie zu bewältigen. Dazu gehört sicher Mut, und anfangs wird das teurer sein als eine Partnerschaft mit einem chinesischen Unternehmen. Lässt sich ein Joint Venture nicht vermeiden - etwa weil das deutsche Unternehmen zu klein ist, um das Projekt allein durchzuziehen -, dann sollte man die Rollen geschickt verteilen. Dabei geht es nicht um die Mehrheit in der Partnerschaft. Die deutsche Seite sollte für das Marketing verantwortlich sein, während die chinesische die Produktion verantwortet. Damit kann man zumindest eine Zeitlang den eigenen Markennamen und die eigenen Entwürfe sichern und erschwert die Schattenfertigung. Die wird hundertprozentig kommen, das sollte man wissen.

mm.de: Schattenfertigung - Sie sprechen von Plagiaten?

Weiler: Genau. Wichtig ist außerdem ein Konzept, mit dem man spätestens nach drei Jahren die Investitionen wieder raus hat und das in den folgenden zwei Jahren gute Gewinne beschert. Spätestens dann wird der chinesische Partner versuchen, Sie mit den eigenen Konstruktionen vom Markt zu verdrängen.

mm.de: Warum fünf Jahre?

Weiler: Das hat mit geltenden Steuervergünstigungen zu tun. Nach fünf Jahren sind alle Fristen abgelaufen und die chinesische Seite ist nicht mehr auf den deutschen Partner angewiesen. Das ist genügend Zeit, um das nötige Wissen für Kopien zu sammeln. Fünf Jahre - da können Sie die Uhr nach stellen.

mm.de: Sie verallgemeinern sehr stark.

Weiler: Ich spreche von mittelständischen Unternehmen, etwa bis 1000 Mitarbeiter, und für die sind derlei Erfahrungen nach meiner Beobachtung durchaus verallgemeinerbar. Anders sieht es bei Großkonzernen aus, wo die öffentliche Aufmerksamkeit, besonders außerhalb Chinas, größer ist und von deren Wohlwollen mehr Arbeitsplätze abhängen.

"Unfreiwillige Entwicklungshilfe"

mm.de: Welche Rolle spielen die Behörden in diesem Spiel?

Weiler: Die verschließen in der Regel die Augen davor. Auch hier ist die Unternehmensgröße von Bedeutung. Bei Großkonzernen sind ganz andere Hierarchieebenen damit befasst. Mittelständler dagegen haben meist nur mit den chinesischen Provinzverwaltungen zu tun, die recht eigenständig entscheiden.

mm.de: Sind die Deutschen zu leutselig?

Weiler: Den Eindruck habe ich. Deutsche Unternehmen gehen erstaunlich offen mit Betriebsgeheimnissen und mit ihrer Technik um. Das artet in eine unfreiwillige Entwicklungshilfe aus. Schauen Sie sich den Transrapid in China doch an! Ich habe mir zum Grundsatz gemacht, keine Produktinformationen an die ausländischen Fabriken zu geben, bevor wir zu Hause die übernächste Entwicklungsstufe fertig haben. Nur so lässt sich ein Vorsprung sichern.

Ein weiterer Rat ist, die Lieferantenstruktur frühzeitig abzusichern. Wenn wir uns nun von unserem chinesischen Partner trennen, tun wir das, nachdem wir drei Jahre den Ersatz vorbereitet haben, Werke in China und Indien.

mm.de: Wie muss man sich diesen Aufbau vorstellen?

Weiler: Zunächst mit kleinen Aufträgen in geringen Stückzahlen, die wir auch nicht nennenswert in die Öffentlichkeit getragen haben. In Zukunft werden wir nicht mehr Joint-Venture-Partner sein, sondern Hauptkunde, der die Regeln der Produktion diktiert.

mm.de: Warum ist da auch wieder ein chinesischer Lieferant dabei?

