Kreditkrise Geld ohne Bank

Mittelständische Unternehmen expandieren trotz Kreditkrise. Viele sind auf klassische Bankkredite nicht mehr angewiesen. Doch auch bislang robuste Firmen müssen neue, kreative Konzepte entwickeln – sonst holt sie der lange Arm der Finanzkrise doch noch ein.

Hamburg - Im Bankensektor ist derzeit Erleichterung zu spüren. Die erste Welle der Hypothekenkrise hat die Kreditinstitute schwer durchgeschüttelt, aber kein Bankhaus dahingerafft. Mit kräftiger Unterstützung von Notenbanken und Steuerzahlern sind viele Finanzhäuser nun dabei, ihre Bilanzen schrittweise zu stabilisieren. Nach dem katastrophalen Risikomanagement der vergangenen Jahre werden sie nun umso genauer hinschauen, an welche Kunden sie noch Geld verleihen.

Dies sollten eigentlich beunruhigende Nachrichten für den Mittelstand sein. Die kleinen und mittleren Unternehmen sorgen für zwei Drittel aller Arbeitsplätze in Deutschland, haben eine traditionell recht dünne Eigenkapitaldecke und müssen gleichwohl mutig investieren, um ihre Position auf dem Weltmarkt zu verteidigen. Eine Verteuerung der Kredite, gleichzeitig stark steigende Kosten für Öl und Rohstoffe: Das klingt nach Schwierigkeiten.

Umso überraschender, wie robust sich der deutsche Mittelstand derzeit präsentiert. Von einer Kreditklemme könne noch keine Rede sein, ergab eine Umfrage des Ifo-Instituts Anfang Mai. 82 Prozent von insgesamt 2700 Unternehmen hätten trotz der weltweiten Turbulenzen weiterhin ausreichende Möglichkeiten, ihr Wachstum zu finanzieren. Nur jedes fünfte Unternehmen rechnet für die kommenden drei Monate mit einer Verschlechterung der Bedingungen, die große Mehrheit bleibt gelassen.

Neue Wege mit Steuer- und Ratingvorteilen

Warum eigentlich? Mittelständische Unternehmen profitieren seit Jahren von einer guten Auftragslage. Selbst in diesem Jahr sind die Auftragsbücher trotz abkühlender Konjunktur bei vielen Unternehmen noch gut gefüllt: Die verstärkte Nachfrage aus den Schwellenländern nach Maschinen, Anlagen und Infrastrukturgütern kommt den mittelständischen Global Playern entgegen. Doch Gewinne allein reichen nicht aus, wenn man nicht gleichzeitig die Strukturen und die für künftige Kredite wichtigen Kennzahlen verbessert.

Dass die Kreditkrise am deutschen Mittelstand bislang weitgehend abtropft, hat auch mit der guten Vorbereitung der Unternehmen zu tun. "Viele Unternehmen haben ihre Hausaufgaben erledigt", sagt Norbert Winkeljohann, Leiter des Bereichs Mittelstand und Vorstandsmitglied bei PricewaterhouseCoopers (PwC). "Sie haben nicht nur ihre Kreditwürdigkeit gezielt verbessert, sondern können auch andere Finanzierungsformen abseits des klassischen Bankkredits nutzen."

Seit der Verschärfung der Richtlinien zur Kreditvergabe (Basel II) stoßen solche alternativen Finanzierungswege auf steigendes Interesse. Statt durch einen Bankkredit kann ein Unternehmen sein Wachstum zum Beispiel durch den Verkauf von eigenen Forderungen, durch die Ausgabe von Schuldscheinen, durch sogenannte Mezzanine-Finanzierungen oder durch Beteiligungskapital (Private Equity) finanzieren. "Einige dieser Alternativen bieten steuerliche Vorteile, erhöhen die Flexibilität oder dienen dazu, die Eigenkapitalbasis zu stärken", sagt Winkeljohann.

