Schleichende Steuererhöhung Wie kalte Progression die Lohnerhöhung auffrisst

Mehr Gehalt, weniger Einkommen: Schuld daran sind nicht nur steigende Preise, sondern auch schleichende Steuererhöhungen. Rund 63 Milliarden Euro zusätzlich wird der Fiskus allein durch die "kalte Progression" bis 2011 kassieren. Während der Staat an der Inflation verdient, leiden mittlere und kleinere Einkommen.

Hamburg - Die Freude über die moderate Gehaltserhöhung ist dem Angestellten M. rasch vergangen. Um 2,2 Prozent ist sein Bruttogehalt auf jetzt 3577 Euro gestiegen: Die monatliche Einkommensteuer kletterte dagegen inklusive Soli um rund 4 Prozent auf 782 Euro.

Dieses Missverhältnis könnte M. noch verschmerzen - wenn die Inflationsrate von 2,2 Prozent im vergangenen Jahr seine Gehaltssteigerung nicht bereits komplett auffräße. Das Einkommen des Angestellten ist nach Abzug der Inflation real gleich geblieben. Die höhere Steuerlast sorgt jedoch dafür, dass er sich jetzt weniger leisten kann als vorher.

"Schleichende Steuererhöhung" oder "kalte Progression" heißt dieses Phänomen. Da das deutsche Steuersystem die Inflation nicht berücksichtigt, steigt mit jeder nominalen Erhöhung des Bruttolohns auch die Einkommensteuer an - und zwar stärker als das Einkommen selbst. In Zeiten stark steigender Preise sorgt dieser Effekt bei immer mehr Steuerzahlern dafür, dass sie reale Einkommensverluste erleiden: Die Gehaltserhöhung muss schon deutlich über der Inflationsrate liegen, wenn nach der schleichenden Steuererhöhung etwas übrig bleiben soll.

63 Milliarden Euro zusätzliche Steuern in sechs Jahren

Derzeit verschärft sich das Problem. Bei vielen Beschäftigten zehren höhere Steuern plus anziehende Inflation den Gehaltsaufschlag komplett auf. Dass viele Bürger in Deutschland trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs real weniger Geld zur Verfügung haben als noch vor einigen Jahren, liegt nicht nur daran, dass fast alles teurer wird. Auch der deutsche Fiskus, der eben diese Inflation beharrlich ignoriert, kassiert kräftig mit.

Die Sondereinnahmen für den Staat sind enorm. Im Zeitraum zwischen 2001 und 2006 fließen dem Fiskus allein durch die schleichende Steuererhöhung rund 63 Milliarden Euro zusätzlich zu, hat das Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) in Tübingen errechnet. 63 Milliarden Euro zusätzliche Steuern innerhalb von sechs Jahren - ohne, dass man offiziell die Steuersätze anheben muss.

Der Staat verdient auf verschiedene Weise an der hohen Inflation. Wenn die Preise von Waren und Gütern steigen, klettern automatisch auch die Einnahmen aus der Umsatzsteuer, die die Große Koalition auf 19 Prozent angehoben hat. Deutlich größer als das Mehrwertsteuerplus fällt aber der Geldsegen durch die schleichende Einkommensteuererhöhung aus, da mit der Inflation auch die meisten Bruttolöhne steigen. Knapp vier Milliarden Euro zusätzliche Steuern wird der Fiskus allein in diesem Jahr aufgrund der hohen Inflation einnehmen, schätzt der Bund der Steuerzahler.

Wer die Progression eiskalt spürt

Wer die Progression eiskalt spürt

Für Menschen mit geringem und mittlerem Einkommen sind diese automatischen, schleichenden Steuererhöhungen besonders schmerzhaft. Das IAW hat im Auftrag des Wirtschaftsministeriums die Folgen der "kalten Progression" berechnet. Ergebnis: Steuerzahler mit relativ geringem Einkommen sind am stärksten von den Folgen der heimlichen Steuererhöhung betroffen.

Die Steuerlast in der Einkommensgruppe zwischen 10.000 und 15.000 Euro Jahresverdienst klettert zum Beispiel um 8,4 Prozent, wenn der Bruttolohn um knapp 2 Prozent steigt, wie eine Beispielrechnung des IAW für das Jahr 2011 zeigt. In der Einkommensgruppe zwischen 75.000 und 100.000 Euro (ledige) steigt die Steuerschuld dagegen um "nur" 2,6 Prozent.

Der Grund für diese ungleiche Belastung ist der Einkommensteuertarif, erklärt Peter Gottfried, einer der Autoren der IAW-Studie. Zwischen dem steuerfreien Grundfreibetrag in Höhe von derzeit 7664 Euro und einem Jahreseinkommen von 52.152 Euro steigt der Grenzsteuersatz von 15 Prozent bis auf 42 Prozent an: Im Eingangsbereich steigt er relativ rasch, sodass mit jedem zusätzlichen Euro Bruttoeinkommen auch die Steuerlast schnell klettert.

Bei Geringverdienern könne die "kalte Progression" mehr als 80 Prozent der gesamten individuellen Steuermehrzahlung ausmachen, so Gottfried. Oberhalb eines Jahreseinkommens von 52.000 Euro bleibe der Grenzsteuersatz dagegen konstant bei 42 Prozent, sodass sich die durchschnittliche Steuerlast bei steigendem Brutto nur noch geringfügig ändere. Erst bei einem Jahreseinkommen über 250.000 Euro kommen 3 Prozent Reichensteuer hinzu - doch in diesem Bereich dürfte man sich über andere Dinge Sorgen machen als über kalte Progression.