Weiler: Wir kommen an der Effizienz der chinesischen Produktion nicht vorbei. Noch nicht. Ich sehe aber andere Länder, zum Beispiel im ehemaligen Ostblock, auf einem guten Weg, China diesen Rang streitig zu machen.

mm.de: Und was ist mit Indien, Ihrem zweiten großen Standort?

Weiler: Dort ist die Effizienz nicht hoch genug, um industriell vorne mitzuspielen.

"Fachkräftemangel in Indien"

mm.de: Der Boom dort hat andere Ursachen?

Weiler: Die Wissensindustrie ist in Indien die größte Triebkraft, also Forschung, Entwicklung, Software und Elektronik. Das ist es auch, was den Standort für uns attraktiv macht. Die Vorteile beider Länder liegen auf der Hand. Grob vereinfacht kann man sagen, dass Arbeiter in China bei den meisten Prozessen doppelt so schnell vorankommen wie Inder; dafür wird von den Mitarbeitern indischer Fabriken doppelt so viel nachgedacht. Beides ist von großem Nutzen, für unterschiedliche Aufgaben.

In China ist eine stark standardisierte Massenproduktion gut aufgehoben, in Indien Kleinserien mit hoher Varianz. Die Effizienz in China ist sehr hoch, aber wer alle zwei Wochen die Produktion umstellen muss, weil es der Markt erfordert, der sollte besser nicht in China herstellen.

Ein großer Nachteil von Indien ist die Industriestruktur. Es gibt einerseits einfache Industriebetriebe und andererseits den Hightechbereich, doch das große Segment dazwischen fehlt fast völlig. Einzige Ausnahme ist die Automobilindustrie mitsamt ihren Zulieferern. Aber es wird beispielsweise nach wie vor kein Computer gebaut, im IT-Land Indien!

mm.de: In diesem mittleren Segment hat China also mehr vorzuweisen.

Weiler: Ganz recht, und zwar obendrein mit einer viel stärkeren Ausdifferenzierung der einzelnen Bereiche. Das geht übrigens einher mit einer sehr ordentlichen Ausbildungsphase für normale Arbeiter in China. Auf der Ebene der Arbeits- und Prozessorganisation wird es dann wieder dünn, vom Vorarbeiter bis zum Diplomingenieur. Deshalb verharrt China auf dem Niveau der Massenproduktion. Oberhalb davon kann Indien wieder punkten: Luft- und Raumfahrt zum Beispiel, Gentechnologie, Rüstungsindustrie, Wissenschaftsindustrie - in all diesen Bereichen ist Indien stark. Was fehlt, sind dann oft wieder die Facharbeiter. Die müssen wir für unsere indischen Standorte selbst ausbilden.

"Arbeitnehmerschutz ohne Folgen"

mm.de: Seit diesem Jahr gibt es in China einen besseren Arbeitnehmerschutz, auch wenn der lange nicht mit dem in Deutschland zu vergleichen ist. Arbeitnehmer haben nun ein Recht auf schriftliche Arbeitsverträge, können Tarifverträge abschließen und teilweise Mindestlöhne einfordern. Wie macht sich das für Sie bemerkbar?

Weiler: Gar nicht.

mm.de: Wie das?

Weiler: Ich habe lieber eine Minderheitsbeteiligung an Joint Ventures. Dann trage ich für solche Dinge keinerlei Verantwortung. Hätte ich die Mehrheit, käme ich in die Meetings und die chinesischen Partner würden mich fragen: "Mister Weiler, was ist da los in unserem Betrieb?" So ist es umgekehrt. Ich habe also meine Partner gefragt, was ich von diesen Entwicklungen zu erwarten habe. Letztlich sind das Dinge, die vor Ort organisiert werden, aber ich muss mir keine Sorgen machen.

mm.de: Wie sehen die Arbeitsbedingungen aus?

