Montag, 20. Januar 2020

Indien/China Guru gegen Glückskeks

4. Teil: "Fachkräftemangel in Indien"

mm.de: Der Boom dort hat andere Ursachen?

In Reih und Glied: Morgenappell in einer chinesischen Fabrik
Weiler: Die Wissensindustrie ist in Indien die größte Triebkraft, also Forschung, Entwicklung, Software und Elektronik. Das ist es auch, was den Standort für uns attraktiv macht. Die Vorteile beider Länder liegen auf der Hand. Grob vereinfacht kann man sagen, dass Arbeiter in China bei den meisten Prozessen doppelt so schnell vorankommen wie Inder; dafür wird von den Mitarbeitern indischer Fabriken doppelt so viel nachgedacht. Beides ist von großem Nutzen, für unterschiedliche Aufgaben.

In China ist eine stark standardisierte Massenproduktion gut aufgehoben, in Indien Kleinserien mit hoher Varianz. Die Effizienz in China ist sehr hoch, aber wer alle zwei Wochen die Produktion umstellen muss, weil es der Markt erfordert, der sollte besser nicht in China herstellen.

Ein großer Nachteil von Indien ist die Industriestruktur. Es gibt einerseits einfache Industriebetriebe und andererseits den Hightechbereich, doch das große Segment dazwischen fehlt fast völlig. Einzige Ausnahme ist die Automobilindustrie mitsamt ihren Zulieferern. Aber es wird beispielsweise nach wie vor kein Computer gebaut, im IT-Land Indien!

mm.de: In diesem mittleren Segment hat China also mehr vorzuweisen.

Weiler: Ganz recht, und zwar obendrein mit einer viel stärkeren Ausdifferenzierung der einzelnen Bereiche. Das geht übrigens einher mit einer sehr ordentlichen Ausbildungsphase für normale Arbeiter in China. Auf der Ebene der Arbeits- und Prozessorganisation wird es dann wieder dünn, vom Vorarbeiter bis zum Diplomingenieur. Deshalb verharrt China auf dem Niveau der Massenproduktion. Oberhalb davon kann Indien wieder punkten: Luft- und Raumfahrt zum Beispiel, Gentechnologie, Rüstungsindustrie, Wissenschaftsindustrie - in all diesen Bereichen ist Indien stark. Was fehlt, sind dann oft wieder die Facharbeiter. Die müssen wir für unsere indischen Standorte selbst ausbilden.

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