Automatische Wachstumsbremse

Die breite Mittelschicht dagegen bekommt die Progression eiskalt zu spüren. Ein lediger Steuerzahler mit 40.000 bis 45.000 Euro Jahreseinkommen muss bei einer Lohnerhöhung von 1,9 Prozent im Jahr 2011 3,3 Prozent mehr Einkommensteuer zahlen, so ein Ergebnis der IAW-Studie. Ein Ehepaar mit gemeinsamem Einkommen zwischen 45.000 und 50.000 Euro zahlt 3,8 Prozent mehr Steuern. Knapp die Hälfte der zusätzlichen Steuerlast ist allein dem anziehenden Grenzsteuersatz und damit der Progression zuzuordnen.

An der Idee des deutschen Steuersystems, dass ein Gutverdiener auch prozentual mehr Steuern zahlt als ein Geringverdiener, muss man gar nicht rütteln. Doch solange man dabei die jährliche Inflation schlicht ausklammert, kassiert man auf lange Sicht immer mehr Steuern von real stagnierenden oder nur leicht steigenden Einkommen: Das Ergebnis ist eine automatische Wachstumsbremse, da den Haushalten immer mehr Kaufkraft entzogen wird.

Wie man die Wachstumsbremse löst

Wie man die Wachstumsbremse löst

"Der einfachste Weg, die Bremswirkung der kalten Progression zu entschärfen, ist eine Anpassung des Steuertarifs", sagt Gottfried. Dies bedeutet, die Einkommensgrenzen an die jährliche Teuerungsrate anzupassen: Wer im Vorjahr 30.000 Euro brutto verdient hat, könne bei einer Jahresinflation von 3 Prozent im Folgejahr dann 30.900 Euro verdienen, ohne dass sich der Grenzsteuersatz ändert.

"Eine solche automatische Anpassung ist technisch ohne großen Aufwand machbar", meint der Ökonom. Er verweist auf Länder wie Kanada, Frankreich oder die Schweiz, die ihr Einkommensteuersystem entsprechend gestaltet haben.

Das Zögern der Politik, die Inflation im Steuersystem zu berücksichtigen, hat jedoch mehrere Gründe. Erstens sind die zusätzlichen Einnahmen aus der schleichenden Steuererhöhung stattlich - und sie haben den Vorteil, dass sie automatisch hereinkommen, ohne dass man die Wähler mit offiziellen Steuererhöhungen ärgern muss.

Zweitens birgt die Berücksichtigung der Inflation die Gefahr, dass im Fall von steigenden Preisen, aber stagnierenden Löhnen die Steuerbelastung automatisch sinken müsste - statt einer heimlichen Steuererhöhung wie derzeit wäre das Ergebnis eine heimliche Steuersenkung. Und wenn man schon Steuern senkt, will man das doch lieber mit viel Getöse im Wahlkampf tun - eine heimliche Steuersenkung passt nicht ins politische Kalkül.

Verteilung nach unten - Mittelschicht bleibt im Stress

Eine andere Variante: Man verwendet die Mehreinnahmen aus der "kalten Progression" dazu, die Einkommensteuersätze abzusenken und vor allem die überproportional betroffenen Geringverdiener zu entlasten. Auch dieses Szenario hat das IAW im Auftrag des Wirtschaftsministeriums durchgerechnet. Ergebnis: Die schleichende Steuererhöhung sorgt in den Jahren 2011 bis 2012 für Mehreinnahmen in Höhe von rund neun Milliarden Euro. Dieses Geld reicht zur Gegenfinanzierung aus, um den steuerfreien Grundfreibetrag von 7664 Euro auf 9145 Euro zu erhöhen und die Steigung des Grenzsteuersatzes im unteren Einkommensbereich etwas abzuflachen.

Konkret würde die "erste Progressionszone" auf einen Einkommensbereich von 9146 Euro auf 19.365 Euro ausgedehnt - und in diesem etwas breiteren Bereich würde dann der Grenzsteuersatz zwischen 15 und 27 Prozent linear ansteigen. Eine solche Tarifreform, die Steuerzahler mit geringerem Einkommen entlasten würde, kostet nach Berechnungen des IAW rund acht Milliarden Euro.

"Der Nachteil an dieser Umverteilung wäre, dass sich in der mittleren Einkommenszone kaum etwas verändert und die Belastungen sehr hoch bleiben - solange man die mittlere Zone nicht streckt und den Spitzensteuersatz erst bei höheren Einkommen ansetzt", sagt Gottfried. Das bedeutet, die Mittelschicht würde weiterhin unter der schleichenden Steuererhöhung leiden - die trotz einer kosmetischen Veränderung weiterhin im System erhalten bleibt.

Die Steuermehreinnahmen, die sich über die Jahre durch die kalte Progression ansammeln, sind beachtlich, sagt der Ökonom des IAW. Doch solange es diesen Effekt gibt, haben Beschäftigte real nichts von Lohnerhöhungen, die nur knapp über die Inflationsrate hinausgehen. Sie haben meist sogar weniger als vorher.

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