Mittwoch, 13. November 2019

Wirtschaftsspionage Der unsichtbare Feind

2. Teil: Illegales Reengineering als Kavaliersdelikt

Illegales Reengineering als Kavaliersdelikt

Firmenchefs halten sich ohnehin lieber an Fakten als an Absichtserklärungen. Experten des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) schätzen den jährlichen Umsatzverlust für ein Industrieunternehmen durchschnittlicher Größe auf 3 bis 5 Prozent. Der jährliche Schaden für die Investitionsgüterindustrie liegt demnach bei rund 4,5 Milliarden Euro. Nach Angaben einer Erhebung des VDMA vom vergangenen Jahr sind bereits mehr als zwei Drittel der Unternehmen von Produktpiraterie betroffen.

Spione im eigenen Betrieb:
Nicht nur Arbeitsplätze sind gefährdet, sondern auch die Sicherheit der Kunden und Mitarbeiter
Überwiegend kopiert werden nicht nur Ersatzteile, sondern komplette Maschinen und Anlagen. Global aufgestellte Konzerne mögen dies vielleicht noch verkraften. Bei mittelständischen Zulieferern, bei denen die Gewinnmargen ohnehin permanent unter Druck sind, kann dies leicht die eigene Existenz infrage stellen. Experten nennen nicht nur aufstrebende Schwellenländer wie China und Russland als Urheber, sondern auch die USA und andere Hightech-Staaten.

"Ohne Marken- und Produktpiraterie gäbe es in Deutschland 70.000 Arbeitsplätze mehr", bilanziert Doris Möller, geschäftsführendes Vorstandsmitglied im Aktionskreis deutsche Wirtschaft gegen Produkt- und Markenpiraterie (APM). Nicht nur Arbeitsplätze seien gefährdet, sondern auch die Sicherheit der Menschen und Mitarbeiter, etwa wenn Plagiate in sicherheitssensiblen Anwendungen wie im Automobilbau eingebettet sind.

Nach Angaben des Fachverbandes Werkzeugindustrie sind allein im gewerblichen Bereich rund 3500 Arbeitsunfälle pro Jahr in Deutschland auf Plagiate zurückzuführen. Den Urhebern allein mit den Mitteln der Strafverfolgung beizukommen, entpuppt sich meist als wertloser Papiertiger. Patente und Markenschutz stehen zwar auch im Maschinen- und Anlagenbau ganz oben auf der Agenda. Rechtliche Maßnahmen lösen das Problem indes nur an der Oberfläche. "Die rechtliche Absicherung bietet nur eine Grundlage, Verstöße juristisch zu verfolgen", bestätigt Jens Geissmann, beim VDMA für Fragen zur IT-Sicherheit in den Unternehmen zuständig.

Geissmann setzt neben rechtlichen auch auf technische und organisatorische Maßnahmen, wie die Sensibilisierung der Mitarbeiter, um die Schätze des Unternehmens gegen soziale Schwachstellen (Social Engineering) abzusichern: "Gut informierte und für die Sicherheit sensibilisierte Mitarbeiter tragen dazu bei, dass Know-how-Verlust vermieden wird." Sind die Mitarbeiter darüber informiert, welche Daten und Informationen schützenswert sind, achteten diese verstärkt auf die Sicherheit. "Die Verantwortung ist dabei auf mehrere Schultern verteilt", empfiehlt Geissmann.

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