China Abschied von der Werkbank

China bittet ausländische Unternehmen künftig stärker zur Kasse. Mit ihrer Steuerreform forciert die boomende Volkswirtschaft den Wandel von der Werkbank der Welt zum Hightech-Standort. manager-magazin.de sagt, wie Investoren und Unternehmen auf den Zeitenwechsel reagieren sollten.

Hamburg - Aus wenigen Seiten spricht viel Selbstbewusstsein. Mit dem neuen Einkommensteuergesetz für Unternehmen, das ab Januar 2008 gelten wird, führt China eine einheitliche Besteuerung in- und ausländischer Unternehmen ein und fährt gleichzeitig die bislang gewährten Steuervorteile zurück. Gewinne von chinesischen wie von ausländischen Unternehmen sollen künftig einheitlich mit einem Körperschaftsteuersatz in Höhe von 25 Prozent besteuert werden: Für ausländische Investoren bedeutet die neue Unternehmensbesteuerung eine Zeitenwende.

"Das Gros der ausländischen Unternehmen in China muss künftig mit einer höheren Steuerlast rechnen", sagt Manfred Burkert, Leiter des "China Competence Centers bei der Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft Ernst & Young. Der aktuelle Regelsteuersatz in China liegt zwar derzeit bei 33 Prozent: Aufgrund zahlreicher Vergünstigungen zahlen die meisten "Foreign Invested Enterprises" (FIE) aktuell jedoch deutlich weniger Steuern.

So sind Produktionsunternehmen bislang in den ersten zwei Jahren ganz und für weitere drei Jahre zur Hälfte von der Steuer befreit, während ausländische, exportorientierte Unternehmen in bestimmten Sonderwirtschaftszonen nur zwischen 15 und 24 Prozent Steuern zahlen müssen.

"Diese Steuerbefreiungen laufen aus. Steueranreize werden künftig auf eine deutlich kleinere Zielgruppe beschränkt", erklärt Burkert. "Bei dieser Umstellung wird es Gewinner und Verlierer geben."

Mit der Reform reagiert Peking einerseits auf den Druck der WTO, die Ungleichbehandlung zwischen chinesischen Unternehmen mit 33 Prozent Steuersatz und ausländischen Unternehmen aufzuheben. Nebenbei demonstriert die boomende Volkswirtschaft Selbstbewusstsein: Investoren müssen nicht mehr mit massiven Steueranreizen ins Land gelockt werden, sondern unterliegen einer ähnlichen Besteuerung wie in vielen etablierten Industrienationen.

Wer von den neuen Regeln profitiert

Wer von den neuen Regeln profitiert

Steuervergünstigungen konzentrieren sich künftig vor allem auf Unternehmen aus dem Bereich Hochtechnologie. Für sie soll weiterhin ein ermäßigter Steuersatz von 15 Prozent gelten. Dies deutet auf ein neues Selbstverständnis der Volkswirtschaft hin: China sieht sich nicht mehr als "verlängerte Werkbank für die Welt", in der arbeitsintensive, aber technologisch eher anspruchslose Güter zu günstigen Preisen produziert werden.

Stattdessen will Peking technologisch anspruchsvolle Unternehmen ins Land locken und an deren Produkten mitverdienen.

"Die Struktur der chinesischen Wirtschaft soll sich zugunsten von Hightech-Investitionen weiterentwickeln", sagt Jan Becker, Partner bei der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC). Ziel der Volkswirtschaft ist, in der Wertschöpfungskette weiter nach oben zu klettern: Während auf ausländische Unternehmen, die in China vor allem arbeitsintensive Massenprodukte herstellen, im Regelfall eine höhere Steuerlast zukommt, dürften Technologieunternehmen von den neuen Prioritäten profitieren.

Der Reiz der "Super-Deductions"

"Das neue Unternehmensteuergesetz ist nur als generelles Rahmenwerk konzipiert, das detaillierte Festlegungen in weiten Teilen vermeidet", betont Becker. Unternehmen sollten daher in Ruhe prüfen, was die Änderungen für sie bedeuten und ob sie eventuell für die neue Förderung infrage kommen.

Die besondere Bedeutung der Technologieförderung in China wird nach Einschätzung des Ernst&Young-Experten Burkert nicht nur durch den ermäßigten Steuersatz für die Technologiebranche deutlich. Sie zeigt sich auch darin, dass der Forschungs- und Entwicklungsaufwand (F&E) für bestimmte neue Technologien, Produkte und Prozesse ebenfalls begünstigt werden soll. Geplant ist ein Steuerabzug, der den tatsächlich angefallenen F&E-Aufwand übersteigt (sogenannte Super-Deductions). Außerdem sind erhöhte Abschreibungen oder verkürzte Abschreibungszeiträume für bestimmte Wirtschaftsgüter möglich, die für technologische Forschung und Entwicklung eingesetzt werden.

In den Genuss der stärker fokussierten, branchenbezogenen steuerlichen Förderung sollen neben der Technologiebranche auch Unternehmen aus den Bereichen Umweltschutz, Land- und Forstwirtschaft, Fischerei, Beteiligungskapital sowie Projekte zur Energie- und Wassereinsparung kommen. Der State Council wird dafür noch eine Förderungsrichtlinie erarbeiten.

Wie Unternehmen reagieren sollten

Wie Unternehmen reagieren sollten

Die Steuerreform in China hat weitreichende Folgen für ausländische Investoren. "Für Unternehmen, die nicht von den branchenbezogenen Steuerermäßigungen profitieren, wird in Zukunft die Steuerplanung und Steuergestaltung immer wichtiger", betont Burkert. Spielten steuerliche Aspekte für ausländische Investoren in China bislang eine eher untergeordnete Rolle, dürften Unternehmen auch im Reich der Mitte künftig verstärkt nach Mitteln und Wegen suchen, ihre lokale Steuerlast durch entsprechende Steuergestaltung zu reduzieren.

