Pandemie "Der Ernstfall wird eintreten"

Experten sind sich sicher, dass in den nächsten Jahren eine weltweite Krankheitswelle, eine sogenannte Pandemie, ausbrechen wird. Wenn das geschieht, dann sind Unternehmen aller Größen in ihrer Existenz bedroht. manager magazin sagt, wie sich Betriebe und Mitarbeiter für den Ernstfall wappnen können.

Hamburg - Wenn ein Radiosender fast nur noch Musik spielt, bedeutet das nicht zwingend einen freiwilligen Verzicht auf die meist nur halbwitzigen Wortbeiträge. Es könnte auch daran liegen, dass nahezu alle Moderatoren erkrankt sind. So geschehen Ende Februar bei Alster Radio. 20 der 26 Mitarbeiter lagen grippekrank zu Hause - der Hamburger Sender konnte nur noch ein Notprogramm fahren.

Nach wenigen Tagen hatte sich die Situation zwar wieder normalisiert, doch dieser Fall deutet an, was passieren kann, wenn eine Pandemie auftritt. Eine Infektionskrankheit, die sich nicht nur regional beschränkt, sondern schnell weltweit verbreitet, würde viele Unternehmen - egal, ob kleiner Mittelständler oder global agierender Konzern - in der Existenz gefährden.

Im Gegensatz zu jährlich auftretenden mehr oder weniger heftigen Grippewellen treten im Abstand von Jahrzehnten Epidemien auf, die den ganzen Globus treffen können. "In der Vergangenheit kam es alle zehn bis 40 Jahre zu einer solchen Pandemie, die Millionen Todesopfer forderte", so Axel Schmidt, Leiter der Pandemievorsorge bei GlaxoSmithKline, im Gespräch mit manager-magazin.de.

So forderten in den Jahren 1957/58 beziehungsweise 1968/69 die Asiatische Grippe und die Hongkong-Grippe jeweils etwa eine Million Menschenleben. Noch schlimmer wütete 1918/19 die Spanische Grippe mit mehr als 20 Millionen Toten. Experten erwarten, dass in den nächsten Jahren erneut eine Pandemie ausbrechen wird. "Der Ernstfall wird eintreten", sagt Schmidt.

Ausfall von 50 Prozent der Mitarbeiter

Ausfall von bis zu 50 Prozent der Mitarbeiter

Laut Welthandelsorganisation (WHO) ist die Gefahr einer Pandemie höher denn je. Bund und Länder haben basierend auf den Empfehlungen der WHO einen Influenzapandemieplan erstellt. Ziel ist es, die Erkrankungs- und Sterblichkeitsraten möglichst gering zu halten und wirtschaftliche Schäden zu minimieren.

Auch wenn man derzeit kaum noch etwas von ihr hört: Experten sind nach wie vor der Ansicht, dass der Vogelgrippestamm H5N1 der wahrscheinlichste Kandidat für eine Pandemie ist. In einem solchen Fall käme es zu einer grundlegenden Veränderung der Influenza-Viren, auf die kein menschliches Immunsystem vorbereitet ist. "Eine pandemische Welle dauert acht bis zwölf Wochen und erreicht in der vierten Woche ihre volle Wucht. Ziel muss es sein, diese Welle abzumildern", so Schmidt. Mehrere Hersteller arbeiten derzeit an der Entwicklung von Impfstoffen.

Wichtig ist jedoch auch die Vorsorge in den einzelnen Unternehmen. Für den Fall einer Pandemie drohen der Ausfall bis zu 50 Prozent der Mitarbeiter und damit mittelfristig auch der Produktion. Ganze Betriebe könnten so über einen längeren Zeitraum geschlossen werden und damit vor der Insolvenz stehen. Auch die Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen würde wegen der Erkrankungen stark nachlassen. Die Weltbank schätzt den möglichen weltweiten Schaden einer Pandemie auf 1,6 Billionen Euro.

Rechtzeitige Vorsorge könnte solche Folgen zumindest abmildern. "Wir gehen davon aus, dass nur etwa 10 Prozent der Unternehmen fertige Pläne in der Schublade haben. Besonders im Mittelstand besteht hier Nachholbedarf", warnt Schmidt.

"Unternehmen müssen zum Beispiel Vorsorge treffen, dass ihre Mitarbeiter auch von zu Hause aus arbeiten können", so Schmidt. Einige Konzerne gehen mit gutem Beispiel voran: Bei dem Softwarekonzern SAP sei das beispielsweise bereits jetzt möglich, andere Branchen tun sich da natürlich schwerer, berichtet der Experte für Pandemievorsorge.

Wenn die Angst zum Berater wird

Wenn die Angst zum Berater wird

Die vorbeugenden Schritte sind vielfältig: "Für jede Schlüsselposition im Betrieb sollte eine Vertretungsregelung vorhanden sein", nennt Schmidt eine wichtige Regel. GlaxoSmithKline hat eine Liste mit Maßnahmen erstellt zur innerbetrieblichen Koordination der Pandemievorsorge:

  • Etablierung eines Krisenmanagements
  • Identifikation kritischer Personen und Strukturen
  • Kommunikation im Krisenfall
  • Zusammenarbeit mit Institutionen
  • nicht-medikamentöse Maßnahmen
  • Impfkampagnen zur saisonalen Grippeimpfung
  • routinemäßige Gesundheitsprogramme für Vielreisende
  • Entscheidung über die Bevorratung mit antiviralen Mitteln

Antivirale Arzneimittel wie Tamiflu vom Pharmakonzern Roche oder Relenza vom Wettbewerber GlaxoSmithKline können zumindest die Erkrankungsdauer reduzieren und mögliche Sekundärerkrankungen wie Bronchitis oder Lungeentzündung im Heilungsprozess positiv beeinflussen. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem auf den Virus abgestimmte Impfstoffe bereitstehen, sind diese Mittel die sinnvollste Möglichkeit einer medizinischen Vorbeugung.

Darüber hinaus ist jedoch ein eingespieltes Krisenmanagement von entscheidender Bedeutung, besonders in den Unternehmen: "Bei Degussa wurde ein solches Krisenszenario schon drei Mal durchgespielt und somit auch drei Mal optimiert", so Schmidt.

Möglichkeiten, dies mit professioneller Hilfe zu tun, sind durchaus vorhanden: "Anfang November 2007 findet in Deutschland eine große, länderübergreifende Krisenmanagementübung zur Bewältigung einer Influenza-Pandemie statt, Lükex 2007. Daran werden unter anderem der Bund, Bereiche des Gesundheitswesens, Hilfsorganisationen und ausgewählte Unternehmen teilnehmen", so Schmidt.

Wichtig ist es für die Verantwortlichen auch, nicht nur ihr Unternehmen isoliert zu betrachten: "Große Konzerne nehmen in der Vorsorgeplanung auch ihre Zulieferer in die Pflicht", berichtet Schmidt. Doch auch der Blick von außen kann von hoher Bedeutung sein: "Auch Ratingagenturen schauen, wie gut ein Unternehmen für den Fall einer Pandemie gerüstet ist".

Ein großer Teil der Entscheidungsträger in den Betrieben geht jedoch weiterhin davon aus, dass der Staat eingreift. Eine passive Haltung, vor der Schmidt nur warnen kann: "Wenn es darauf ankommt, dann ist sich jede Firma selbst am nächsten". Gibt es dann beim Ausbruch einer Pandemie keinen Plan, fehlt die Zeit, um Maßnahmen auszuarbeiten, die den Betrieb aufrechterhalten. Mit fatalen Folgen, denn "bei mangelnder Vorsorge wird die Angst zum Berater".

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