Übernahmen Abkühlung

Seit der Kreditkrise gehen Finanzinvestoren das M&A-Geschäft ruhiger an. Für deutsche Unternehmen haben Fusionen und Übernahmen dennoch weiterhin eine hohe strategische Bedeutung.
Von Rita Syre

Frankfurt am Main – Jedes dritte deutsche Unternehmen plant in den nächsten 18 Monaten eine verstärkte M&A-Tätigkeit. Dies geht aus einer Umfrage der Deloitte & Touche Wirtschaftsprüfungsgesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Managementforschung (DGMF) hervor. 42 Prozent der Befragten erwarten dagegen keine Veränderung bei den Aktivitäten, während ein Viertel von weniger Fusions- und Übernahmetransaktionen ausgehen.

"Das Ergebnis ist angesichts der Finanzkrise dennoch bemerkenswert", meint Christoph Wamser von der DGMF bei der Präsentation der Studie in Frankfurt.

Deloitte & Touche und die Managementforschungsfirma haben im August und im September 150 M&A-Verantwortliche deutscher Unternehmen aus den Branchen Fertigungs-, Technologie- und Konsumgüterindustrie, dem Handel sowie dem Finanz- und Bankensektor zur Entwicklung im M&A-Markt befragt. Dabei lag der Schwerpunkt auf Gesellschaften mit einem Umsatz von 50 Millionen bis 500 Millionen Euro (90 Firmen). Befragt wurden auch Finanzinvestoren.

Unternehmen mutieren vom Verkäufer zum Käufer

Eine vergleichbare frühere Umfrage von Deloitte liegt nicht vor. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft greift zum Vergleich auf eine im April von ihr und der Economist Intelligence Unit (EIU) durchgeführte Umfrage unter 276 M&A-Entscheidern rund um den Globus zurück. Damals hatten 47 Prozent der Befragten eine Zunahme der Aktivitäten geplant, während nur 11 Prozent die Transaktionen zurückfahren wollten.

"Vor allem Unternehmen planen in der nächsten Zeit Zukäufe, während die Finanzinvestoren zurückhaltender sind", sagt der M&A-Experte von Deloitte, Jan Stratmann. Die Firmen hatten zuvor eher auf der Verkäuferseite gestanden. Ein zentraler Grund dafür waren die stark gestiegenen Preise.

Private-Equity-Gesellschaften hatten vor der Finanzkrise die Preise für Unternehmen nach oben getrieben. Jetzt flache aber der Preiswettbewerb ab, so dass die Unternehmen mehr Chancen für Akquisitionen sehen würden, erläutert Stratmann.

Europa wichtigste Zielregion

Schwerpunkt Fertigungsindustrie

Aufgefächert nach Branchen setzt die Fertigungsindustrie am stärksten auf Fusionen und Übernahmen. 33 Prozent der befragten Verantwortlichen wollen aktiver werden, während die Vertreter des Finanz- und Bankwesens die größte Zurückhaltung üben. Nur 19 Prozent wollen das Tempo erhöhen. Am stärksten (43,8 Prozent) wollen die Vertreter der Konsumgüterindustrie und des Handels ihre Aktivitäten zurückfahren.

Als wichtigste positive Einflussfaktoren für die Bereitschaft zu M&A-Transaktionen nennen die Befragten die politische Stabilität (34,6 Prozent), die Konjunkturentwicklung (30,8 Prozent) sowie die Kapitalkosten (15,4 Prozent) und die Kapitalverfügbarkeit (12 Prozent). Ein Ergebnis, das nach Ansicht von Elisabeth Denison von Deloitte durchaus kritisch zu sehen ist.

"Vor dem Hintergrund der anstehenden zahlreichen wichtigen Wahlen und der Konjunkturunsicherheit durch die Finanzkrise könnten sich hier in kurzer Zeit viele signifikante Änderungen vollziehen", gibt sie zu Bedenken. An dieser Stelle bestehe sicherlich ein Risikopotenzial für die Entwicklung am Markt für Fusionen und Übernahmen. Zudem wird laut Umfrage die Verfügbarkeit von Kapital zu einem "kritischen Faktor". "43 Prozent der befragten Finanzinvestoren erwarten eine negative Auswirkung auf Ihre M&A-Aktivitäten", sagt Denison.

Als wichtigste Ziele eines Zukaufs oder eines Zusammenschluss nennen die Befragten die Verbesserung ihrer Wettbewerbsposition, gefolgt von der geographischen Expansion in neue Märkte. Bei der von Deloitte herangezogenen, im April erfolgten Umfrage war dies noch genau umgekehrt. Die deutschen Firmen haben bei der Expansion vor allem Westeuropa und die Länder der neuen EU-Mitglieder im Visier. 74 Prozent sehen hier die wichtigsten Zielregionen für Fusionen und Übernahmen. Vor Russland, China oder Indien werden erst noch die USA und Kanada genannt.

Das Bild ändert sich allerdings, wenn das Ergebnis nach Unternehmensgröße aufgespaltet wird. Der Mittelstand präferiert westeuropäische Firmen, während die Großunternehmen vor allem in den neuen EU-Staaten, Indien und Russland zukaufen möchten. Eine Ausnahme bildet dabei abermals die Fertigungsindustrie. Für sie ist Asien klar die erste Wahl. Drei von vier Unternehmen des Sektors wollen nach China oder Indien expandieren.

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