Weiler: Arbeitskräfte werden teils weit aus dem Hinterland in die Fabriken geworben, etwa Mädchen mit sehr kleinen Fingern. Diese Arbeiterinnen leben in einem Gebäude direkt neben der Fabrik. Auch dort, wo für uns gearbeitet wird, sieht es so aus. Es ist den Arbeiterinnen zwar nicht verboten auszugehen, aber die meisten verlassen das Gelände selten. Essen, trinken, schlafen und arbeiten, all das konzentriert sich dort. Die einzige Unterbrechung sind die Ferien zum chinesischen Neujahrsfest. Solange das Essen reicht, angenehme Musik bei der Arbeit läuft und die Bezahlung pünktlich eintrifft, gibt es wenig, was diese Arbeiterinnen einklagen würden.

Geltendes Recht wird dort eingehalten. Über die Jahre hat sich die Situation der Arbeiter in China erheblich verbessert: Die Arbeits- und Pausenzeiten sind heute klar geregelt, und es gibt ein soziales Netz in der Form, dass Kranke versorgt werden. Inzwischen gibt es sogar eine magere Form von Kündigungsschutz; das geringe Regelungsniveau in diesem Bereich beruht allerdings auf Gegenseitigkeit: Ein chinesischer Arbeiter, der keine Lust mehr hat, geht ja auch einfach, ohne irgendwelche Fristen einzuhalten. So kehren nach dem Neujahrsfest rund 30 Prozent der Arbeiter nicht aus ihren Heimatdörfern zurück.

mm.de: All das ist vermutlich kein Vergleich zu Indien.

Weiler: Dort sind Arbeitnehmer hundertprozentig abgesichert. Der Kündigungsschutz ist hoch, durch strenge Arbeitsverträge mit klar umrissenen Gehaltsstrukturen und Zuschlagsregelungen. Es gibt nicht nur Lohnfortzahlung im eigenen Krankheitsfall. Die Arbeiter bekommen auch frei, um kranke Verwandte zu pflegen - bei vollem Gehalt. Für gewerkschaftlich organisierte Arbeiter ist Indien ein sehr sicheres Land. Angestellte genießen weniger Schutz, ich würde sagen: etwa so wie in Deutschland.

"Viel stärkere Identifikation"

mm.de: Arbeitgeber sind ja von einem derartigen sozialen Netz oft nicht begeistert. Was zieht Sie als Unternehmer nach Indien?

Weiler: Ist es denn ein Nachteil, wenn Arbeitnehmer einen vernünftigen Schutz genießen? Viele Arbeitgeber sind hier etwas kurzsichtig. Der Unternehmer gewinnt doch dabei, weil es eine stärkere Identifikation mit dem Unternehmen gibt. Die Situation in vielen indischen Betrieben ist fast schon familiär. Da lassen die Mitarbeiter nichts unversucht, um die Firma nach vorne zu bringen. Und dass viele Unternehmen in China hintergangen werden, das hat nicht nur mit einer geringeren Regelungsdichte zu tun. Die Arbeitsbedingungen und der Umgang miteinander, das hängt doch zusammen. Ich glaube deshalb, dass Indien ein viel größeres Potenzial hat als China. Nur liegt vieles derzeit brach.

mm.de: Wo hapert es?

Weiler: Die Strukturen sind oft unterentwickelt, besonders im Bildungsbereich. Es wird zu wenig getan, um die beschriebene industrielle Lücke zu schließen, und das Problem droht sich zu verschärfen. Das macht es mir häufig schwer, geeignete Arbeitskräfte zu finden.

mm.de: Ein Großteil der Renditen in China resultiert aus der Missachtung von Menschenrechten. Zahlreiche Skandale in dieser Richtung, etwa bei der Fertigung von Apples iPod, haben das auch einer breiten Öffentlichkeit bewusst gemacht. Spricht nicht auch das für den Standort Indien?

Weiler: Das ist richtig, aber die Zeit bleibt nicht stehen in China. Auch dort gibt es Angleichungsbestrebungen, angetrieben etwa durch die Welthandelsorganisation. Und auch dort gibt es Fernsehen - die chinesische Bevölkerung fragt sich immer öfter, warum sie von dem Wachstum in ihrem Land oft gar nicht profitiert. Deshalb lassen sich chinesische Arbeitnehmer längst nicht mehr alles gefallen.

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