Dienstag, 28. Januar 2020

Indien/China Guru gegen Glückskeks

6. Teil: "Viel stärkere Identifikation"

mm.de: Arbeitgeber sind ja von einem derartigen sozialen Netz oft nicht begeistert. Was zieht Sie als Unternehmer nach Indien?

Doppelt so viel denken:
Eine indische IT-Fachkraft programmiert europäische Navigationssysteme
Weiler: Ist es denn ein Nachteil, wenn Arbeitnehmer einen vernünftigen Schutz genießen? Viele Arbeitgeber sind hier etwas kurzsichtig. Der Unternehmer gewinnt doch dabei, weil es eine stärkere Identifikation mit dem Unternehmen gibt. Die Situation in vielen indischen Betrieben ist fast schon familiär. Da lassen die Mitarbeiter nichts unversucht, um die Firma nach vorne zu bringen. Und dass viele Unternehmen in China hintergangen werden, das hat nicht nur mit einer geringeren Regelungsdichte zu tun. Die Arbeitsbedingungen und der Umgang miteinander, das hängt doch zusammen. Ich glaube deshalb, dass Indien ein viel größeres Potenzial hat als China. Nur liegt vieles derzeit brach.

mm.de: Wo hapert es?

Weiler: Die Strukturen sind oft unterentwickelt, besonders im Bildungsbereich. Es wird zu wenig getan, um die beschriebene industrielle Lücke zu schließen, und das Problem droht sich zu verschärfen. Das macht es mir häufig schwer, geeignete Arbeitskräfte zu finden.

mm.de: Ein Großteil der Renditen in China resultiert aus der Missachtung von Menschenrechten. Zahlreiche Skandale in dieser Richtung, etwa bei der Fertigung von Apples iPod, haben das auch einer breiten Öffentlichkeit bewusst gemacht. Spricht nicht auch das für den Standort Indien?

Weiler: Das ist richtig, aber die Zeit bleibt nicht stehen in China. Auch dort gibt es Angleichungsbestrebungen, angetrieben etwa durch die Welthandelsorganisation. Und auch dort gibt es Fernsehen - die chinesische Bevölkerung fragt sich immer öfter, warum sie von dem Wachstum in ihrem Land oft gar nicht profitiert. Deshalb lassen sich chinesische Arbeitnehmer längst nicht mehr alles gefallen.

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