Dienstag, 28. Januar 2020

Indien/China Guru gegen Glückskeks

5. Teil: "Arbeitnehmerschutz ohne Folgen"

mm.de: Seit diesem Jahr gibt es in China einen besseren Arbeitnehmerschutz, auch wenn der lange nicht mit dem in Deutschland zu vergleichen ist. Arbeitnehmer haben nun ein Recht auf schriftliche Arbeitsverträge, können Tarifverträge abschließen und teilweise Mindestlöhne einfordern. Wie macht sich das für Sie bemerkbar?

Potenziale erschließen: Eine IT-Messe im indischen Bangalore, gefördert von Intel
DPA
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Weiler: Gar nicht.

mm.de: Wie das?

Weiler: Ich habe lieber eine Minderheitsbeteiligung an Joint Ventures. Dann trage ich für solche Dinge keinerlei Verantwortung. Hätte ich die Mehrheit, käme ich in die Meetings und die chinesischen Partner würden mich fragen: "Mister Weiler, was ist da los in unserem Betrieb?" So ist es umgekehrt. Ich habe also meine Partner gefragt, was ich von diesen Entwicklungen zu erwarten habe. Letztlich sind das Dinge, die vor Ort organisiert werden, aber ich muss mir keine Sorgen machen.

mm.de: Wie sehen die Arbeitsbedingungen aus?

Weiler: Arbeitskräfte werden teils weit aus dem Hinterland in die Fabriken geworben, etwa Mädchen mit sehr kleinen Fingern. Diese Arbeiterinnen leben in einem Gebäude direkt neben der Fabrik. Auch dort, wo für uns gearbeitet wird, sieht es so aus. Es ist den Arbeiterinnen zwar nicht verboten auszugehen, aber die meisten verlassen das Gelände selten. Essen, trinken, schlafen und arbeiten, all das konzentriert sich dort. Die einzige Unterbrechung sind die Ferien zum chinesischen Neujahrsfest. Solange das Essen reicht, angenehme Musik bei der Arbeit läuft und die Bezahlung pünktlich eintrifft, gibt es wenig, was diese Arbeiterinnen einklagen würden.

Geltendes Recht wird dort eingehalten. Über die Jahre hat sich die Situation der Arbeiter in China erheblich verbessert: Die Arbeits- und Pausenzeiten sind heute klar geregelt, und es gibt ein soziales Netz in der Form, dass Kranke versorgt werden. Inzwischen gibt es sogar eine magere Form von Kündigungsschutz; das geringe Regelungsniveau in diesem Bereich beruht allerdings auf Gegenseitigkeit: Ein chinesischer Arbeiter, der keine Lust mehr hat, geht ja auch einfach, ohne irgendwelche Fristen einzuhalten. So kehren nach dem Neujahrsfest rund 30 Prozent der Arbeiter nicht aus ihren Heimatdörfern zurück.

mm.de: All das ist vermutlich kein Vergleich zu Indien.

Weiler: Dort sind Arbeitnehmer hundertprozentig abgesichert. Der Kündigungsschutz ist hoch, durch strenge Arbeitsverträge mit klar umrissenen Gehaltsstrukturen und Zuschlagsregelungen. Es gibt nicht nur Lohnfortzahlung im eigenen Krankheitsfall. Die Arbeiter bekommen auch frei, um kranke Verwandte zu pflegen - bei vollem Gehalt. Für gewerkschaftlich organisierte Arbeiter ist Indien ein sehr sicheres Land. Angestellte genießen weniger Schutz, ich würde sagen: etwa so wie in Deutschland.

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