Alternativen zum gängigen Kredit

Leasing: "Nicht über Eigentum an Standort binden"

Bei Mittelständlern beliebt sei zum Beispiel das "Sale-and-Lease-back" Verfahren. Unternehmer, die einen Teil ihres Anlagevermögens - wie etwa das Firmengrundstück, das Gebäude, den Maschinenpark oder auch den Fuhrpark - an darauf spezialisierte Leasingunternehmen verkaufen, verkürzen ihre Bilanzsumme und können mit dem Verkaufserlös Schulden tilgen oder Wachstum finanzieren. Im Gegenzug kommen langfristige, aber kalkulierbare Leasingkosten auf sie zu.

Einige Unternehmer scheuen sich noch vor dem Verkauf des Tafelsilbers, doch die Mehrzahl gehe inzwischen gelassener mit dem Thema um, so Winkeljohann: "Sie wollen nicht in Steine und Erde investieren, sondern in die langfristige Entwicklung des Unternehmens. Außerdem kann ein Unternehmen flexibler agieren, wenn es nicht über Eigentum an einen Standort gebunden ist."

Eine andere Variante, seine Aktivseite anzuzapfen, ist der Verkauf von Forderungen. Durch seine Lieferungen und Leistungen an seine Kunden entstehen für das Unternehmen regelmäßig Forderungen. Diese kann es an eine spezielle Finanzierungsgesellschaft verkaufen, die sich das Geld dafür wiederum durch die Ausgabe von Wertpapieren auf dem Kapitalmarkt beschafft.

Verkauf von Forderungen: ABS-Etikett wirkt als Bremse

Mit dem passenden Ankaufprogramm könne sich ein Unternehmen in der Regel auf diese Weise günstiger finanzieren als mithilfe eines klassischen Bankkredits, meint der Experte von PwC. Man braucht jedoch Größe: Voraussetzung für diese Art der Finanzierung sei ein regelmäßiger Forderungsbestand von mindestens fünf Millionen Euro.

Das Problem: Der Verkauf solcher forderungsbesicherten Wertpapiere fällt in die Klasse der Asset Backed Securities (ABS), und seit Beginn der Kreditkrise wollen nur wenige Investoren diese Papiere anfassen. Die Zurückhaltung ist spürbar; die Probleme mit bestimmten ABS-Papieren strahlten auf die gesamte Branche ab.

Schuldscheine oder Private Equity?

Schuldscheine oder Private Equity?

Eine weitere Möglichkeit, ohne Bankkredit an Geld zu kommen, ist die Ausgabe von Schuldscheinen oder Genussscheinen am Kapitalmarkt. "Eine gute Möglichkeit, die Kapitalbasis zu erweitern", sagt Winkeljohann. Jedoch müssen Unternehmen bereits eine gute Bonität sowie einen stimmigen Businessplan präsentieren, um diese Art der Finanzierung nutzen zu können.

"Wer derartige Instrumente des Kapitalmarktes nutzt, muss bestimmte Reportingpflichten erfüllen", ergänzt der Mittelstandsexperte. Ein solcher Zugang zum Kapitalmarkt bringe viel Liquidität, binde aber auch langfristig Kapazitäten im Management.

Wer den direkten Zugang zum Kapitalmarkt scheut, kann als Alternative über Beteiligungskapital nachdenken. Doch wer einen Investor an Bord holt, gibt in der Regel auch Einfluss ab: Private-Equity-Investoren geben Geld, wollen aber im Gegenzug mitbestimmen und regelmäßig informiert werden. Entscheidend ist in diesem Fall, ob beide Partner sich auf langfristige Ziele einigen und eine Vertrauensbasis aufbauen können.

Mezzanine: Das Beste aus zwei Welten?

Verstärkt nachgefragt werden auch die sogenannten Mezzanine-Finanzierungen, die zwischen Eigen- und Fremdkapital angesiedelt sind. Dazu gehören zum Beispiel Stille Beteiligungen, Gesellschafterdarlehen, Nachrangdarlehen oder Wandelanleihen. Der Charme dabei: Das Geld, das auf diese Weise in das Unternehmen fließt, kann im Ratingprozess als wirtschaftliches Eigenkapital angesehen werden.

Dennoch können die regelmäßigen Vergütungen für das Mezzanine-Kapital als betrieblicher Aufwand gelten und dann steuerlich abzugsfähig sein - zumindest in bestimmten Fällen. "Hier muss das Unternehmen jedoch sehr genau prüfen, ob die Voraussetzungen dafür erfüllt sind", sagt Winkeljohann. Im besten Fall wird das wirtschaftliche Eigenkapital gestärkt und gleichzeitig ergibt sich ein positiver Steuereffekt.

