EM-Euphorie Wirtschaft erwartet keinen Schub

Deutschland ist seit dem Einzug ins Halbfinale im EM-Fieber. Konsumforscher, Einzelhändler und Ökonomen lassen sich von der Jubelstimmung um Schweini, Poldi und Co aber nicht anstecken: Sie erwarten keinen positiven positiven Konjunktureffekt durch das gute Abschneiden der Mannschaft von Bundestrainer Jogi Löw.

Berlin - "Die EM-Euphorie verdrängt vielleicht vorübergehend die negativen Schlagzeilen über steigende Preise und Kaufkraftverlust", sagte Konsumforscher Rolf Bürkl von der Nürnberger GfK. Fast 28 Million Zuschauer verfolgten den 3:2 -Triumph im Viertelfinale über Portugal an den Bildschirmen, Zehntausende feierten anschließend auf den Straßen. Kurzfristig könne die neu entfachte Euphorie die Konsumlaune etwas heben. Langfristige Effekte erwartet der Experte aber nicht - zumal die EM schon nächste Woche zu Ende geht. "Die Menschen merken beim täglichen Einkauf und an den Zapfsäulen, dass ihre Kaufkraft schmilzt", sagt Bürkl. "Das wiegt schwerer."

Auch die Einzelhändler, die bislang den Anschluss an den Aufschwung verpasst haben, erwarten keine Trendwende. "Wir glauben nicht, dass uns die EM einen großen Schub bringt", sagt der Sprecher des Branchenverbandes HDE, Hubertus Pellengahr. "Selbst wenn wir die EM gewinnen: Die Verbraucher werden die hohen Benzinpreise nicht vergessen." Positive und negative Effekte halten sich für den Handel die Waage. Zwar zieht zum Beispiel der Verkauf von Flachbildschirmen vor und während EM- oder WM-Endrunden an. Doch gleichzeitig tummeln sich weniger Kunden in den Geschäften. Millionen Fans versammelten sich in der Vorrunde zur besten Einkaufszeit vor dem Fernseher, um die Spiele um 18 Uhr nicht zu verpassen.

Auch ein Blick zurück zeigt, dass sportliche Großereignisse die Konjunktur nur wenig beflügeln. Die WM 2006 im eigenen Land kurbelte das Wachstum im Frühjahrsquartal um etwa 0,2 Punkte an, wie die Bundesbank herausfand. Dafür sorgten nicht so sehr die Deutschen, sondern vor allem ausländische WM-Touristen. Sie gaben viel Geld für Hotels, Taxis, Eintrittskarten und Restaurantbesuche aus. Dass die Wirtschaft 2006 mit 2,9 Prozent das kräftigste Wachstum seit sechs Jahren schaffte, hatte wenig mit der WM, aber viel mit dem Industrieboom und vorgezogenen Käufen wegen der Mehrwertsteuererhöhung zu tun.

Einige Branchen profitieren dennoch vom EM-Fieber. Der Sportausrüster Adidas , der die deutsche Elf ausstattet und den offiziellen Spielball der Euro 2008 stellt, sieht sich schon als Sieger der EM in Österreich und der Schweiz. Der Umsatz mit Fußball-Produkten wie Bällen, Schuhen oder Trikots werde in diesem Jahr den Rekordwert von mehr als 1,2 Milliarden Euro erreichen, sagte Konzernchef Herbert Hainer: "Damit sind wir - sportlich ausgedrückt - nicht nur eine Runde weiter, sondern bereits jetzt Gewinner der EM".

Auch viele Kneipen und Restaurants spült die EM zusätzliches Geld in die Kasse. "Ich kann mir vorstellen, dass ein paar Bier mehr getrunken und einige Bratwürste mehr gegessen werden", sagt WestLB-Ökonom Jörg Lüschow. "Aber meine Wachstumsprognose für Deutschland werde ich selbst dann nicht anheben, wenn wir den Titel holen."

René Wagner und Erik Kirschbaum, reuters

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