"Die Unternehmensteuerreform markiert für China einen entscheidenden Schritt von einem faktischen Niedrigsteuerland hin zu einem normalen Investitionszielland mit einem international üblichen Steuersatz von 25 Prozent", ergänzt Becker. Auf die zu erwartende erhöhte Steuerlast können Unternehmen nach Einschätzung des PwC-Steuerexperten reagieren, indem sie zum Beispiel chinesische Tochterunternehmen stärker durch Fremdkapital finanzieren, um die Steuerlast in China zu drücken. Allerdings plant Peking die Einführung von Beschränkungen, um übermäßige Fremdfinanzierungen zu verhindern.

Fremdkapital einsetzen, Betriebsfunktionen verteilen

Eine weitere Möglichkeit der Steuerersparnis sieht Becker darin, betriebliche Funktionen und Risiken in Asien neu zu verteilen. So könnten besonders werthaltige Funktionen zum Beispiel in Hongkong oder Singapur konzentriert werden, wo niedrigere Steuersätze und zahlreiche Ausnahmeregelungen gelten.

Auch nach Einschätzung des Ernst&Young-Experten Burkert werden derlei steuereffiziente Geschäftsmodelle in China an Bedeutung gewinnen. "Um die lokale Steuer in China zu reduzieren, kommen klassische Instrumente der "Local Base Erosion" infrage", sagt Burkert. Durch das Ansetzen von Finanzierungs- und Lizenzaufwand, durch Kostenumlagen oder durch die Gestaltung von Verrechnungspreisen könnten Unternehmen in China ihre Steuerlast möglicherweise drücken.

Quellensteuer auf Dividenden geplant

Bitter für Investoren ist zum Beispiel auch die vorgesehene Quellensteuer in Höhe von 20 Prozent auf Dividenden chinesischer Unternehmen, wobei allerdings der Staatsrat noch eine Befreiung vorsehen kann. Für deutsche Unternehmen mit profitablen Tochtergesellschaften in China reduziert sich der Abzug auf Grund des Doppelbesteuerungsabkommens zwar auf 10 Prozent, aber dennoch würde sich die Nettodividende vermindern. Möglicherweise kann diese Belastung durch die Auswahl einer Zwischenholding vermieden werden. "Auf jeden Fall sollte überlegt werden, ob im Hinblick auf die ab 2008 drohende Belastung noch in diesem Jahr Gewinne ausgeschüttet werden sollten", so Burkert.

Regeln und Rangeln mit dem Fiskus

Regeln gegen Missbrauch - Rangeln mit dem Fiskus

Einer allzu sportlichen Steuergestaltung will Peking jedoch einen Riegel vorschieben. Mit neuen Regeln zur Bekämpfung von Missbrauch sowie weiteren Vorschriften schränkt China den steuerlichen Gestaltungsspielraum für Unternehmen ein. Dazu gehören zum Beispiel Regelungen für Konzernverrechnungspreise, Bestimmungen über den Zinsabzug von Gesellschafterdarlehen sowie Strafzuschläge für nacherhobene Steuern.

Nach den Worten des chinesischen Finanzministers Jin Ren Qing werde es ein einfaches Steuersystem mit niedrigen Sätzen und breiter Bemessungsgrundlage, jedoch gleichzeitig einen "strengen Vollzug" geben. "Auch dies ist ein Schritt in Richtung Normalität", meint Burkert. "Der Gestaltungsspielraum wird zwar enger, doch gleichzeitig sorgt die neue Steuergesetzgebung für mehr Transparenz. Damit dürfte sich die Rechts- und Planungssicherheit für Investoren erhöhen."

"Die Steuerferien in China sind zu Ende", sagt PwC-Experte Becker. Für ausländische Unternehmen, die von der bisher geltenden "2+3-Regel" (Steuerfreiheit in den ersten zwei Jahren sowie halbierte Steuerlast in den folgenden drei Jahren) aufgrund von Anlaufverlusten noch nicht profitieren konnten, gelten zumindest Übergangsfristen. Die Übergangsphase beginnt im Januar 2008 und dauert maximal fünf Jahre - auch dann, wenn das Unternehmen in dieser Phase noch Verluste erzielen sollte. Eine Verlängerung über 2013 hinaus ist nicht vorgesehen.

"Der regionale Fokus fällt weg"

Für viele Auslandsinvestoren bringt die neue Unternehmensbesteuerung in China höhere Belastungen, da zahlreiche, meist auf bestimmte Standorte bezogene Steuervergünstigungen wegfallen. Dies hat jedoch auch Vorteile: "Der einheitliche Unternehmensteuersatz führt zu klareren steuerlichen Wettbewerbsbedingungen", betont Becker. Der regionale Fokus entfalle: Unternehmen müssten sich nicht mehr aus ertragssteuerlichen Gründen auf Sonderwirtschaftszonen an der Küste oder in Zentralchina konzentrieren. Sie haben künftig freien Blick auf die gesamte Landkarte.

Die chinesische Steuerreform wird nach Einschätzung von Becker deutliche Auswirkungen auf die Investitionsrechnung ausländischer Unternehmen haben. Insgesamt dürfte auch die Nettorendite vieler deutscher China-Investoren durch die neuen Regelungen sinken, wenn die Unternehmen nicht durch entsprechende Steuergestaltung gegensteuern. Von Aktionismus rät Becker zum aktuellen Zeitpunkt jedoch ab: "Viele Details werden erst in den kommenden Monaten bekannt gegeben - erst dann sollte man konkret reagieren." Es könne jedoch nicht schaden, sich schon jetzt auf grundlegende Veränderungen in China einzustellen.

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