Rohstoffpreise wiegen schwerer

Wie Banken polarisieren

Etwa jedes fünfte mittelständische Unternehmen überdenke wegen der Finanzkrise derzeit seine Finanzierungskonzepte, berichtet Winkeljohann mit Blick auf eine PwC-Studie aus dem März: Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft hat 300 Firmen zu ihrer Situation vor dem Hintergrund der Finanzkrise befragt. 13 Prozent der Teilnehmer rechnen damit, Investitionen zurückstellen zu müssen, und etwa jedes zehnte Unternehmen befürchtet, Expansionspläne in neue Märkte zu verschieben. Jedoch denken nur 5 Prozent über Kürzungen im Forschungsetat und nur 4 Prozent über einen Personalabbau nach.

Das Verhalten der Banken unterstütze die Polarisierung zwischen Gewinnern und Verlierern der Kreditkrise. Viele Institute, die sich in der Zeit des billigen Geldes lieber auf das bonusträchtige Investmentbanking konzentriert und die mittelständischen Kunden aus den Augen verloren haben, bemühen sich nun wieder verstärkt um bonitätsstarke Firmenklienten. Diejenigen aber, die jetzt schon Schwierigkeiten mit der Anschlussfinanzierung haben, müssen mit höheren Forderungen rechnen.

"Nicht zu euphorisch planen"

Damit die Schere zwischen Gewinnern und Verlierern nicht noch weiter aufgeht, müssen zuerst die Unternehmen selbst gegensteuern, meint der Mittelstandsexperte. Vier von zehn mittelständischen Unternehmen seien sich laut einer Studie der KfW nicht darüber im Klaren, mit welchen Mitteln sie ihr Rating verbessern können. "Dies zeigt deutlich den Nachholbedarf", sagt Winkeljohann. Über die Ratingkreditkriterien Bescheid zu wissen, sei angesichts nervöser Banken wichtiger denn je: Es gehe nicht nur um die Kosten von Fremdkapital, sondern in manchen Fällen um die Frage, ob man überhaupt noch einen Kredit bekommt.

Die Eigenkapitalquote, der freie Cashflow, die Profitabilität und ein verlässlicher Businessplan gehören zu den Faktoren, die mit darüber entscheiden, ob und zu welchen Bedingungen ein Unternehmen Kredite erhält. "Ein Unternehmen sollte nicht zu euphorisch planen - sonst ist die Gefahr groß, dass der Kreditgeber beim Soll/Ist-Abgleich enttäuscht wird und daraus Konsequenzen zieht", sagt Winkeljohann. Insbesondere seien Unternehmen gut beraten, nicht nur auf den Jahresüberschuss nach Steuern, sondern auch auf die Verbesserung des Cashflows zu achten. Ein offenes Gespräch mit den kreditgebenden Banken schaffe Klarheit darüber, mit welchen Mitteln ein Unternehmen seine Ausgangsposition selbst verbessern kann.

Rohstoffpreise wiegen oftmals schwerer

Außerdem können Landesbürgschaften oder Programm der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) ein Ausweg sein. Staatliche Hilfen sind jedoch auf Dauer kein Ersatz für eigene Anstrengungen - und die Mehrzahl der mittelständischen Betriebe hat vorgemacht, dass sich die Bemühungen zur Verbesserung der Profitabilität und der Eigenkapitalbasis auszahlen. "Viele Unternehmen haben robuste Strukturen geschaffen. Sie sind in der Lage, bei einer Anschlussfinanzierung jetzt auch höhere Anforderungen einer Bank zu erfüllen", sagt Winkeljohann.

Unternehmen müssen sich nicht nur in der aktuellen Kreditkrise behaupten. Die stark gestiegenen Preise für Rohstoffe und Energie sowie der Verfall des Dollar gegenüber dem Euro stellen viele Mittelständler derzeit vor weitere Herausforderungen, meint der Experte von PwC. Dies wiege für einige Unternehmen derzeit schwerer als die jüngsten Turbulenzen an den Kredit- und Finanzmärkten.

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